Es ist eine Revolution in der Fußball-Bundesliga:

"Hey, ich will auch einen Tuchel"

Wormuth erklärt Wandel

Daniel Berg, Dominik Hamers
21. Februar 2017, 20:44 Uhr
Foto: sk

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Es ist eine Revolution in der Fußball-Bundesliga:

Die Vereine holen sich keine früheren Nationalspieler mehr auf die Trainerbank, sondern Männer, die ihren Beruf früh gelernt haben, ohne je selbst in der ersten Liga gespielt zu haben. Bremen vertraut im Abstiegskampf Alexander Nouri (37), der Hoffenheimer Julian Nagelsmann (29) wird mit Bayern München in Verbindung gebracht und Dortmunds Thomas Tuchel (43) gilt als der neue Pep Guardiola. Alle reden über die neue Generation Trainer. Wir reden mit Frank Wormuth (56), dem Mann, der als Leiter der Fußballlehrer-Ausbildung die Trainer fit für die Liga macht.

Die Hälfte aller Bundesliga-Klubs vertraut einem Trainer, der keine eigene Erstliga-Karriere als Spieler vorweisen kann. Was heißt das? Dass die Klub-Bosse und Manager ein neues Profil für diesen Job geschaffen haben.

Welches ist das? Die Verantwortlichen gucken mittlerweile primär auf die Kompetenzen als Trainer. Es ist aber nach wie vor kein Nachteil, wenn man in der Bundesliga gespielt hat.

Tuchel, Nagelsmann, Weinzierl, Gisdol – diese Trainer führen die neue Generation an. Wie erklären Sie sich die Vehemenz des Trends? Ich denke, dass die verpflichtende Einführung von Nachwuchsleistungszentren mit mindestens zwei bei Erst- und einem Fußball-Lehrer bei Zweitligisten dazu geführt hat, dass junge Trainer eine Chance bekommen haben, ihr Hobby zum Beruf zu machen. In den relativ neu eingeführten U19- und U17-Bundesligen können sie auf sich aufmerksam machen, sich entwickeln. Sie üben auf hohem Niveau. Und wenn dann der Bundesligatrainer ausgetauscht wird, dann rufen die Klubs mittlerweile den, den sie am besten kennen: den Mann aus dem eigenen Nachwuchs.

Und dem ist die Bundesligamannschaft vorbehaltlos zuzutrauen? Die Arbeit als Trainer einer U17- oder U19-Bundesligamannschaft ist inhaltlich nichts anderes als die eines Bundesligatrainers. Er hat die gleichen Aufgaben, nur das Drumherum – Geld, Medien, Fans, Aufmerksamkeit – ist etwas anders.

Mainz leistete 2009 sozusagen Pionier-Arbeit mit der Wahl von Thomas Tuchel? Ja, Tuchel war glaube ich der erste, dem der Sprung von der U19 direkt in die Bundesliga gelungen ist – und zum Glück aller Nachwuchstrainer hat es funktioniert. Denn damit haben sich immer mehr Verantwortliche gelöst von dem Gedanken, für eine gute Wirkung nach außen jemanden mit einem großen Namen präsentieren zu müssen. Mit einem bekannten Namen ging man als Manager ein geringeres Risiko ein, selbst verantwortlich gemacht zu werden, wenn es nicht lief. Aber Tuchel funktionierte so gut, dass andere Manager sagten: Hey, ich will auch einen Tuchel haben als Cheftrainer.

Sind Situationen denkbar, in denen den jungen Trainern die Erfahrung einer eigenen Erstliga-Karriere fehlt? Julian Nagelsmann, obwohl er der Jüngste in der Liga ist, hat zehn Jahre Erfahrung als Trainer, war U19-Meister. Darmstadts Torsten Frings hat weniger Erfahrung als Trainer. Theoretisch könnte den Jungen fehlen, dass sie sich nicht in den Profi hineinversetzen können. So eine Ich-AG im Leistungsbetrieb Bundesliga denkt vielleicht doch anders als ein Jugendspieler. Theoretisch möglich. Praktisch glaube ich das nicht.

Ist die neue Generation der alten überlegen? Nee. Hier gibt es kein besser und schlechter. In der Ausbildung haben wir zwar heute mehr Tiefe, die Wissenschaft gibt uns mehr Möglichkeiten, die technische Entwicklung vereinfacht das Scouting und die Spielanalyse. Die jüngeren Kollegen werden damit groß, aber auch die älteren können mit dem Material umgehen, auch wenn sie nicht unbedingt in jeder Halbzeit eine Videoanalyse machen.

In einem Interview mit der ­Süddeutschen Zeitung sagte der damals gerade beim VfL Wolfsburg entlassene Dieter Hecking: „Ich finde Taktik wirklich wichtig, aber wir müssen keine Geheimsache daraus machen.“ Manchmal, sagte er, wundere er sich, welch komplexe Gedanken ihm nach der Partie bescheinigt würden. Entlarvt er sich oder andere? Er sagt die Wahrheit. Dadurch, dass sich immer mehr Menschen mit Fußball beschäftigen, kommen immer neue Gedanken hinzu. Man sieht plötzlich Dinge, die vielleicht gar nicht da sind. Das ist wie bei einer Vernissage, wo dann Menschen ergriffen vor einer Leinwand mit Farbklecksen stehen, sich fragen, was ihnen der Maler sagen wollte und anschließend irrsinnig viel Geld dafür bezahlen. Was uns der Maler sagen wollte? Nichts. Der hatte vielleicht nur einen schlechten Tag (lacht).

Ist Fußball gar nicht so komplex, wie es mancher gern schildert? Wenn die angehenden Fußballlehrer zu uns kommen, sagen wir ihnen: Heute schreiben wir mal den Fußball auf eine DIN-A4-Seite. „Wie?“, sagen die dann, den ganzen Fußball auf eine Seite? Nach drei Unterrichtseinheiten hatten wir es. Und plötzlich merken die: Fußball ist gar nicht so kompliziert.

Existiert für einen Trainer die Gefahr, sich in taktischen Überlegungen zu verlieren oder die Spieler damit zu überfordern? Meine kürzeste Antwort heute: Ja.

Kritiker meinen, genau das träfe manchmal auf Thomas Tuchel zu, weil er seine Mannschaft stets detailliert auf den Gegner abstimmt. (überlegt lange) Nur weil das jemand sagt, muss es ja nicht so sein.

Sie haben auch Markus Weinzierl ausgebildet. Was zeichnet ihn aus? Bei Markus Weinzierl finde ich seine Sozialkompetenz sehr gut, seine Art, wie er mit Menschen umgeht. Er hat eine sehr ruhige Art, Dinge auf den Punkt zu bringen.

Holger Stanislawski und Alexander Zorniger – um zwei Beispiele zu nennen – gehörten zu den Jahrgangsbesten. Warum sieht man sie nicht mehr in der Bundesliga? Für die, die einmal rausgerutscht sind, wird es immer schwieriger, wieder reinzukommen. Es kommen schließlich immer mehr Trainer nach. Man darf sich in der 1. und 2. Bundesliga nicht viel erlauben. Ein, zwei Schüsse, kein Erfolg – dann kommt der nächste.

Autor: Daniel Berg, Dominik Hamers

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