Wolfgang Kleff sitzt mittags in der Sportsbar im Mönchengladbacher Borussia-Park, und es dauert keine fünf Minuten, bis ihn der erste Fan anspricht.

Wolfgang Kleff wird 70

Das große Interview

Peter Müller
16. November 2016, 10:49 Uhr
Foto: dpa

Foto: dpa

Wolfgang Kleff sitzt mittags in der Sportsbar im Mönchengladbacher Borussia-Park, und es dauert keine fünf Minuten, bis ihn der erste Fan anspricht.

Ein höflicher Mann, der ihn noch spielen sah, klappt eine Mappe auf, kramt viele große Fotos aus den goldenen 70er-Jahren des Gladbacher Fußballs hervor und bittet um Autogramme. Wolfgang Kleff unterschreibt gern, hier in Gladbach ist er auf ewig ein Idol. An diesem Mittwoch wird der ehemalige Torhüter, der mit der Borussia viermal Deutscher Meister sowie Uefa-Pokalsieger und DFB-Pokalsieger wurde, 70 Jahre alt.

Wie fühlt es sich an, Teil eines Mythos zu sein?
Ich habe die erfolgreichste Zeit von Borussia Mönchengladbach miterlebt, das kann mir keiner mehr nehmen. Dass ich bei diesem Klub gelandet bin, war ein Glücksfall für beide Seiten.

Sie sind gebürtiger Westfale, kommen aus Schwerte. Da hätte es 1968 doch näher gelegen, zur anderen Borussia nach Dortmund zu wechseln.
Im Gespräch war ich da auch. Auch der VfL Bochum war interessiert, der spielte damals noch in der Regionalliga. Die Dortmunder haben sich viel Zeit damit gelassen, mir mal einen Termin zu geben, in dieser Zeit kam die Anfrage aus Gladbach. Und ich dachte: Was man hat, das hat man.

Die Spieler aus der Smartphone-Generation werden hofiert wie Könige, aber ihre Interviews spulen sie ab wie Roboter. Eine Ausnahme ist Thomas Müller. Der drischt nicht nur Phrasen, der wirkt erfrischend und bodenständig
Wolfgang Kleff

Der große Hennes Weisweiler wollte Sie auf Anhieb haben?
Ich war ja völlig naiv. Ich bin da ein paar Mal zum Probetraining hingefahren und dachte: Wenn die mich einladen, nehmen die mich auch. Erst später habe ich erfahren, dass auch andere Torhüter getestet wurden. Als ich dann bei Gladbachs Manager Helmut Grashoff auf der Geschäftsstelle saß, habe ich überhaupt nicht verhandelt. Er hat gesagt, was ich bekomme, ich habe genickt und unterschrieben.
Wie war der erste Vertrag dotiert?
Mit 1200 Mark im Monat.

Die Profis heute verdienen sehr früh viele Millionen.
Aber sie klauen das Geld doch keinem. Es wird ihnen geboten.

Bei Ihnen kommt kein Neid auf?
Neid ist für mich ein Fremdwort.

Die Fußballer von heute müssen genau darauf achten, wie sie sich in der Öffentlichkeit bewegen. Das war früher anders, oder?
Wir hatten noch unsere Freiheiten, auf dem Platz, aber auch sonst. Ich erinnere mich noch an ein Trainingslager in Karlsruhe. Wir wollten da unbedingt mal raus und sind mit fünf Mann in eine Kneipe gegangen. Da saßen aber schon unser Trainer Hennes Weisweiler und der gesamte Vorstand. Sie haben uns eingeladen, ein Bier mitzutrinken, und dann wieder weggeschickt.[infobox-right]Wolfgang Kleff, Vater eines 37-jährigen Sohnes und einer 19-jährigen Tochter, ist einer der erfolgreichsten Spieler in der Geschichte von Borussia Mönchengladbach.In seiner zweiten Saison in Gladbach wurde er Stammtorhüter und auf Anhieb Deutscher Meister 1970. Es folgten drei weitere Meistertitel in den Jahren 1971, 1975 und 1976. Dazu kamen der DFB-Pokalsieg 1973 und der Uefa-Pokalsieg 1975. Kleff bestritt 433 Bundesligaspiele und 6 Länderspiele.
Seine Vereine: VfL Schwerte (1952 bis 1968), Borussia Mönchengladbach (1968 bis 1979 und 1980 bis 1982), Hertha BSC (1979/80), Fortuna Düsseldorf (1982 bis 1984), Rot-Weiß Oberhausen (1984/85), VfL Bochum (1985/86), FSV Salmrohr (1986/87), SV Straelen (1987 bis 1992). Mit 61 Jahren half er noch einmal für ein Spiel beim Landesligisten FC Rheinbach aus.[/infobox]

Wie war Ihr Verhältnis zu Weisweiler? Er galt ja als schwierig.
Ich habe ihn nie so gesehen. Er hat mich gefördert. Wenn er mal laut wurde, war das auch begründet.

Früher gab es mehr Typen.
Die Spieler aus der Smartphone-Generation werden hofiert wie Könige, aber ihre Interviews spulen sie ab wie Roboter. Eine Ausnahme ist Thomas Müller. Der drischt nicht nur Phrasen, der wirkt erfrischend und bodenständig.

Bodenständig: ein gutes Stichwort. Glauben Sie, dass Sie auch deshalb bis heute beliebt sind, weil Sie die Nase nie oben getragen haben?
Die Leute mochten mich, weil ich mich nie verstellt habe. Fehler habe ich immer selbst zugegeben, das ist eher eine Stärke als eine Schwäche. Vielleicht wäre ich aber auch überheblich geworden, wenn ich als 20-Jähriger so viel Geld verdient hätte wie die Spieler heute.

Ihr Spitzname ist Otto, weil Sie Otto Waalkes ähnlich sahen und auch selten einen Spaß ausließen.
Wenn die gegnerischen Fans hinter meinem Tor riefen: „Otto, du bist nervös“, dann habe ich mich hingestellt und gezittert – schon hatte ich die Lacher auf meiner Seite. Ich konnte mich konzentrieren, war aber nie verbissen.

Sie haben mit Gladbach alles gewonnen – eine große Länderspielkarriere hat aber Bayern-Torwart Sepp Maier verhindert.
Ich bin trotzdem Rekord-Nationalspieler. Es waren insgesamt 200 Länderspiele. Sechs im Tor, 34 auf der Bank, 160 vor dem Fernseher.

Feiern Sie Ihren Geburtstag?
Ich wollte es nicht, aber Freunde und Bekannte haben darauf bestanden, ein Fest für mich auszurichten.

70 – was bedeutet Ihnen die Zahl?
Sie hört sich furchtbar an, man denkt an Großvaters Zeiten und will es nicht wahrhaben. Gestern habe ich meine Mütze vergessen, heute meine Brille – da sieht man, wie alt man ist. Aber ich hatte 2008 einen Schlaganfall und nur noch zwanzig Prozent Herzleistung. Ich bin also zufrieden und dankbar.

Autor: Peter Müller

Mehr zum Thema

Wettbewerbe

Mannschaften

Rubriken

Kommentieren