Wo andere Sport gucken wollen, warten sie nur auf die Gelegenheit, sich splitternackt ins Geschehen zu mischen: die so genannten Flitzer. Was treibt sie dazu, Millionen von Menschen ihre Genitalien zu zeigen? Wir haben nachgeforscht. Er war der Erste. Michael O’Brian tat es 1974. Ein Bild ging damals um die Welt. Drei Bobbys führen einen Bärtigen mit wehender Mähne vom Spielfeld der Rugbypartie England gegen Wales ab.

Flitzer im Porträt

Mit schleuderndem Gemächt

Christian Dittmar
27. Dezember 2007, 11:20 Uhr

Wo andere Sport gucken wollen, warten sie nur auf die Gelegenheit, sich splitternackt ins Geschehen zu mischen: die so genannten Flitzer. Was treibt sie dazu, Millionen von Menschen ihre Genitalien zu zeigen? Wir haben nachgeforscht. Er war der Erste. Michael O’Brian tat es 1974. Ein Bild ging damals um die Welt. Drei Bobbys führen einen Bärtigen mit wehender Mähne vom Spielfeld der Rugbypartie England gegen Wales ab.

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Michael O'BrianZwei Polizisten tragen einen Bobbyhut, ein dritter hält seinen vor O’Brians Schamgegend. Das Groteske der Szenerie wird durch einen heraneilenden älteren Mann, der in seinen Händen einen Mantel trägt, komplettiert, in. Der 25-jährige Australier O’Brian hat nicht einmal Schuhe an.

Im Londoner Stadtteil Twickenham, dem Sitz des englischen Rugby-Verbandes, wurden im gleichnamigen Rugby Stadium Zehntausende zum Teil grinsende Zuschauer so zu Zeugen einer Weltpremiere. Es sollte ein Siegeszug werden. Besonders in England ist das »streaking« mittlerweile ein Volkssport, was sicherlich auch daran liegt, dass das Flitzen dort meist mit britischem Humor genommen wird, während man es hierzulande immer noch strafrechtlich verfolgt. Inzwischen wurde auf allen Kontinenten, in so gut wie allen Sportarten und bei jeglichen Anlässen geflitzt. Vorreiter dieser ganzen Entwicklung war ein junger Buchhalter aus Australien.
Mark Roberts

Er ist der Johannes B. Kerner unter den Flitzern: Einfach überall dabei und sich für nichts zu schade. Mark Roberts lässt seit Jahren keine Gelegenheit aus, blank zu ziehen. Er entblößte sich bei der Miss World Wahl in England, beim Film Festival von Cannes und beim Uefa-Cup-Finale 2004 in Schweden. Im Adamskostüm kennt der Liverpooler Familienvater weder Freund noch Feind und mischt munter die Austragungsorte und Sportarten auf. So hat er sich eine beachtliche Liste von Hong Kong bis nach Belgien und von den French Open im Tennis bis zum englischen Frühstücksfernsehen erarbeitet. Sein Auftritt vor der Wetterkarte wurde von der Zeitung »Observer« schließlich zum drittschlimmsten TV-Moment in der Geschichte Englands gewählt. Nur eine Niederlage musste der Übervater der Flitzergemeinde einstecken: Als er in der Halbzeitshow des Super Bowls 2004 nur mit einer Footballmütze und einem String bekleidet über den Platz lief, war bereits der »Nipplegate« geschehen. So wurde sein bisher größter Auftritt - vor geschätzten eine Milliarde Zuschauern weltweit - von Janet Jacksons entblößter Brust in den Schatten gestellt.

Warum er flitzt? »Es geht darum, Leute zum Lachen zu bringen. In den zwölf Jahren, in denen ich bisher flitze, gab es im Publikum immer die gleiche Reaktion. Sogar Polizisten erkennen mich auf der Straße und sagen: ›Ich liebe das, was Sie machen‹«. So wurde er »der Flitzer«. Die englische Bezeichnung »the streaker« hat er sich markenrechtlich schützen lassen und unter thestreaker.org.uk landet man auf seiner Website. Mit seinen publikumswirksamen Stripeinlagen hat er sich nicht nur eine globale Anhängerschaft erworben, sondern auch lukrative Werbeverträge mit Internetcasinos, Renault und Athletic Bilbao. Bisher brachte es der 43-Jährige auf knapp 400 Entkleidungen, die ihm einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde auf Jahre hinaus gesichert haben. Sein öffentliches Freimachen hatte für Roberts jedoch nicht nur positive Folgen: In England hat er inzwischen für jedes Sportereignis ein Einlassverbot, vor der WM 2006 musste er seinen Reisepass abgeben, und für den Auftritt beim Super Bowl bekam er 1000 Dollar Strafe wegen Hausfriedensbruchs aufgebrummt und konnte eine Haft gerade noch verhindern. Der Meister nimmt es gelassen: »Wenn ich für meinen Glauben ins Gefängnis gehen muss, werde ich das machen. Und wenn ich im Gefängnis bin, werde ich dort auch einfach flitzen«.

Autor: Christian Dittmar

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