Die Bilder von den Krawallen in Italien gingen um die Welt. Schon in der letzten Saison war man erschüttert, als in Catania bei Auseinandersetzungen zwischen Fans und der Polizei der

Der italienische Polizist Ugo Santieri im Interview

"Wir mussten schon Erfahrungen mit fliegenden Steinen machen"

Christian Krumm
24. November 2007, 09:26 Uhr

Die Bilder von den Krawallen in Italien gingen um die Welt. Schon in der letzten Saison war man erschüttert, als in Catania bei Auseinandersetzungen zwischen Fans und der Polizei der "Carabiniere" Filippo Raciti ums Leben gekommen ist. Durch die jüngste Fall in Arezzo, wo der Lazio Rom-Fan Gabriele Sandri auf einem Rastplatz von einem Polizisten erschossen wurde, und die daraus resultierenden Ausschreitungen hat die Gesamt-Situation des italienischen Fußballs einen neuen Tiefpunkt erreicht.

RevierSport hat sich mit dem Polizisten Ugo Santieri, der in seiner Heimat Ascoli Piceno auch bei Fußballspielen des ansässigen Zweitligisten Ascoli Calcio im Einsatz ist, über den "Fall Arezzo", die Aggressivität der Fans und die spezielle politische Lage unterhalten.

Ugo Santieri, wie berwertet man als italienischer Polizist aus der Ferne die Situation um den erschossenen Fan in Arezzo?
Das sind ganz schwierige Augenblicke. Das Schlimmste ist in so einem Fall immer die Trauer und der Kummer, die der Tod des Lazio-Fans Gabriele Sandri hinterlassen hat. Vor allem die Familie ist der Verzweiflung nahe.

Was denken Sie über Ihren Kollegen in Arezzo, der das Leben Sandris auf dem Gewissen hat?
Ich glaube, dass es in jedem Beruf Menschen gibt, die einen gesunden Geist haben, ruhig, ausgeglichen, gewissenhaft und sozial handeln, aber auch andererseits gibt es Leute, die angespannt, verrückt und von sich selbst eingenommen sind. Deswegen wäre es meiner Meinung nach ganz interessant zu wissen, was für ein Mensch der Todesschüze von Arezzo war. Dazu müsste man jedoch Personen aus seinem näheren Umfeld befragen, beispielsweise Arbeitskollegen.
Kann man sagen, dass er falsch gehandelt hat?
Ich glaube, dass er in dieser Situation übermäßig unter Druck stand, aber dass er extra auf eine Erhöhung gestiegen ist und mit ausgestrecktem Arm quer über eine Autobahn, auf der ja der Verkehr weiterlief, geschossen hat, ist absolut unverzeihlich. Es hätte auch zu einem noch schlimmeren Blutbad kommen können. Außerdem ist es unverantwortlich gewesen, solch eine Auseinandersetzung mit einer Waffe stoppen zu wollen.

Ist das Einsetzen einer Schusswaffe, wenn es um Fußballfans geht, nicht grundsätzlich verkehrt?

Der Gebrauch von Pistolen ist in jedem Fall falsch. Egal, ob in Stadien oder anderswo. Man lernt auch, dass man eine Waffe nur im Extremfall einsetzen soll. Erst, nachdem man alles andere versucht hat, sollte man in die Halterung greifen.

Geht man in Zukunft mit anderen Strategien gegen Fußball-Fans vor?

Das glaube ich auf jeden Fall. Bis auf das Verbot von Auswärtsfahrten für die gewaltbereiten Anhänger sind mir aber andere Methoden noch nicht bekannt.

Waren Sie selbst auch schon in Ausschreitungen zwischen Fußball-Fans verwickelt?

Leider ja, auch wenn man sagen muss, dass es in Ascoli noch nicht zu allzu schlimmen Auseinandersetzungen gekommen ist. Kleinere Streitigkeiten kommen immer einmal vor. Wir mussten aber auch schon Erfahrungen mit fliegenden Steinen machen.

Würden Sie sagen, dass Fußball-Fans eine aggressive Grundhaltung an den Tag legen?

Ja, natürlich. Die Gemüter der Zuschauer sind bei Spielen oft erhitzt.

Inwiefern spielt gerade in Italien zwischen Fußball-Fans die Politik eine Rolle? Stichworte "rechts" oder "links"...
Genau darum geht es. Jede Fangemeinde ist politisch ettikettiert. Die meisten Gruppierungen sind eher rechts angesiedelt, aber es gibt auch viel linke Fan-Organisationen. Wenn diese beiden Extreme aufeinander treffen, geht es natürlich heiß her.
Macht das die Aufgabe der Polizei schwerer?
Absolut, das ist für uns unglaublich schwierig und auf der anderen Seite natürlich sehr bitter.

Autor: Christian Krumm

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