Von Brandenburg über Schalke, Dortmund, Tottenham und Kaiserslautern in den Trainer-Bereich: Steffen Freund hat in seiner Karriere viele spannende Stationen kennengelernt und so auch Einblicke in völlig unterschiedliche Systeme erhalten. Heute gibt er seine Erfahrung selbst an jüngere Fußballer weiter, seit dem 1. September bildet er zusammen mit Frank Engel das Trainer-Gespann bei der Deutschen U20.

Steffen Freund im Interview

"In Deutschland gehen wir den Wischi-Waschi-Weg"

Thomas Tartemann
23. November 2007, 14:55 Uhr

Von Brandenburg über Schalke, Dortmund, Tottenham und Kaiserslautern in den Trainer-Bereich: Steffen Freund hat in seiner Karriere viele spannende Stationen kennengelernt und so auch Einblicke in völlig unterschiedliche Systeme erhalten. Heute gibt er seine Erfahrung selbst an jüngere Fußballer weiter, seit dem 1. September bildet er zusammen mit Frank Engel das Trainer-Gespann bei der Deutschen U20.

"Im DFB tut sich richtig was, da gibt es viel frischen Wind und eine Menge guter Ideen", findet der 37-Jährige, doch auf der anderen Seite sorgt er sich trotz Bundesliga-Boom um die Entwicklung bei den Vereinen: "Der deutsche Fußball befindet sich seit zehn Jahren auf dem absteigenden Ast, damit meine ich nicht die Nationalelf." Im Interview mit RevierSport erklärt Freund, warum er Groß-Investoren gutheißt, wieso der FC Bayern eine besondere Verantwortung trägt und warum Vereine wie Schalke und der HSV nicht geschwächt werden dürfen.

Steffen Freund, wie sind die ersten Eindrücke bei der U20-National-Mannschaft?

Die Arbeit bei der U20 macht Riesen-Spaß. Die Jungs da haben fast alle mehr Talent als ich. Wie sie spielen, mit welcher Athletik sie ausgestattet sind, das ist schon sensationell. Der Wille und eine gewisse Schulung sind die letzten Schritte, die noch hinzukommen müssen, um zu wissen, wie ich mich gegen einen alten Hasen durchsetzen kann.
Was können Sie den jungen Fußballern zusätzlich vermitteln?

Dass sie einen harten Weg gehen und einen Schritt mehr tun müssen, um in ihrer Karriere weiterzukommen. Keiner darf sich zu schnell zufrieden geben. Gerade, wenn man seinen ersten Profi-Vertrag unterschrieben hat und meint, es läuft schon gut, müssen die Krallen ausgefahren werden. Jeder muss bereit sein, an die Grenze zu gehen. Die Spieler müssen geleitet werden, Vorschläge bekommen, wann sie zum Beispiel einen Pflegetag einlegen, im Kraft-Bereich arbeiten oder noch mehr Gas in den Trainingseinheiten geben sollen. Man darf sie nicht alleine stehen lassen. Wenn sie diese Dinge beherzigen, dann können sie 15 Jahre lang gutes Geld verdienen.
[infobox-right]Steckbrief Steffen Freund:

Geboren am: 19. Januar 1970. Größe: 1,80 Meter. Gewicht: 78 kg. Aktive Laufbahn: BSG Motor Süd Brandenburg, BSG Stahl Brandenburg, FC Schalke 04, Borussia Dortmund, Tottenham Hotspur, 1. FC Kaiserslautern, Leicester City. Bundesliga-Spiele: 178. Premier League-Spiele: 114. Länderspiele: 21. Erfolge: Europameister 1996, Deutscher Meister 1995, 1996, Champions League-Sieger 1997, Weltpokal-Sieger 1997. Englischer Pokal-Sieger. Aktuelle Tätigkeit: Seit Anfang des Jahres fungiert er als Nachwuchsleiter beim ESV Lok Elstal, seit 1. September 2007 arbeitet er als Co-Trainer von U20-National-Coach Frank Engel.
[/infobox]
Und es weit bringen...

Ja, man kann sich eine Basis aufbauen, eventuell A-Nationalspieler werden und an den ganz großen Turnieren teilnehmen. Die Chance bekommt man nur ein Mal im Leben.

Mit Benedikt Höwedes haben Sie auch einen Nachwuchs-Mann aus Ihrem alten Verein Schalke 04 unter Ihren Fittichen. Wie beurteilen Sie seine Zukunfts-Perspektiven?

Ich habe Bene beim letzten Mal gesagt: Junge, es kann so viel passieren, bleib' einfach dran. Er ist ein Super-Junge, hat eine Riesen-Perspektive und konnte in der Bundesliga schon reinschnuppern. Genau das ist der Zeitpunkt, um sich weiter anzubieten. Er müsste insgesamt noch ein bisschen aus sich herausgehen, noch mehr die Zähne zeigen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sich Benedikt ganz schnell steigern wird.

Fiel Ihnen das Umschalten von aktiver Profi-Laufbahn auf Trainer-Denkweise schwer?

Eigentlich nicht. Ich habe meinen A- und B-Schein gemacht, nehme nächstes Jahr am Fußball-Lehrer-Lehrgang teil. Mir kommt sicherlich zugute, dass ich mit 26, 27 Jahren schon ein strategisches Denken entwickelt und mich gefragt habe: Wie kannst du das Match gewinnen? Bei Borussia Dortmund hatte ich damals die Mitspieler dazu.
Während der Begegnungen ist ein Coach relativ begrenzt in seinen Möglichkeiten, doch noch helfend einzugreifen, oder?

Du kannst als Trainer von draußen immer Einfluss nehmen, in dem du Wechsel vornimmst. Es kommt aber auf eigenverantwortliches Denken und Handeln bei den Akteuren an. Die Hilfestellung untereinander ist auf dem Platz sehr wichtig. Wenn eine Partie nicht funktionierte, was habe ich da früher gemacht? Es hat geraucht! Du musst in solchen Phasen als Spieler Zeichen setzen.

Wie bewerten Sie den deutschen Fußball momentan allgemein?

Wenn man sich das Länder-Ranking im Champions League-Wettbewerb ansieht, dann sagt das doch alles. Da steht ja nun wirklich fast jeder vor uns. Die Warnsignale sind einfach nicht erhört worden. Der Fußball in Deutschland befindet sich seit zehn Jahren auf dem absteigenden Ast. Damit meine ich allerdings nicht die Nationalelf.
Wie kann man dem Trend entgegenwirken?

In dem man Super-Stars kauft, wie es München im Sommer getan hat. Hier zu Lande hat das noch niemand angesprochen, aber die Bayern haben für mich eine bestimmte Verantwortung. Über Jahre hinweg sind sie hingegangen und haben die nationale Konkurrenz geschwächt. Die anderen Champions League-Teilnehmer verloren so ihre besten und wichtigsten Leute, Hierarchien musste neu gebildet werden. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Teams dann nur noch Durschnitt gespielt haben. Was dem VfB Stuttgart zurzeit passiert, das gibt es Jahr für Jahr. In der Vor-Saison hat es zum Beispiel den HSV getroffen. Wenn man Vereine, wie Hamburg und Schalke jetzt groß werden lässt, dann ist Deutschland bald wieder etwas auf der Weltkarte des Fußballs.

So wie die Engländer mit ihren Top-Vereinen...

Egal, ob ManU, Arsenal oder Chelsea, diese Clubs kommen alle weit, weil sie entsprechend gegenhalten können. Sie haben Geld, kaufen sich morgen einen Super-Star. Theo Walcott, der als 17-jähriges Talent zu Arsenal wechselte, kostete einen zweistelligen Millionen-Betrag und hatte noch kein einziges Spiel in der Premier League absolviert. Alles schimpft auf Chelsea und Roman Abramowitsch. Die sind aber seit Jahren vorne dabei, waren vorher vielleicht oberer Durchschnitt. Warum sollte man das verfluchen? Ich finde es nicht gut, die Leute immer nur zu kritisieren, die Geld geben.

Hierzulande wird auch geschimpft. Und zwar auf Dietmar Hopp, der Hoffenheim kräftig unterstützt, dafür Hass und Häme kassiert.

Wenn man auf Hopp schimpft, dann hat man keine Ahnung. Er hat ein Nachwuchs-System installiert, dafür sollte man dankbar sein. Uns Deutschen fällt nichts anderes ein, als zu meckern, darüber lache ich mich kaputt.

Wie kann der hiesige Fußball wieder an Substanz und Erfolg gewinnen?

Wenn man sich aufregt, muss man Lösungs-Möglichkeiten aufzeigen. Ich sehe zwei Chancen: Entweder, man lässt private Investoren in die Clubs und privatisiert damit die Bundesliga.

Oder?
Wir setzen verstärkt auf den Nachwuchs. Frankreich hat das getan und vor zehn Jahren eine goldene Generation herausgebracht. Die Erfolge waren anschließend da. In Deutschland gehen wir den Wischi-Waschi-Weg, holen uns - nur als Beispiel - einen fertigen Slowenen, anstatt einem jungen deutschen Fußballer das Vertrauen zu schenken. So wird das seit Jahren gehandhabt. Damit hinken wir den Top-Nationen hinterher. Wir müssen den Nachwuchs noch besser ausbilden. Es gibt tolle Leistungs-Zentren, wie etwa in Berlin oder Cottbus, aber man muss letztlich auch auf die Talente setzen, die dort herausgebracht werden.

Autor: Thomas Tartemann

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