Auch mit siebzig Jahren wirkt Rolf Schafstall noch immer drahtig und agil. Beinah jeden Tag schuftet der „Fußball-Rentner“ mit Hanteln im Fitness-Studio, um sich fit zu halten. „Malochen!“ Dieses Image zeichnete Schafstall als Verteidiger in der Oberliga West und später als Trainer in der Bundesliga aus. Sein Spezialgebiet: Abstiegskampf. Oft wurde er von Vereinen als „Feuerwehrmann“ engagiert, um den drohenden Absturz in die Zweitklassigkeit zu verhindern. Oft genug gelang es ihm auch.

Rolf Schafstall, der einstige „Feuerwehrmann“ auf der Trainerbank, im Gespräch

„Arbeiten, arbeiten und noch einmal arbeiten!“

Ralf Piorr
03. Januar 2008, 12:56 Uhr

[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/005/745-5829_preview.jpeg „Ich lag immer noch auf der Erde und war ganz ratlos, wie mir das passieren konnte.“ Rolf Schafstall versucht vergeblich, Helmut Rahn zu stoppen. SF Hamborn 07 – 1. FC Köln 2:2 (1:1), 31. Januar 1960, 22.000 Zuschauer. (foto: Sammlung Kurt Müller)[/imgbox]
Sie haben schließlich noch bis 1969 für den SSV Reutlingen in der Regionalliga gespielt und vollzogen dann den Wechsel auf die Trainerbank. War das langfristig geplant?

Ganz und gar nicht. Als ich mit 33 Jahren in Reutlingen aufhörte, kam die Frage: „Mein Gott, was machst Du jetzt eigentlich?“ Ein kleiner Verein auf der Schwäbischen Alb suchte einen Trainer, und ich hatte gerade eine Meniskusoperation hinter mir und wollte einfach ausprobieren, wie das geht. Schließlich ist es etwas ganz anderes vor einer Mannschaft zu stehen. Die Mannschaftssitzung wurde in der Dorfkneipe abgehalten, unten im Keller in einer Art Hobby-Raum. Da stand ich vor der Truppe, gestützt auf meine Krücken, und habe ihnen etwas vom Fußball erzählt. Und ich merkte: Die hören mir ganz genau zu! Das war
für mich ein Schlüsselerlebnis und daraufhin habe ich den Entschluss gefasst, eine Trainerlaufbahn einzuschlagen. Auch in der Trainerausbildung war ich ein ehrgeiziger Hund und wollte immer der Erste sein.

Ihre erste Bundesliga-Station war der MSV Duisburg. Gleich mittendrin im Abstiegskampf.

Ich kam als Co-Trainer von Willibert Kremer zum MSV und im März 1976 wurde er, weil der Verein im Tabellenkeller stand, entlassen. Ich bekam das Ruder in die Hand gedrückt und sollte
den Verein aus dem Abstiegssumpf ziehen, was mir auch gelang. So fing es an, also recht typisch für meine Trainerlaufbahn.

Sie haben schnell den Ruf des Feuerwehrmanns gehabt, der Vereinen im Abstiegskampf oft weiterhelfen konnte.

Nicht oft. Immer! (Lacht.) Ehrlich gesagt: Ich habe diese Aufgaben mit Hingabe übernommen und mir konnte ein Job gar nicht schwierig genug sein. Das Nichtabsteigen hatte ich von der
Pike auf gelernt.

Was waren Ihre Prinzipien?

Grundsätzlich Disziplin und Fleiß. Wenn ein Verein unten drin steht, kann man als Trainer auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nehmen.

Dann müssen sie knochenhart sein und ihre Ankündigungen gegenüber der Mannschaft konsequent umsetzen.

Meistens trifft man im Abstiegskampf auf Mannschaften, die zerstritten sind, in denen Gruppenbildung vorherrscht, die nicht miteinander können. Da muss man mit harter Hand für Ordnung sorgen.

Welche Rolle spielt die Psychologie eines Spielers?

Für mich bestand der Trainerjob immer zu 60 Prozent aus Psychologie und 40 Prozent spielten sich auf dem Platz ab. Man muss als Trainer aufnehmen, was sich in der Mannschaft tut, die Dinge sortieren und entsprechend gewinnbringende Maßnahmen
treffen. Otto Rehhagel sagte mal: „Man muss alle Antennen ausfahren.“ Das stimmt, denn eine Mannschaft ist ein hochkomplexes System.

Beim VfL Bochum haben Sie in den 1980er Jahren den Mythos der Unabsteigbaren mitbegründet. War die Castroper Straße ein besonderer Arbeitsplatz für Sie?

Ganz bestimmt. Dort ging es von Anfang an gegen den Abstieg. Der Präsident Ottokar Wüst musste Jahr für Jahr die besten Spieler verkaufen, und als Trainer musste man dann mit jungen und unerfahrenen Spielern weiter machen. Saison für Saison hieß
es: „Der Klassenerhalt ist alles.“ Spieler wie Lothar Woelk, „Ata“ Lameck und Walter Oswald waren quasi meine Ziehsöhne auf dem Rasen. Dazu kamen junge Spieler wie Martin Kree, Uwe Leifeld, Ralf Zumdick oder Christian Schreier, die alle ihre Karriere beim VfL im Ruhrstadion begannen. Um solche Spieler zu finden, bin ich Sonntag für Sonntag in der Umgebung in den Amateurligen gewesen und habe mir Spiele in der Oberliga und Landesliga angesehen. Für teure Transfers war ja kein Geld da. So kam auch Stefan Kuntz zu mir. Er hatte sein Probetraining an einem Dienstag. Morgens hatte ich seine läuferischen und nachmittags seine fußballerischen Fähigkeiten getestet. Danach habe ich zu ihm gesagt: „Hör mal, Stefan, Du kannst bei uns einen Vertrag unterschreiben. Als Anfangsgehalt kriegst Du 2.500 DM und die Auflauf- und Siegprämien, wenn Du mit dabei bist.“ Er zögerte und gestand schließlich ein, dass er noch ein Probetraining bei Bayern München habe. Da sagte ich sofort: „Weißt Du was, dann musst Du zu Bayern gehen. Dort bekommst
Du mit Sicherheit das Zehnfache von dem, was ich Dir hier in Bochum bieten kann. Aber wenn Du dann ins Olympiastadion gehst, musst Du nur aufpassen, dass Du oben auf der Tribüne
einen schönen Platz in Höhe der Mittellinie bekommst. Du hast zwar das Zehnfache in der Tasche, aber guckst schön zu, wie so ein Rummenigge und Breitner Fußball spielen. Denn: Bundesliga-Fußballer wirst Du nur bei mir, bloß für keine Mark
mehr!“ Zwei Tage später unterschrieb Stefan beim VfL.

Als Spieler und Trainer können Sie fast 50 Jahre Fußballgeschichte überblicken. Was hat sich von der Oberliga West bis zur Bundesliga am stärksten verändert?

Der Fußball hat sich gewandelt. Er ist intensiver geworden. Ob er schöner geworden ist, das sehen die Zeitgenossen wohl immer anders. Zwischen der Oberliga West, die ich als Spieler miterlebt habe, und der Bundesliga, in der ich als Trainer tätig war, liegen
natürlich Welten. Was ganz auffällig ist: Die Identifikation mit einem Verein war bei den Spielern früher viel größer als heute. Man trug das Vereinswappen wirklich noch „auf dem
Herzen“, heute ist es eine oftmals leere Geste beim Torjubel. Dieses „Wir-Gefühl“ war damals sehr ausgeprägt, nicht nur auf dem Platz, sondern man machte auch in der Freizeit einiges gemeinsam. Außerdem hat man immer darauf gewartet, dass es
sonntags wieder losging.

Sie sind dieses Jahr siebzig geworden. Fühlen Sie sich in Rente?

Ich bin Rentner! Aber ich gehe jeden Tag in mein Fitnessstudio und mache dort mein Programm. Außerdem bin ich immer noch in Sachen Fußball unterwegs. Beim VfL habe ich meine Ehrenkarte, die ich zu jedem Heimspiel nutze.

Ich habe gelesen, Sie sind Hobby-Gärtner geworden?

Ach nein, hören Sie auf. Das hat mal einer von ihren Kollegen geschrieben, nur weil ich hier in Krefeld auf dem Land lebe, einen Garten habe und ab und zu meinen Rasen mähe.
Was würden Sie machen, wenn noch einmal ein Anruf käme?

Ich weiß ganz genau, dass das Telefon nicht mehr klingeln wird. Man könnte vielleicht noch eine beratende Tätigkeit ausüben, aber ich würde mich auch nicht mehr auf den Trainingsplatz
hinstellen. Aus dem Alter bin ich wirklich heraus.

Autor: Ralf Piorr

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