Das Fußball-Jahr verabschiedet sich. Für Dortmund und Schalke hebt sich der Vorhang an diesem Dienstag vorerst zum letzten Mal.

BVB/Schalke

Zehn unangenehme Wahrheiten

Daniel Berg, Thomas Tartemann
19. Dezember 2016, 22:13 Uhr
Foto: firo

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Das Fußball-Jahr verabschiedet sich. Für Dortmund und Schalke hebt sich der Vorhang an diesem Dienstag vorerst zum letzten Mal.

Königsblau spielt in Hamburg, der BVB tritt im Heimspiel gegen Augsburg an (beide 20 Uhr). Unabhängig vom Ausgang dieser Spiele lässt sich bilanzieren, dass die Reviergrößen in der Bundesliga nach beinahe der Hälfte der Saison unterhalb der eigenen Erwartungen liegen. Eine erste Bilanz fördert zehn unangenehme Wahrheiten über die bisherigen Leistungen zu Tage.

1
Schalkes Kader ist am Limit Trainer Markus Weinzierl schickte gegen Freiburg acht Spieler, die erst 23 Jahre alt oder sogar noch jünger sind, ins Rennen. Abwehr-Talent Thilo Kehrer (20) deutete zwar erneut an, dass er auf lange Sicht helfen kann. Im Moment zahlt er allerdings teilweise noch Lehrgeld – so wie bei der Szene vor dem 0:1 gegen Freiburg, als er wegrutschte und Florian Niederlechner das Geschenk annahm. Fabian Reese (19), Donis Avdijaj (20) und Bernard Tekpetey (19) sind noch kein Ersatz für die prominenten Ausfälle Breel Embolo, Klaas-Jan Huntelaar, Eric Maxim Choupo-Moting und Franco Di Santo.

2
Dem BVB fehlt bislang die letzte Qualität In den direkten Duellen mit den derzeit besten sechs Mannschaften der Liga erzielte die Borussia nur einen Sieg: Der immerhin gelang gegen die Bayern. Aber gegen Leipzig (0:1), Hoffenheim (2:2), Berlin (1:1), Köln (1:1) und Frankfurt (1:2) sprangen nur drei Punkte heraus. Zufall? Eher nicht. Es fehlt gegen Konkurrenten auf Augenhöhe an der Qualität, die den Unterschied ausmacht. Zumindest in Serie. Beleg dafür ist die schlechte Ausbeute in der Bundesliga nach erbaulichen Champions-League-Spieltagen. Nur zwei der sechs Spiele im Anschluss an die Königsklasse konnte der BVB gewinnen.

3
Schalke fehlt Geld Das Rufen nach Winter-Einkäufen hat Sportvorstand Christian Heidel vernommen. Er scheut sich davor, in Aktionismus zu verfallen. „Was nicht passieren wird, ist, dass wir groß einkaufen gehen. Das geht wirtschaftlich nicht. Und wir wollen es auch nicht.“ Schalke drücken Verbindlichkeiten von 185 Millionen Euro.

4
Dortmund ist schläfrig Viermal in Serie geriet der BVB in der Liga zuletzt in Rückstand – gern auch früh, wie jüngst in Hoffenheim. In der Anfangsviertelstunde einer jeden Halbzeit ist der BVB defensiv am anfälligsten, zehn der insgesamt 18 Gegentore fielen, wenn die personellen und/oder taktischen Modifikationen von Trainer Thomas Tuchel am frischesten sind. Je länger das System dann läuft, desto stabiler wird es. In der Schlussviertelstunde ist Dortmunds beste Zeit mit 10:4 Toren.

5
Schalke leidet unter der Hypothek des Fehlstarts Neu-Trainer Markus Weinzierl impfte seiner Elf einen aggressiven Pressing-Stil ein, musste aber nach fünf Startpleiten reagieren. Schalke kam mit der Dreier-Abwehrkette und laufstarken Außen (Schöpf, Kolasinac) in Schwung, wurde dann durch massive Personalprobleme wieder ausgebremst. Die Aufholjagd wird noch viele Wochen andauern.

6
Die BVB-Offensive ist abhängig von Aubameyang 16 Tore hat der Stürmer in der Bundesliga schon erzielt, das ist fast die Hälfte aller Dortmunder Treffer. Er ist eine Tormaschine, wie sie die Bundesliga selten sieht. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass selbst mit ihm und brillanten Zulieferern wie Reus, Götze, Kagawa bislang kein Titel geholt wurde. Spielt der Gabuner mal schlecht und trifft nicht, dann gewinnt der BVB auch nicht. So geschehen gegen Leipzig, Leverkusen, Schalke, Köln.

7
Schalke ist kein Spitzenteam Mit einem Punkte-Schnitt von 1,2 Zählern pro Partie stecken die Königsblauen im tristen Mittelfeld fest. In den Duellen mit den Top-Mannschaften schaffte die Weinzierl-Mannschaft keinen Sieg.

8
Der BVB bräuchte einen Anführer Der Abschied von Mats Hummels hat – wenig überraschend – eine große Lücke hinterlassen. Das gilt sportlich und hierarchisch. Neuzugang Marc Bartra müht sich zwar wacker, den Nationalspieler zu ersetzen, aber der unsichere und zweikampfschwache Spanier ist in einer häufig ungeordneten Defensive ein steter Risikofaktor. Darüber hinaus fehlt dem BVB auch ein Gesicht, ein Aushängeschild, der Typ, der sich mit ständigen Qualitätsleistungen deutlich von den Kollegen abhebt und noch dazu die Persönlichkeit hat, eine Mannschaft zu führen. Marco Reus scheint diese Rolle in Zukunft am ehesten ausfüllen zu können.

9
Nur zwei neue Schalker schlugen ein Nabil Bentaleb (Tottenham) und Breel Embolo (Basel) entpuppten sich als Verstärkungen. Benjamin Stambouli (Paris) und Abdul Rahman Baba (Chelsea) sind noch keine Stammkräfte. Coke verletzte sich in der Vorbereitung, Yevhen Konoplyanka (beide Sevilla) nimmt gerade erst Fahrt auf.

10
Der BVB-Trainer kann nicht verlieren Das ist eine Eigenschaft, die auf den ersten Blick nicht so schlecht ist für einen ambitionierten Fußball-Trainer. Allerdings gereicht sie Thomas Tuchel auch gelegentlich zum Nachteil. Wenn er in seiner viel zitierten Pressekonferenz nach der Niederlage in Frankfurt seine Mannschaft verbal auseinandernimmt, dann aus der Emotionalität heraus. Ähnlich erging es ihm nach der Niederlage in Leverkusen, als er eine inhaltlich fragwürdige Fouldebatte anschob, nach der auch der Letzte im Land wusste, dass dem BVB mit gewissenhafter Härte beizukommen ist.

Autor: Daniel Berg, Thomas Tartemann

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