Die Gratwanderung zwischen dem emotionalen Höhenflug und dem sachlichen Alltag. Innerhalb von einer Woche muss die Nationalmannschaft genau das bewältigen, die Weltmeisterschaft wird abgehakt, die Bundesliga fordert Konzentration. Nicht nur die Meisterschaft steht mit dem heutigen Duisburg-Match in Crailsheim (14 h) an.

FCR Duisburg: "Lady Di" löste WM-Schlagzeile ab / Fuss-Interview

Über Leistung, Schminken, Zukunft und Patriotismus

Oliver Gerulat
10. Oktober 2007, 09:04 Uhr

Die Gratwanderung zwischen dem emotionalen Höhenflug und dem sachlichen Alltag. Innerhalb von einer Woche muss die Nationalmannschaft genau das bewältigen, die Weltmeisterschaft wird abgehakt, die Bundesliga fordert Konzentration. Nicht nur die Meisterschaft steht mit dem heutigen Duisburg-Match in Crailsheim (14 h) an. "Heldinnen" wie Lira Bajramaj und Simone Laudehr sind Stunden später schon wieder im deutschen Gewand unterwegs.

Diesmal mit der Bundeswehr-Uniform im Rahmen des Grundwehrdienstes, der am morgigen Montag anfängt (Sportförderkompanie Warendorf). RS unterhielt sich mit Weltmeisterin Sonja Fuss, 28, angehende Architektin, über die Situation.

Sonja Fuss, mittlerweile klingen alle Kommentare der Spielerinnen sehr sachlich - stimmt der Eindruck?

Richtig, das kommt so rüber, weil es so nüchtern ist. Wir sind sachlich, das kommt auch von der Müdigkeit, man muss sich an einen anderen Rhythmus gewöhnen, emotionslos sind wir aber keinesfalls.

Wenn man Statements analysiert, fällt auf, so gut wie nichts abseits des Sports spielte bei der WM eine mediale Rolle - korrekt?

Egal, in welchem Land das stattfindet, hauptsache die Organisation stimmt. Wir konzentrierten uns darauf, die WM zu gewinnen, das ist gelungen. Vom Drumherum bekommt man nichts mit. Ich bin in China gewesen, um Fußball zu spielen, nicht um das Land kennenzulernen. Ein paar Eigenarten bekommt man mit.
Parallel gab es heftige Wogen rund um den Empfang des Dalai Lama bei Bundeskanzlerin Angela Merkel. War das bei Ihnen ein Thema?

Wenn man Zeitung las, dann ja, ansonsten war man fixiert auf den Sport. Man machte sich keine große Gedanken. Es wurde auch in China nicht aufgegriffen, alles wurde von uns ferngehalten, das war im Sinne der Sache.

China ist im kritischen Visier der Weltöffentlichkeit, sollte man bei einer solchen Veranstaltung nicht die Chance wahrnehmen, durchaus auch Missstände anzusprechen?

Grundsätzlich finde ich, dass ein Einzelner mit einem Statement schon sehr viel bewegen kann. Ich mache das, wenn mich Dinge interessieren. Aber im Laufe des Turniers war das nicht die Aufgabe einer Akteurin. Wir wollten sportliche Zeichen setzen.

Handball-Bundestrainer Heiner Brand berichtete von einer WM, während der er sich im Hotel mit Spielern der DDR nachts auf Zimmern traf und sich austauschte.

Wir sind gar nicht auf chinesische Spielerinnen getroffen, somit stellte sich die Frage nicht. Natürlich unterhält man sich zum Beispiel mit Akteurinnen aus Ghana, aber man macht keine verbotenen Dinge. Es gab auch vorab keine offizielle Order.
Spielt Patriotismus eine Rolle?

Man ist immer stolz, für Deutschland erfolgreich zu sein. Da spreche ich nicht nur für mich, sondern für alle Team-Mitgliederinnen. Bei der Hymne gab es Gänsehaut.

Junge und gut aussehende Akteurinnen wie Lira Bajramaj werden in den Fokus geschoben.

Die Leistung stimmte, somit ist das vielleicht unwichtig. Man will guten Fußball sehen, aber natürlich gibt es immer wieder Leute, die es netter finden, schöne Frauen auf dem Platz zu sehen. Im Vordergrund steht aber die Leistung und nicht das Schminken vor dem Match.

Grundsätzlich aber doch eine durchaus hilfreiche Komponente, oder?
Gutes Aussehen hilft, den Sport attraktiver zu machen. Der Frauenfußball wird femininer. Das fängt beim Schnitt der Trikots an, junge Spielerinnen geben sich sehr girlylike. Das finde ich sehr gut, das spricht die breite Masse an. Auch bei einer Frage nach dem Playboy würde man nicht den Vogel zeigen. Warum? Das Magazin hat einen guten Ruf. Damit kann man nichts verkehrt machen.
Auch Nachfragen nach der Prämie von 50000 Euro pro Spielerin rufen sehr sachlich Kommentare auf.
Geld spielt noch nicht die große Rolle, der Frauenfußball wird dahin kommen. Das dauert aber vielleicht noch zehn Jahre.
Olympia 2008 in Peking ist noch ein Ziel für Sie, 2011 wird die nächste WM wohl in Deutschland stattfinden - mit Sonja Fuss?
Vom Alter her könnte ich, ich sage aber eher nein. Bedauerlich ist das nicht, ich bin mit meiner Karriere sehr zufrieden. Eine WM im eigenen Land wäre super gewesen, weil unser Sport gut angenommen und die Atmosphäre fantastisch sein wird.

Dr. Theo Zwanziger spricht von Verantwortung der einzelnen Akteurinnen. Können alle diesem Druck gerecht werden?

Ich denke schon, alle Spielerinnen haben Menschen an ihrer Seite, die den Rücken stärken.
Müssen bei einer Feierlichkeit wie auf dem Römer ausgerechnet Promis wie ein Oliver Pocher mit im Mittelpunkt stehen?

Uns allen war das relativ egal, ich glaube auch nicht, dass sich Olli in den Vordergrund spielte, das war eher die Kamera. Grundsätzlich wäscht eine Hand die andere. Leute, die mediale Präsenz hervorrufen, helfen uns.

Unter der Woche waren große Fotos des WM-Jubels ganz schnell weg. Plötzlich regierte zum Beispiel "Lady Di" die Gazetten. Bedauerlich?

So ist unsere schnelllebige Gesellschaft, wahrscheinlich wäre das bei den Männern genau so gewesen, wenn es etwas interessantes gegeben hätte. Vielleicht Angela Merkel nackt an der Ostsee, mit Foto. Ich denke aber schon, dass der Titel bis zum Ende des Jahres immer noch aktuell sein wird. Letztendlich ist das doch auch nicht bedauerlich, es kommt immer darauf an, was man daraus macht.
Und jetzt?

Wir müssen schnellstmöglich wieder in den Alltag zurück, wir wollen mit dem FCR Titel holen.

Autor: Oliver Gerulat

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