Echte Stimmung und Länderspiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Passt das zusammen?

DFB-Fans

Stimmungskanonen oder Eventpublikum?

RS
09. Februar 2017, 13:10 Uhr
Foto: firo

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Echte Stimmung und Länderspiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Passt das zusammen?

„Mau wäre noch untertrieben“, erklärt Tom Roeder (39), „die Stimmung im deutschen Block ist grottenschlecht.“ Er muss es wissen. Roeder ist seit acht Jahren Fan-Betreuer im Fanclub der Nationalmannschaft. Er begleitet die DFB-Elf zu allen Spielen. Mit Trommel und Schlägel steht er in der Kurve und bringt die Menge zum Toben. Oder auch nicht. Statt auf seine Gesangsanstimmungen zu reagieren, reiben sich die Stadionbesucher oft nur verwundert die Augen. Statt im Kollektiv zu schunkeln, haften sie lethargisch in ihren Sitzschalen. „Manchmal belächle ich mich selbst“, erklärt Röder, „dann möchte ich mir am liebsten eine Maske aufsetzen.“

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Für Stimmung in der Nationalmannschaft zu sorgen, bedeute peinliche Grenzen zu überschreiten. Eigentlich hätte er seinen Job als Stimmungs-Animator längst an die nächste Generation übergeben wollen. Doch: „Es macht halt kein anderer.“ Das Stimmungsbarometer hat nach der Euphorie über den WM-Titel 2014 längst wieder die rote Zone erreicht. Paradebeispiel: Das Länderspiel gegen England in Berlin, bei dem 4.000 Briten das Olympiastadion einnahmen. Von den 67.000 heimischen Fans war nichts zu hören. Kevin Großkreuz via Twitter: „Wenn das Publikum in der Bundesliga so wird, dann kann man mit dem Fußball aufhören.“ Aber wie kommt es, dass die Fans, die in der Bundesliga als die größten Stimmungskanonen der Welt bezeichnet werden, im Adler-Trikot so wenig Einsatz zeigen? Die Gründe sind vielschichtig, weiß auch Roeder.

Kein einheitliches Stadion:
In Deutschland rotiert die Spielstätte von Partie zu Partie. Es gibt kein einheitliches Nationalstadion, in dem alle Heimspiele ausgetragen werden.

Fehlende Fan-Nähe:
„Die Bindung zwischen Fans und Mannschaft ist nicht mehr so wie früher“, berichtet Röder. Vor Länderspielen fährt der Mannschaftsbus so nah wie möglich ans Hotel heran. Der Fankontakt – aufs Minimum beschränkt.

Defizite in der Planung:
Unmittelbar nach der Europameisterschaft setzte der DFB bereits wieder ein Länderspiel an. Der Gegner war mit Finnland eine Mannschaft, die trotz aufgeblähten Turnier nicht an der EM teilgenommen hatte. Rene Wöffen (34), ein langjähriges Mitglied des Fanclub Nationalmannschaft: „Wer das plant, muss davon ausgehen, dass das Spiel nur 20.000 Zuschauer besuchen. Dann wähle ich als Organisator ein kleines Stadion und senke die Ticketpreise.“

Belasteter Nationalstolz:
Lange Zeit fiel es deutschen Fußballfans schwer Nationalstolz zu zeigen. Zu groß war die Angst durch das Singen der Nationalhymne oder dem Schwenken der Fahne in die rechte Ecke gestellt zu werden. Die Deutschland-Fahne als Afro-Perücke, Bandana oder Hasenohren zu tragen – lange Zeit undenkbar.

Fanclub Nationalmannschaft:
Etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, was vom – zumindest von den Ultras – verhassten DFB abgesegnet wird, gestaltet sich als schwierig. Spruchbänder und Choreografien müssen vorab vom Fanclub Nationalmannschaft zugelassen werden.

Singing Area – eine schöne Mär:
Ein Beispiel für eine gescheiterte Gegenmaßnahme ist die „Singing Area“. Sie wurde vor zehn Jahren eingeführt und war als Block mit freier Sitzplatzwahl gedacht. Hier durfte gestanden und gesungen werden. „Davon weiß heutzutage kaum noch jemand“, berichtet Wöffen. Damals offensichtlich auch schon nicht. Die Idee hatte sich nie durchgesetzt. Ein Grund: Mangelnde Kommunikation vom DFB. Weder die Ordner, noch die Zuschauer wussten von der Singing Area. Das Angebot blieb ungenutzt.

Autor: RS

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