Man kann es nícht greifen. Man kann es nicht fassen. Aber irgendetwas schwelt bei Borussia Dortmund. Ein Kommentar

Kommentar

Warum Tuchel Götze ins Achtung stellt

Pit Gottschalk
14. Dezember 2016, 11:56 Uhr
Foto: firo

Foto: firo

Man kann es nícht greifen. Man kann es nicht fassen. Aber irgendetwas schwelt bei Borussia Dortmund. Ein Kommentar

Wenn stimmt, was vom Training bei Borussia Dortmund berichtet wird, dann hat Trainer Thomas Tuchel seinem Starspieler und Weltmeister Mario Götze die Umstände seines millionenschweren Arbeitsvertrags verdeutlichen müssen. „Du bist doch nicht zum ersten Mal hier — das ist ja hier wie in der C-Jugend“, wird Tuchel zitiert. Geduld und Nachsichtigkeit klingen anders.

Der Satz alleine wäre nicht schlimm. Brisant ist eine solche Szene nur, weil Tuchel erst vor wenigen Wochen seine komplette Mannschaft angezählt hat, als dem Triumph gegen Bayern (1:0) die Peinlichkeit in Frankfurt (1:2) folgte. Auch damals prangerte Tuchel die Trainingseinstellung an: "Technisch, taktisch, mental, Bereitschaft - komplett. Unsere Leistung war ein einziges Defizit.“

Borussia Dortmund ist öffentliche Schelte nicht gewohnt. Schon gar nicht in dieser Regelmäßigkeit, wie sie in dieser Saison passiert. Ganz bewusst verstößt Tuchel gegen den traditionell ausgeprägten Kodex, dass Kritik erstens erlaubt, aber zweitens intern belassen wird. Das Training beim BVB war öffentlich. Wollte Tuchel, dass seine Worte gehört werden?

Ein Bundesliga-Trainer verfügt über eine Reihe von Sanktionen, seine Stars zurück auf die gemeinsame Zielgerade zu bringen. Geldstrafen, Tribünenplatz, Reservistenrolle, Suspendierung — nichts davon trifft Spieler wie öffentliche Kritik. Götze wurde bei Bayern München drei Jahre lang in Watte gepackt. Bestimmt wird ihm Tuchels Rüffel guttun. Und damit das klar ist: Tuchel hat auch diesmal nicht allein Mario Götze gerüffelt. Er hat die halbe Mannschaft rundgemacht. Der Ausbruch ist schon kein Zufall mehr - das hat Methode.

Kein Bundesliga-Spieler würde seine mangelhafte Einstellung beim Training zugeben, sondern lieber den harten Mann markieren, um ja keine Schwäche zu offenbaren. Testosteron ist das stärkste Abwehrmittel eines Fußballprofis. Wenn Tuchel trotzdem „Götze rundmacht“, wie Bild schreibt, dann gibt es nur zwei gute Gründe dafür: Es geht nicht anders, um den Spieler anzustacheln — oder Fahrlässigkeit.

Diskutieren Sie mit Pit Gottschalk auf Twitter

Und fahrlässig ist Tuchel auf gar keinen Fall! Es ist eher so: Die Tabelle nervt ihn. Champions League und Spitzenspiele haben ihm gezeigt, was die Mannschaft zu leisten imstande ist. Platz sechs mit acht Punkten Rückstand auf Bayern München und RB Leipzig dagegen: Seine Spieler geben leichtfertig ihre Rolle als erste Bayern-Jäger an die Konkurrenz ab.

Freitag spielt Tuchel mit dem BVB bei TSG Hoffenheim. Der Klub aus Sinsheim steht zwei Ränge besser und hat unter dem ebenfalls hochmotivierten Jungtrainer Julian Nagelsmann als einzige Mannschaft des deutschen Profi-Fußballs in dieser Saison noch kein einziges Spiel verloren. Nicht auszuschließen, dass Nagelsmann ihm auch die Rolle des innovativsten Trainers streitig macht. Tuchel denkt so.

Um die These vom Anfang aufzugreifen: Der Ausbruch beim Training ist jedenfalls keine Petitesse mehr. C-Jugend: Für Fußballspieler von Götzes Kaliber gibt es keinen härteren Vorwurf. Tuchel wird wissen, was er tut. Und was er sagt. Hoffentlich.

Autor: Pit Gottschalk

Mehr zum Thema

Wettbewerbe

Mannschaften

Rubriken

Kommentieren