Wo andere Sport gucken wollen, warten sie nur auf die Gelegenheit, sich splitternackt ins Geschehen zu mischen: die so genannten Flitzer. Was treibt sie dazu, Millionen von Menschen ihre Genitalien zu zeigen? Wir haben nachgeforscht. Er war der Erste. Michael O’Brian tat es 1974. Ein Bild ging damals um die Welt. Drei Bobbys führen einen Bärtigen mit wehender Mähne vom Spielfeld der Rugbypartie England gegen Wales ab.

Flitzer im Porträt

Mit schleuderndem Gemächt

Christian Dittmar
27. Dezember 2007, 11:20 Uhr

Ernie[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/005/765-5849_preview.jpeg Flitzer Ernie. (Foto: firo)[/imgbox]

Nein, hier ist nicht Berts ewig gutgelaunter Freund aus der Sesamstraße gemeint - bei Ernst Wilhelm Wittig, wie er bürgerlich heißt, handelt es sich um Deutschlands einzigen echten Flitzer. Zumindest sagt er das selbst: »Es gab einen Mann, der ist in Bremen nackt durchs Stadion gelaufen. Er war aber betrunken und hat später seiner Frau geschworen, dass er es nie mehr machen würde.« Also natürlich kein Vergleich zu ihm, der schon vom Nacktfahrradfahren bis zum Soziologenkongress alles durch hat. Dabei zeigt der passionierte Bodybuilder bevorzugt Bizeps, Trizeps und andere Muskelpartien. Mit seinen Auftritten hat der Bielefelder seiner Arminia schon Punkte gerettet, wie im April 2005 beim Stand von 1:0 gegen Dortmund im Westfalenstadion. 76 000 Zuschauer und die Bielefelder Spieler waren amused, Boakye goutierte das Ereignis mit dem Ausgleichstreffer fünf Minuten später.

Seine Auftritte haben den 59-Jährigen über Ostwestfalen hinaus bekannt gemacht. Späte Ehre gab es für den selbsternannten Künstler durch eine Aufnahme in das PC-Spiel »Anstoss 2005 – der Fußballmanager«: Mitten in einer Spielszene läuft ein Entblößter mit dem Schriftzug »Ernie« durchs Bild. Seinen Stellenwert im deutschen Flitzertum unterstreicht der Ritterschlag durch den Harald-Schmidt-Adlatus Oliver Pocher, in dessen WM-2006-Lied »Schwarz und Weiß« ein offensichtlich textilfreier Muskelmann mit Baseballkäppi – Ernies Markenzeichen - zu großer Form aufläuft. Jedoch gefielen bisher nicht jedem Passanten die nackten Tatsachen, die er zu sehen bekam, was Ernie mittlerweile 50 000 Euro Bußgeld und fünfeinhalb Jahre Gefängnis einbrachte. Ein Grund mag sicherlich auch sein, dass er sich nicht nur auf Fußballspiele und Wissenschaftlerkonferenzen beschränkt, sondern auch schon bei Volksfesten und auf Schulhöfen flitzte. Auch diese Wahrheit gehört zum Flitzer Ernie. Laut Augenzeugen war er aber nie sichtlich erregt, obwohl er sagt, dass ihm das derartige Zeigen in der Öffentlichkeit einen »Kick« gebe. Dieser Kick hat ihm gerade wieder ein Strafverfahren sexuellen Missbrauchs von Kindern eingebracht, weil er sich einem Frauenfußballspiel in Duisburg vor jugendlichen Spielerinnen auszog. Warum er sich nicht einfach einmal ins Stadion setzt und nur ein Fußballspiel anschaut? »Das kann ja jeder. Da käme ich mir überflüssig vor, so in Klamotten rumzuhocken und nichts zu tun«.

Lisa Lewis

Ein Großteil der vereinigten Flitzerschaft ist männlichen Geschlechts – wohl sehr zum Leidwesen der überwiegenden Anhängerschar, die dem gleichen Sexus angehören. Dass sich auch Frauen nicht entblöden, vor einem großen Publikum ihren nudistischen Neigungen nachzugehen, bewies die Neuseeländerin Lisa Lewis. Allerdings zählt sie nur zur Splittergruppe der »semi-streaker«, die sich nicht vollständig entkleiden. In ihrem Fall war es ein Bikini, den sie beim Rugbyspiel zwischen Neuseeland und Irland im Juni 2006 trug. Besagtes Kleidungsstück versteigerte die 26-Jährige aus Hamilton hinterher auf einer neuseeländischen Internetauktionsseite – nach eigenen Angaben, um die Geldstrafe und die Gerichtskosten für ihren »Streak«, den Puristen gar nicht als solchen bezeichnen mögen, bezahlen zu können. Sauer aufstoßen wird konservativen Flitzerliebhabern sicher auch die Tatsache, dass sich die junge Frau für ein neuseeländisches Erotikmagazin entblätterte und das Freimachen auch schon vorher in einer Bar professionell betrieb. Lisa ficht das nicht an, schreibt sie doch auf ihrer »Myspace«-Seite: »Das schönste Gefühl ist, mich zurückzulehnen und stolz über meine Leistungen zu sein«.

Den Anstoß zum Flitzen gab ihr eine eigene Liste der Dinge, die sie erledigt haben will, bevor sie stirbt. Der Punkt wäre also auch abgehakt. Allerdings kann sie das Vergnügen nicht weiterempfehlen, das es für sie »ernste Konsequenzen« hatte, unter anderem auch eine kurze Haft. Vergeblich, wie sich kurz darauf herausstellen sollte: Nur eine Woche später beflitzte eine 17-Jährige ein Rugbyspiel in ihrem College. Laut eigener Aussage beeinflusst hatte sie – Lisa Lewis.

Autor: Christian Dittmar

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