Schalke 04 trifft am Donnerstagabend (19 Uhr) auf den französischen Vertreter OGC Nizza. Wir haben vor diesem Duell mit Nizza-Trainer Lucien Favre gesprochen.

Nizza-Trainer

"Schalke ist momentan kaum zu stoppen"

Alexis Menuge
23. November 2016, 14:43 Uhr
Foto: firo

Foto: firo

Schalke 04 trifft am Donnerstagabend (19 Uhr) auf den französischen Vertreter OGC Nizza. Wir haben vor diesem Duell mit Nizza-Trainer Lucien Favre gesprochen.

Seit fünf Monaten arbeitet Lucien Favre beim OGC Nizza. Obwohl sein Verein mit 42 Millionen Euro nur das elftgrößte Budget aller französischen Teams hat, führte der Trainer das Team von der Côte d' Azur an die Spitze der Ligue1.

Im Interview mit dieser Zeitung spricht der Ex-Trainer von Borussia Mönchengladbach und Hertha über das Duell gegen den FC Schalke 04 in der Europa League, die Entwicklung der Bundesliga und seinen umstrittensten Spieler – den Italiener Mario Balotelli.

Herr Favre, seit Sie Mönchengladbach vor 14 Monaten verlassen haben, kehren Sie zum ersten Mal nach Deutschland als Trainer zurück. Gibt es viele Emotionen?
Ich hatte in Deutschland eine wunderbare Zeit, aber ich kann auch mit Emotionen sehr gut umgehen. Es werden vor allem viele Erinnerungen wieder wach. Ich freue mich riesig auf Schalke.

Die Königsblauen werden ohne echten Stürmer auftreten. Huntelaar, Di Santo und Embolo sind verletzt. Wird es für Ihre Mannschaft doch einfacher als erwartet?
Im modernen Fußball kann man auch ohne echte Spitze auflaufen. Und das tut Schalke sehr gut: ob mit May Meyer oder Eric Maxim Choupo-Moting. Insofern erwarte ich keine einfache Begegnung, ganz im Gegenteil. Man braucht nur die Ergebnisse der Königsblauen in den letzten Wochen zu sehen. Schalke ist im Aufwind und momentan kaum zu stoppen.

Was halten Sie von Schalkes Trainer Markus Weinzierl?
Er hat eine hervorragende Arbeit beim FC Augsburg geleistet. Und trotz Anfangsschwierigkeiten scheint nun seine Arbeit die Früchte zu tragen. Ich finde toll, dass er nach den Problemen im August und September sein System verändert hat, durch ein 3-4-3, das besser funktioniert. Schalke spielt deutlich stabiler, sowohl in der Defensive als auch in der Offensive. Und Weinzierl verfügt über einen starken und breiten Kader mit vielen Nationalspielern aus diversen Nationen. Schalke steigert sich von Spiel zu Spiel. Für uns wird es sehr schwer, dort zu bestehen.

In der Bundesliga gibt es ja im Durchschnitt 42.500 Zuschauer und in Frankreich ca. die Hälfte. Sogar England hinkt mit 31.000 weit hinterher. Es ist unglaublich, wie populär die Bundesliga jedes Wochenende ist
Lucien Favre

[vote]941[/vote]

Wird Nizza im Europapokal überwintern?
Es wird sehr schwer. Wir haben unsere ersten zwei Spiele verloren und dann noch zu Hause gegen Salzburg verloren. Dementsprechend sehen unsere Perspektiven eher düster aus. Es wäre bitter auszuscheiden, weil wir in jeder Partie unsere Chancen hatten. Aber es ist ein tolles Abenteuer für Nizza, weil dieser Verein schon ewig nicht mehr international vertreten war.

Ist Dante Ihre rechte Hand auf dem Platz?
Durch seine große Erfahrung und seine Ausstrahlung ist er sowohl auf- als auch neben dem Platz unheimlich wichtig. Er ist eine große Persönlichkeit. Jeder junge Spieler bei uns schaut auf ihn und hört ihm aufmerksam zu. Durch seine Fröhlichkeit sorgt er auch für die positive Stimmung in der Kabine.

Wie zufrieden Sie mit den Leistungen von Mario Balotelli?
Bisher bin ich rundum zufrieden, Er hat bereits viele Treffer erzielt. Und was für Treffer! Nur er ist in der Lage solche Tore zu machen. Er kann noch besser in seinen Antizipationen und bei seinen Bewegungen werden. Er könnte auch manchmal einfacher spielen. Seine Defensiv-Arbeit kann er ebenfalls besser machen. Man muss nicht vergessen, dass er gerade vier komplizierte Jahre hinter sich hat. Aber seine Entwicklung ist sehr positiv, und er verhält sich professionell. Er ist ein feiner Kerl, der sehr oft das Lachen auf seine Lippen hat. Das ist vielleicht das Wichtigste.

Wie empfinden Sie die Stimmung in der Stadt, viereinhalb Monate nach dem Terroranschlag am französischen Nationalfeiertag?
Als die Anschläge stattgefunden haben, waren wir im Trainingslager in Divonne-Les-Bains (französische Alpen). Wären wir zu diesem Zeitpunkt in Nizza gewesen, wären vielleicht Spieler oder Mitarbeiter getroffen worden. Das wissen wir nicht. Was passiert ist, ist einfach unfassbar. Manche können ihre Emotionen kaum verbergen und sie brauchen eine gewisse Zeit um wirklich zu begreifen, was geschehen ist. Andere können vielleicht besser damit umgehen. Viele Leute sind noch traurig, traurig, traurig. Wenn man auch an die Kinder denkt, die nicht mehr da sind, ist das der pure Horror. Kein Mensch kann vergessen, was am 14. Juli passiert ist. Wir sind glücklich, dass wir die Einheimischen durch unsere tollen Ergebnisse in der französischen Meisterschaft ein bisschen Fröhlichkeit beibringen können.

Es ist unglaublich, wie populär die Bundesliga jedes Wochenende ist
Lucien Favre

Sind Sie an der Promenade gewesen, wo diese Tragödie stattfand?
Ich war nur einmal in der Stadt und zwar, als ich im Juni vorgestellt wurde. Seitdem nicht mehr, aber meine Frau war vor wenigen Wochen in der Nähe des Tatorts, aber sie konnte nicht bis zum Ort hinlaufen, weil die Emotionen zu stark waren. Das war zu schwer.

Sie kennen sich mittlerweile mit dem französischen und dem deutschen Fußball aus. Was sind die größten Unterschiede zwischen der Bundesliga und der Ligue1?
Klar ist die Bundesliga populärer und attraktiver, was die Spielweise angeht. Aber Frankreich ist auch im Aufwind. Wenn man sich die Stadien in Lyon, in Paris oder in Nizza anschaut, dann kann man sehen, dass der französische Fußball konkurrenzfähiger wird. Aber mit der Bundesliga ist er noch schwer zu konkurrieren. In der Bundesliga gibt es ja im Durchschnitt 42.500 Zuschauer und in Frankreich ca. die Hälfte. Sogar England hinkt mit 31.000 weit hinterher. Es ist unglaublich, wie populär die Bundesliga jedes Wochenende ist.

Ist die Bundesliga die Liga der Zukunft?
Viele junge Spieler wechseln in die Bundesliga, aber auch nach England, weil dort die Gehälter noch höher sind und es gibt dort viele attraktive Vereine. Deutschland geht mit dem Geld bescheidener um. Aber es ist richtig, dass viel im Jugend-Bereich getan wird, um sich stetig weiterzuentwickeln. Das ist der richtige Weg.

Ob bei Hertha BSC oder bei Mönchengladbach hatten Sie viel Erfolg und Sie genießen bundesweit weiterhin ein tolles Image. Sobald ein Bundesliga-Team seinen Trainer entlässt, taucht Ihr Name immer wieder auf. Gibt es die Chance, Sie bald wieder auf einer Bundesliga-Bank zu sehen?
Man weiß nie, was die Zukunft bringt. Man kann nicht vorausplanen. Mir gefällt die Bundesliga, mir gefällt aber auch die Premier League. Momentan bin ich in Nizza, wo ich glücklich bin. Ich bin auf meine Aufgabe in Nizza fokussiert.

Wie sehen Sie den Titelkampf in der Bundesliga in dieser Saison?
Es scheint ausgeglichener wie nie zu sein. Das ist natürlich toll für den Wettbewerb. Allein Schalke 04 hat mit vielen Mannschaften im Kampf um Europa zu tun.

Wer wird deutscher Meister 2017?
Heute ist es schwer zu sagen. Es ist vieles unklar. Der FC Bayern dominiert zwar weniger als unter Pep Guardiola, aber Carlo Ancelotti hat es bisher mit seinen Entscheidungen und taktischen Optionen fast immer gut hinbekommen. Bayern bleibt der Top-Favorit.

Autor: Alexis Menuge

Mehr zum Thema

Wettbewerbe

Mannschaften

Rubriken

Kommentieren