Willi Koslowski aus der königsblauen Meisterelf von 1958 geht es nach seinem Unfall wieder besser. Am Freitag wird „der Schwatte“ 80 Jahre alt

Willi Koslowski

Schalkes standhafter Meister

Christoph Winkel
15. Februar 2017, 08:37 Uhr
Foto: Martin Möller

Foto: Martin Möller

Willi Koslowski aus der königsblauen Meisterelf von 1958 geht es nach seinem Unfall wieder besser. Am Freitag wird „der Schwatte“ 80 Jahre alt

Wo der Meister zu Hause ist, ist nicht zu übersehen. Am Garagentor des schmucken Hauses von Willi Koslowski auf der Sellmannsbachstraße in Gelsenkirchen steht groß geschrieben: Glückauf Kampfbahn. Darunter ist eine Malerei des alten Schalker Stadions zu sehen, in dem er die Schalker Fans viele Jahre mit seinen Flankenläufen begeistert hat. Gleich daneben: ein Porträt von ihm.

Der Schwatte, wie er wegen seiner einst tiefschwarzen Haarpracht nur genannt wird, ist weiß geworden. Am kommenden Freitag wird er 80 Jahre alt – eine große Feier hat er nicht geplant. Seinen noch lebenden Mitspielern aus der Schalker Meistermannschaft von 1958 hat Willi Koslowski aber Bescheid gesagt. Den ganz großen Trubel muss er heute nicht mehr haben. Die Zeiten sind vorbei.

Bei der Flanke auf Berni Klodt wippt er heute noch mit dem Fuß
Am 11. November 2015 rücken seine Erfolge von einem auf anderen Moment meilenweit in den Hintergrund. Willi Koslowski stürzt in seinem Garten und erleidet eine Lähmung der rechten Körperhälfte, er bangt um sein Leben. Es vergehen Minuten, bis ein Nachbar seine Hilferufe hört. Die Reha-Maßnahmen sind nach Krankenhausaufenthalten und Operationen noch immer nicht abgeschlossen. Der „Krückmann“, wie Willi Koslowski seine Gehhilfe nennt, ist seitdem sein ständiger Begleiter.

Wer Willi Koslowski trifft, der fragt deshalb erstmal, wie es ihm geht. „Langsam wird es besser“, sagt er. Wer ihn trifft, will aber natürlich auch wissen, wie es früher war. Erzähl doch mal – und „der Schwatte“ erzählt. Von der Deutschen Meisterschaft 1958, die sich Schalke am 18. Mai mit einem 3:0-Sieg gegen den Hamburger SV in Hannover sichert. Willi Koslowski gibt zwei Vorlagen. Als er berichtet, wie Berni Klodt den Ball zur Führung ins Tor köpft, wippt er mit seinem rechten Fuß, als wenn er die Flanke noch einmal schlagen wollen würde. „Die Bahnhofstraße war komplett voll, als wir am nächsten Tag mit dem Pokal nach Gelsenkirchen kamen“, sagt er. Im Cabrio geht es nach der Ankunft am Hauptbahnhof zur Meisterfeier am Schalker Markt. „Ich saß mit Berni Klodt und dem Oberbürgermeister im ersten Auto“, sagt er. Noch immer mächtig stolz.

Als „Mädchen für alles“ auf Schalke angestellt
Auch von seiner Teilnahme bei der Weltmeisterschaft 1962 in Chile erzählt er. Koslowski ist neben Hans Nowak und Willi Schulz einer von drei Schalkern im WM-Kader. Deutschland scheidet im Viertelfinale gegen Jugoslawien aus, Koslowski kommt in der Vorrunde beim 2:1-Sieg gegen die Schweiz zum Einsatz. „Willst du Fotos von Chile sehen“, fragt er und erzählt, dass seine Frau Elvira ihn damals gezwungen hat, sich vor dem Abflug einen Fotoapparat zu kaufen. Willi Koslowski muss zugeben: eine gute Entscheidung.
Viele Fotos und viele andere Erinnerungsstücke stapeln sich heute im Anbau, von dem man direkt in den großen Garten kommt. Einige Bilder hängen an der Wand. Die Fotocollage mit der Aufschrift „Ein Spieler, der keinen Einsatz scheute. National sowie international immer vorbildlich“ hat einen Ehrenplatz – ein Geschenk seiner Familie.

Als Willi Koslowski im 2. Weltkrieg aus Gelsenkirchen flüchten muss, lebt er ein paar Jahre im ostwestfälischen Lübbecke. Erst 1952 kommt er zurück in seine Heimat. Wer den 15-Jährigen damals fragt, was er denn machen will, dem sagt er: Bergmann werden und bei Schalke spielen. „Ich habe dann einfach beides gemacht“, sagt der Mann, der 1963 das erste Tor für die Königsblauen in der Geschichte der Bundesliga erzielt hat.

1952 beginnt er eine Lehre auf der Zeche Hugo in Buer. Als der Reviersteiger dem Schalker Jugendnationalspieler Willi Koslowski keine Freischichten für ein Vier-Nationen-Turnier in Italien geben will, schmeißt er auf Rat von Ernst Kuzorra hin. Kuzorra hat schon Plan B in der Tasche. Er lässt seine Kontakte spielen und vermittelt Willi Koslowski eine Stelle bei einer Schalker Glasfirma. Eines ist klar: Würde der alte Steiger von Hugo noch leben, er hätte für Freitag keine Einladung bekommen.

Bei der Glasfirma arbeitet er über 30 Jahre als Versandleiter. Als die Firma den Standort wechselt, macht Willi Koslowski Schicht. Den Umzug nach Mannheim will sich Willi Koslowski, der 04 Kinder und 04 Enkelkinder hat, nicht mehr antun. Ein Tag in seinem Leben, ohne die Glückauf Kampfbahn sehen zu können – eine fürchterliche Vorstellung. Schalkes damaliger Präsident Günter Siebert holt ihn 1987 zurück. Als „Mädchen für alles“, wie er sagt. Er leitet die Poststelle auf der Geschäftsstelle und fährt die Spieler sogar privat zum Flughafen.

Im nächsten Jahr wird sich die letzte Deutsche Meisterschaft der Schalker zum 60. Mal jähren. Willi Koslowski sagt, er wäre heilfroh, wenn es nach 1958 nochmal geklappt hätte. Erst vor zwei Wochen hat er sich das wohl kurioseste Saisonfinale aller Zeiten noch einmal im Fernsehen angeschaut. Das von 2001, als Schalke die Meisterschale schon in den Händen hielt, ehe Bayern München sie noch wegriss. Auch Markus Merk, der Schiedsrichter, der beim Bayern-Spiel über vier Minuten nachspielen ließ, gehört, wie der alte Reviersteiger, zu denen, die am Freitag nicht unbedingt gratulieren müssen.

Auf die Frage, was er sich zum Geburtstag wünscht, sagt Willi Koslowski: „Ach, eigentlich nur Gesundheit.“ Sollte es bis zu seinem nächsten runden Geburtstag, der fest eingeplant ist, doch noch mit einer Schalker Meisterschaft klappen, Willi Koslowski wäre sicher einer von denen, die an die überfüllten Bahnhofstraße stehen würden. Mit dem „Krückmann“ in der Hand und Tränen in den Augen.

Autor: Christoph Winkel

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