Im Norden von Nordrhein-Westfalen erschreckt ein kleiner Klub die Bundesliga. Im DFB-Pokal wartet jetzt der größte Gegner – von Angst ist nichts zu spüren.

DFB-Pokal

Kann Lotte sogar den BVB besiegen?

Jan Kanter
09. Februar 2017, 21:26 Uhr
Foto: Firo

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Im Norden von Nordrhein-Westfalen erschreckt ein kleiner Klub die Bundesliga. Im DFB-Pokal wartet jetzt der größte Gegner – von Angst ist nichts zu spüren.

Der kleine Ort Lotte liegt zumindest gefühlt sehr weit weg von Zentren in Nordrhein-Westfalen. Wer in das kleine 15 000-Einwohner-Städtchen will, muss den Teutoburger Wald durchqueren oder gleich den Umweg über Niedersachsen wählen: Lotte liegt Osnabrück deutlich näher als Düsseldorf, Essen oder Dortmund. Das ist natürlich unwichtig, aber eine etwas isolierte Randlage führt in den betroffenen Städten immer zu einer besonderen Stimmung.

Die Mentalität vom Gallischen Dorf, das in Asterix-Comics allein gegen alle kämpft, überträgt sich auf den ortsansässigen Fußballverein, die Sportfreunde Lotte. Der Drittligist steht nach dem Sieg gegen 1860 München (2:0) im Viertelfinale des DFB-Pokals. Zuvor hatte der Klub die Erstligisten Bremen und Leverkusen aus dem Wettbewerb gekegelt. Jetzt wartet der größte Gegner: Champions-League-Teilnehmer Borussia Dortmund. Die Erfolge zeigten, so Trainer Ismail Atalan, „dass Fußball nicht nur eine Frage der Qualität, sondern auch der Mentalität ist.“

Kann Lotte sogar die scheinbar Übermächtigen besiegen? „Der BVB ist natürlich weltklasse“, sagt Trainer Ismail Atalan. „Aber wir werden unserer Linie treu bleiben und auch gegen den BVB mutig und offensiv spielen.“

Seinen Standortvorteil behält der Klub: Lotte widersteht der Versuchung, das Heimrecht für teures Geld zu verkaufen. Obmann Manfred Wilke: „Etwas anderes kommt für uns auch nicht infrage.“ Zu Hause in Lotte ist man stärker. Für Dortmund heißt das: Maximal 1500 Fans können mitreisen.
Ein weiterer Vorteil für Lotte: „Viele Spieler, die hierher kommen, wollen den Klub nutzen, um sich für attraktivere Klubs zu empfehlen“, weiß der Spielerberater Jörg Neblung, der den Klub gut kennt. „Dieser Gedanke schweißt zusammen. Es kommen aber auch nur Spieler nach Lotte, die einzig und allein Fußball spielen wollen, weder der Standort noch der Glanz bewegt Spieler zu einem Wechsel.“

Tatsächlich wirkt der Kader wie ein Sammelbecken anderswo gescheiterter Spieler. „Wenn man ehrlich ist, muss man sagen, dass Spieler, die nach Lotte gehen, selten Angebote anderer Klubs haben“, bestätigt Neblung. Experten listen alleine vier ehemalige Spieler von Rot-Weiss Essen auf, die dort aussortiert wurden, unter anderem den Pokal-Torschützen Kevin Freiberger. Auch Atalan, der zurzeit zum Fußball-Lehrer ausgebildet wird, sagt, er arbeite gerne in Lotte, aber habe „auch Ambitionen“. Lotte ist eben nicht mehr als ein Dorfverein, der zufälligerweise nicht in der fünften, sondern in der dritten Liga spielt. Mit meist etwas über 2000 Zuschauern bei Heimspielen.

Von Lotte aus in die erste Liga

Professionell sind die Strukturen nicht. Es gibt keinen Manager, keinen Sportvorstand. Zentrale Figur ist Manfred Wilke, erzählt Neblung: „Der Obmann in Lotte macht alles. Der verhandelt die Verträge und bezahlt die Spieler, steigt aber auch auf den Flutlichtmast, um die Lampen zu reparieren.“

Aber von Lotte aus kann man die Welt erobern. Wie einst Maik Walpurgis. Er machte von 2008 bis 2013 Furore in Lotte. Und ist jetzt Bundesliga-Trainer in Ingolstadt.

Autor: Jan Kanter

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