Oberligist FC Kray hat auch das Essener Derby gegen den ETB mit 0:3 verloren und kann langsam aber sicher für die Landesliga planen. Ein Kommentar.

Kray-Kommentar

Der sportliche Absturz war absehbar

Martin Herms
19. März 2017, 22:34 Uhr
Foto: Thorsten Tillmann

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Oberligist FC Kray hat auch das Essener Derby gegen den ETB mit 0:3 verloren und kann langsam aber sicher für die Landesliga planen. Ein Kommentar.

Günther Oberholz hat alles versucht. Der ehrgeizige Präsident der Essener hat die Zügel in der Winterpause noch einmal in die Hand genommen, um seinen Herzensverein mit einem letzten Kraftakt vor dem Super-GAU Doppel-Abstieg zu bewahren. Er ließ sich auf Christoph Klöpper ein. Auf jenen Trainer, der vor einiger Zeit in Kray scheiterte und auch anschließend in Wattenscheid keine Erfolge feiern konnte.

Nach dem desolaten Saisonstart der Krayer gab es durchaus Argumente, die für Klöpper sprachen. Der hauptberufliche Lehrer arbeitet ehrenamtlich beim FC Kray und verfügt über ein großes Spieler-Netzwerk. Nur so ist es dem Verein gelungen, 17 neue Spieler für die Rückrunde zu verpflichten. Doch Klöpper hat die schwere Aufgabe, innerhalb kürzester Zeit ein schlagkräftiges Team zu formen, noch nicht gemeistert. Nur ein Zähler wurde in den drei Spielen nach der Rückrunde gegen schlagbare Gegner geholt. Die geplante Aufholjagd ist im Keim erstickt. Zwölf Punkte muss der FCK in zwölf Spielen aufholen. Ein nahezu unmögliches Unterfangen. Klöppers Gaga-Rechnung (neun Siege aus den letzten zwölf Spielen) wird nicht aufgehen. Zu konstant punktet die Konkurrenz, zu schwach präsentiert sich Kray bisher. Der Verein muss für die Landesliga planen. Besonders bitter: In der letzten Saison war der Klub noch viertklassig.

Diesen brutalen Absturz hat Klöpper freilich nicht zu verantworten. Die Fehler hat der FC Kray in der jüngeren Vergangenheit begangen. Der kleine Verein aus dem Essener Osten war ein Vorzeigeklub für sämtliche Amateurvereine in der Region. Mit bescheidenen Mitteln war es den Krayern möglich, die große Fußballbühne zu betreten. Drei Jahre spielte der FCK in der Regionalliga, zweimal wurde das Halbfinale des Niederrheinpokals erreicht und bei Sport1 übertragen, zweimal schlug das einstige gallische Dorf der Regionalliga Rot-Weiss Essen. Ein Traum für jeden Amateurklub. Es war eine großartige Erfolgsgeschichte, die dem FC Kray niemand mehr nehmen kann. Dies hat der Verein mit einer klugen Philosophie erreicht. Angeführt von einem überragenden Trainerteam Wißel/Krüger setzte der Klub seit dem Verbandsliga-Aufstieg im Jahr 2011 auf Spieler aus der näheren Umgebung, die sich mit dem Klub identifizieren konnten. Dieses Rezept hat unter anderem die SpVg Schonnebeck kopiert. Der Lokalrivale schreibt nun eine ähnliche Erfolgsgeschichte.

Der FC Kray hat sein eigenes Rezept hingegen nicht mehr angewandt. Seit dem zweiten Regionalliga-Aufstieg gab Oberholz das Heft des Handelns aus der Hand. Speziell im zweiten Regionalliga-Jahr häuften sich die Fehler. Fußball-Wandervögel wie Romas Dressler oder Babu Sylla kamen, die Identifikation mit dem Klub ging verloren. Hinzu kam eine ganze Reihe von katastrophalen Fehlgriffen bei der Wahl des wichtigsten Angestellten. Schon die Regionalliga-Rückrunde hatte offenbart, dass Stefan Blank nicht der richtige Trainer für den Verein ist. Präsident Oberholz ließ dennoch zu, dass Manager Fabian Decker den Vertrag verlängerte und gemeinsam mit Blank eine Mannschaft ins Rennen schickte, die nicht oberligatauglich war. Ob die Passivität von Oberholz damals zu erklären ist, dass Deckers Vater federführend für den Wirtschaftsbeirat und somit das liebe Geld verantwortlich war? Darüber lassen sich wohl nur Mutmaßungen anstellen.

Fakt ist: Der Kurswechsel hat den Verein ins Verderben rennen lassen. Der sportliche Absturz in dieser Saison war abzusehen, wenn auch nicht in dieser dramatischen Art und Weise. Blank wurde nach wenigen Wochen entlassen, sein Nachfolger Muhammet Isiktas trainierte die A-Jugend und die erste Mannschaft - parallel. Decker trat Ende September zurück, Isiktas konzentriert sich seit Anfang Dezember wieder nur noch auf seine erfolgreiche A-Jugend. Hinter den Kulissen entwickelte sich ein beispielloses Chaos, das sich auch auf die sportlichen Leistungen übertrug. Erst in der Winterpause räumte Oberholz auf. Zu spät.

Der FC Kray hätte sich damit abfinden müssen, dass es für die Regionalliga aufgrund fehlender Unterstützung aus Politik und Wirtschaft ohnehin nicht reicht. Es wurde verpasst, frühzeitig ein konkurrenzfähiges Oberliga-Team aufzubauen. So schwer dieser Schritt auch fallen mag: Der Verein muss nun mit dem Neuaufbau in der Landesliga beginnen. Kein Spieler steht für die kommende Saison unter Vertrag. Ex-Profis wie Moses Lamidi oder Burak Kaplan werden diesen Weg wohl kaum mitgehen. Dazu sind in der Regel nur Akteure bereit, die sich mit ihrem Verein identifizieren. Davon hat der FCK nur noch eine Handvoll. Warten die Krayer auch dieses Mal zu lange, droht dieser in den letzten Jahren so erfolgreiche und erfrischende Verein, komplett von der Bildfläche zu verschwinden.

Autor: Martin Herms

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