Nicht Spieler oder die Trainer stehen am Sonntag bem Bundesliga-Duell zwischen dem FC Schalke 04 und dem FSV Mainz 05 (17.30 Uhr/Sky) besonders im Blickpunkt, sondern Christian Heidel.

Schalke-Manager Heidel

"Ich sauge alles auf"

Thomas Tartemann
22. Oktober 2016, 10:24 Uhr
Foto: firo

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Nicht Spieler oder die Trainer stehen am Sonntag bem Bundesliga-Duell zwischen dem FC Schalke 04 und dem FSV Mainz 05 (17.30 Uhr/Sky) besonders im Blickpunkt, sondern Christian Heidel.

Im Interview mit Funke Sport spricht der 53-Jährige über das Verhältnis zu Mainz-Präsident Harald Strutz und die Unterschiede zwischen beiden Klubs.

Herr Heidel, wie fühlt es sich an, morgen zum ersten Mal auf den Verein zu treffen, bei dem Sie jahrelang erfolgreich tätig waren? Mainz ist die Stadt, in der ich neun Zehntel meines Lebens verbracht habe. Es ist irgendwie merkwürdig. Ob ich nervöser bin als sonst, kann ich gar nicht so genau sagen. Das Gefühl, einmal gegen Mainz zu spielen, konnte ich mir nie vorstellen. Jetzt möchte ich natürlich mit meinem neuen Verein Schalke 04 die drei Punkte.

Haben Sie bei Mainz 05 ein bestelltes Feld hinterlassen?
Ja. Ich habe mich vor meinem Weggang gefragt: Ist das der Zeitpunkt, an dem du gehen kannst? Die Antwort war: Ja. Ich habe mit Rouven Schröder meinen eigenen Nachfolger vorgeschlagen. Es war nach den Eindrücken der letzten Wochen eine gute Entscheidung.

Ist das Verhältnis zu FSV-Präsident Harald Strutz unterkühlt?
Es ist nicht unterkühlt. Wir haben 24 Jahre optimal zusammengearbeitet. Aber wir waren auch in der Zeit nie privat unterwegs, hatten völlig andere Kreise in denen wir uns bewegt haben. Vielleicht war das auch das Geheimnis unseres Erfolges. Wir sind einfach unterschiedliche Typen. Klar haben Harald Strutz und ich in manchen Dingen eine andere Auffassung, aber das ist normal im Fußball. Wir sind nicht zerstritten. Ich habe überhaupt kein Problem damit, ihm Hallo zu sagen.

Ihr Wechsel zu Schalke 04 kam deswegen ans Tageslicht, weil Harald Strutz vor laufenden Kameras enthüllte, dass es ein Angebot für Sie gäbe.
Das Thema war längst vergessen und wurde jetzt durch seine Äußerung auf der Mitgliederversammlung, die Thematik sei durch Schalke an die Öffentlichkeit gekommen, wieder aktuell. Das konnte ich so nicht stehen lassen. Wir hatten klar vereinbart, dass wir die entstandenen Gerüchte nicht kommentieren und zwei Stunden später spricht Harald Strutz nach einer Pressekonferenz von einem Schalker Angebot für mich, was es wirklich noch nicht gab. Dann nahm die Sache natürlich an Dynamik an. Harald Strutz hat nachher gesagt, dass es ihm leid tun würde. Er hat das, was er gesagt hat, im Nachhinein selbst als Blackout beschrieben. Dann war das Thema erledigt. Bis zur Mainzer Mitgliederversammlung.

Wo sehen Sie die Besonderheit bei Mainz 05?
Die Entwicklung, die der Klub genommen hat, wird es so in Deutschland nicht mehr geben. Mainz 05 ist aus den tiefsten Niederungen zu einem gesunden, etablierten Bundesligaverein gewachsen und das ohne externe Finanziers. Erst fanden die Spiele auf einer Bezirkssport-Anlage statt, danach wurden zwei moderne Stadien gebaut. Und das zu 100 Prozent aus eigenen Mitteln und mit eigenen Ideen. Ich ging seit 1971 zu Mainz 05. Damals war ich acht Jahre alt und seit dieser Zeit Stammgast im Fanblock am Bruchweg, der immer sehr übersichtlich war. In den 80iger Jahre kamen oftmals keine 1.000 Zuschauer zu den Spielen.

Jeder Satz, den ich beim FC Schalke 04 sage, geht durch die Medien
Christian Heidel

Was ist intensiver: Einen kleinen Verein wie Mainz in die Bundesliga und das internationale Geschäft zu führen oder einen gestandenen Klub wie Schalke neu auszurichten?
Ich habe meine Arbeit auf Schalke gerade erst begonnen. Deswegen kann ich gar nicht sagen, was anstrengender ist. Der große Unterschied ist liegt in der Wirkung nach außen. Jeder Satz, den ich beim FC Schalke 04 sage, geht durch die Medien. Damit muss man umgehen. Außerdem arbeiten bei Schalke 04 ein paar Leute mehr. Aber auch hier muss der Ball ins Tor und die eigentliche Arbeit unterscheidet sich nicht so sehr.

Mainz oder Schalke: Wo können Sie als Manager besser abschalten?
Abschalten ist mir weder beim FSV noch jetzt bei Schalke gelungen. Es gibt Menschen, die das angeblich können. Den Trick sollen sie mir gerne mal verraten. Ich gehe mit Gedanken an den Fußball ins Bett und ich wache mit Fußball-Gedanken auf, Den Kopf kann ich nicht abschalten. Ich beschäftige mich immer mit dem Thema.

Haben Sie sich schon gedanklich durchgespielt, ob die Station Schalke in ein paar Jahren noch getoppt werden kann?
So habe ich nie getickt. Ich habe Schalke nie als nächsten Schritt gesehen. Das würde dem FSV Mainz 05 nicht gerecht.

Warum sind Sie dann zu den Königsblauen gewechselt?
Ich habe selbst beschlossen, etwas Neues zu machen. Es ging um einen kompletten Schnitt. Ich wollte mit meiner Familie umziehen, neue Menschen, neue Freunde kennenlernen, ohne die alten Freunde zu verlieren. Ich wollte neue Aufgaben und Herausforderungen. Erst nach dieser innerlichen Tendenz kam dann das Thema Schalke auf mich zu. Nach vielen Gesprächen mit Aufsichtsrats-Chef Clemens Tönnies haben wir uns zur Zusammenarbeit entschieden.

Gibt es ein Verfallsdatum für einen Fußball-Manager?
Man muss dann in Rente gehen, wenn man nicht mehr bereit ist, sich mit den neuen Herausforderungen des Geschäfts zu beschäftigen. Wenn ich müde bin und zum Beispiel die Füße hochlege, anstatt mir zwei Stunden lang die Fußball-Akademie in Krasnodar anzusehen, dann wäre das so ein Fall. Das Wissbegierige zeichnet einen guten Manager aus. Es gibt immer Orte und Menschen, die etwas besser machen. Ich sauge das alles auf. Wenn das nicht mehr der Fall ist, muss ich in Rente. (lacht)

Wenig Interesse am Amt des Präsidenten

Sie sind jetzt 53 Jahre alt und dem Fußball seit über 40 Jahren verbunden. Würde Sie in ein paar Jahren auch das Präsidenten-Amt reizen?
Ist Präsident eine Steigerung? Ich bin nicht der Typ, der gerne die Weihnachtsfeier eröffnet und beim Bankett eine Ansprache hält. Wenn ich keine Visionen in die Realität umsetzen kann, dann ist das nicht mein Ding. An einem Vereins-Präsidenten-Amt habe ich derzeit deswegen wenig Interesse.

Welche Überschrift würden Sie gerne nach dieser Saison über Schalke lesen?
Schalke ist auf einem guten Weg in eine erfolgreiche Zukunft. Das würde ich gerne lesen. Wir machen jetzt gerade viele Dinge, durch die man morgen zwar noch kein Spiel gewinnt, die aber mittel- und langfristig die Basis für Erfolg sein werden. Wir schaffen jetzt die Voraussetzungen für Nachhaltigkeit.

Autor: Thomas Tartemann

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