Berlin. Zimmer 539 im Ritz-Carlton am Potsdamer Platz in Berlin.

Interview

Löw über seinen Vertrag und Grenzerfahrungen

Daniel Berg, Jörn Meyn und Kai Schiller
05. Oktober 2016, 00:07 Uhr
Foto: firo

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Berlin. Zimmer 539 im Ritz-Carlton am Potsdamer Platz in Berlin.

Joachim Löw findet am Ende dieses Gesprächs keine richtige Antwort auf die Frage, wie man sich mal an ihn erinnern soll, wenn er den DFB verlässt. Seit zehn Jahren ist der 56-Jährige Bundestrainer, aber es fühle sich viel kürzer an, sagt er. Vor dem Treffen der Nationalmannschaft für die beiden WM-Qualifikationsspiele gegen Tschechien am Samstag (Hamburg) und Nordirland am Dienstag (Hannover) spricht Löw über Inspiration und die Frage, wie man weitermacht, wenn man eigentlich nicht mehr kann.

Herr Löw, in manchen Unternehmen gibt es Prämien bei Mitarbeiter-Jubiläen. Was haben Sie zu Ihrem Zehnjährigen als Bundestrainer vom DFB bekommen?
Bislang noch nichts. (lacht) Aber ich habe im Vorfeld auch jegliche Andeutung einer Feier abgelehnt. Gefühlt bin ich eigentlich erst fünf Jahre Bundestrainer. Jedenfalls wirkt die Zeit für mich kürzer als zehn Jahre. Ich kann keine Abnutzungserscheinungen bei mir erkennen. Ganz im Gegenteil. Ich verspüre große Lust und Freude an der Aufgabe.

Wie viel Joachim Löw aus der Anfangszeit 2006 steckt noch im Joachim Löw der Gegenwart?
Ich habe mich als Führungsperson weiterentwickelt. Es spornt mich an, Entwicklungen vorauszusehen, mich umzuschauen, was im Fußball passiert. Der Blick in die verschiedenen Länder, in die verschiedenen Arten der Fußballkultur, hat mir enorm in meiner Weiterentwicklung geholfen.

Sie sagen, Sie haben sich weiterentwickelt. Welche Entscheidung aus Ihren zehn Jahren als Bundestrainer würden Sie heute anders treffen?
(nachdenklich) Was ich bedauere, ist, dass Michael Ballack keinen besseren Abgang aus der Nationalmannschaft hatte. Dass wir das nicht zur Zufriedenheit aller haben lösen können.

Der langjährige Kapitän schied nach der WM 2010 im Streit aus der Nationalelf aus. Ihnen hätte ein feierlicher Abschied besser gefallen?
Ja, das hätte mir besser gefallen.
Wir reden also über neue Erkenntnisse. Welche Erfahrung außerhalb des Sports hat Sie bisher am meisten weitergebracht?
Die Besteigung des Kilimandscharo, 2003. Das war das interessanteste und erkenntnisreichste Erlebnis überhaupt in meinem Leben. Ich habe eine Tour gemacht, die fünf oder sechs Tage und Nächte dauerte. Losgegangen sind wir bei plus 40 Grad im Tropenwald, ich habe Affen gesehen und Papageien. Am Ende kamen wir im ewigen Eis an.

Wie fühlt sich der Aufstieg an?
Es ist körperlich und geistig eine wahnsinnig große Anstrengung, weil man jeden Tag zwölf Stunden läuft. Am letzten Tag vor dem Aufstieg sind wir morgens um 7 Uhr losgegangen bis abends um 19 Uhr. Dann haben wir nur zwei, drei Stunden Pause gemacht, um in der Nacht den letzten Aufstieg zu meistern und zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel anzukommen. Das war die Phase, in der jeder Schritt so weh tat, dass ich das Gefühl hatte, es ist der letzte, den ich mache.

Wie haben Sie sich überwunden?
Ich habe immer zehn Schritte gezählt, um die nächste Pause zu machen. Wenn ich die zehn Schritte gemacht habe, dachte ich: Jetzt drehst du um! So ging das drei, vier Stunden lang, körperlich und geistig völlig am Limit. Und dann gegen 5 Uhr am Morgen haben wir eine Kuppe überquert und den Gipfel gesehen. Bis dahin sind es dann normalerweise noch zwei Stunden. Aber als ich über diese Klippe hinweg war, dachte ich, ich sei neu geboren. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich den Rest joggen könnte.

Klingt erstaunlich.
Diese Grenzerfahrung hat mir gezeigt, dass es immer weiter geht, selbst wenn man glaubt, dass es nicht mehr geht. Und wenn man das Ziel sieht, egal wie schwer es zu erreichen ist, dann dreht man nicht um! Diese Erkenntnis hat mir in meinem Leben immer geholfen – auch bei Rückschlägen oder Enttäuschungen.

Wie nutzt man sich nach zehn Jahren im selben Job nicht ab?
Der WM-Titel hat einen großen Motivationsschub bei mir ausgelöst. Es gab auch Leute, die meinten, das sei ein guter Zeitpunkt aufzuhören. Bei mir war es das Gegenteil. Der Titel hat in mir die Gier freigesetzt, diese Leistung bestätigen zu wollen. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich. Der Weg nach oben ist das eine. Oben zu bleiben, etwas ganz anderes. Dieser Plan, den man alle zwei Jahre neu aufstellt, der treibt mich an.

Sie haben diese zwei Jahre, Bundesliga-Trainer häufig nicht. Sind Sie derzeit besonders froh, nicht in der Liga als Trainer zu arbeiten?
Ich würde auch gern täglich mit den Spielern arbeiten. Andererseits habe ich tatsächlich zwei Jahre Zeit, einen Prozess zu steuern. Wobei es auch Vereine gibt, die eine langfristige Philosophie haben. Es gibt aber leider auch andere Beispiele.

Hamburg zum Beispiel?
Ich denke gar nicht speziell an Hamburg, das möchte ich nicht beurteilen. Was mir grundsätzlich nicht gefällt, ist die Art und Weise, wie so ein Wechsel manchmal vonstattengeht. Ich habe Verständnis, dass ein Trainerwechsel manchmal angebracht sein kann. Entscheidend aber ist, dass dies immer fair und korrekt über die Bühne geht. Dieses Gefühl habe ich leider nicht immer. Da wird auch mal ein Trainer komplett im Regen stehen gelassen und wochenlang vorgeführt.

Bei Ihnen ist es ja genau umgekehrt: Reinhard Grindel, der DFB-Präsident, würde nach zehn Jahren lieber heute als morgen mit Ihnen verlängern. Wann unterschreiben Sie?
Das Vertrauen ehrt mich. Aber momentan gibt es keinen Grund dafür. Jetzt freue ich mich zunächst einmal auf die WM 2018 in Russland.

Wäre es denkbar, dass Sie erstmals bewusst in ein Turnier gehen, ohne einen Anschlussvertrag zu haben?
Natürlich ist das für mich denkbar. Aber sicherlich wird es vor dem Turnier noch einmal ein Gespräch über unsere gemeinsamen Ziele geben.
Herr Löw, was soll man mal über Sie sagen, wenn Sie den DFB verlassen?
Puh, über so etwas mache ich mir eigentlich keine Gedanken. Ich handele nicht danach, wie es von anderen bewertet werden könnte.

Autor: Daniel Berg, Jörn Meyn und Kai Schiller

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