Den Weg, den seine Kollegen gegangen waren, den wollte Mario Götze lieber nicht gehen.

DFB-Elf

Götze steht in der Kritik

Daniel Berg
05. September 2016, 15:18 Uhr
Foto: firo

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Den Weg, den seine Kollegen gegangen waren, den wollte Mario Götze lieber nicht gehen.

Sein Ausgang aus dem Ullevaa-Stadion in Oslo war eigentlich nicht für Spieler gedacht, aber der lag eben deutlich näher am wartenden Mannschaftsbus und hatte vor allem den Vorteil, dass der 24-Jährige nicht auch noch direkt an den norwegischen Fans vorbei gehen musste, die hinter einem Metallzaun wie eine Masse der Begeisterung hin und her wogte, wenn die Stars vorbeischritten. Sie kreischten der Ohnmacht nahe, als sei Mesut Özil einer der Beatles. Sie rissen selbst einer international eher unbekannten Größe wie Julian Brandt fast den Rucksack vom Rücken, sodass Sicherheitspersonal einschreiten musste. Der Weltmeister war da. Auch Götzes Namen riefen sie ekstatisch, als er versuchte, ungesehen zu entkommen. Götze, Götze. Der Goldschütze von 2014. Dann war er verschwunden im Dunkeln des Gefährts.

Vielleicht hätte ihm ein bisschen der skandinavischen Wertschätzung gut getan, an einem Abend, an dem die deutsche Nationalmannschaft beim souveränen 3:0-Sieg gegen Norwegen in der WM-Qualifikation eigentlich nur Sieger hervorgebracht hatte. Nur Götze musste sich rechtfertigen. Mal wieder. Aber: zu recht?

Die Kritik hatte mit seinem Spiel zu tun, mit den 18 Ballkontakten, die er in gut 70 Minuten sammelte, mit seinen vergeblichen Versuchen, Bindung zum Spiel zu finden oder gar ein Törchen zu erzielen, das ihm gäbe, was er so dringend braucht: Selbstvertrauen, Sicherheit. Aber es hat auch damit zu tun, dass Ex-Nationaltorwart und RTL-Experte Jens Lehmann wenig Verständnis für die Leistung des Dortmunder Profis aufbrachte. "Er gibt mir das Gefühl, dass er nichts macht", meinte Lehmann. Und: "Er muss jetzt mal dahinkommen, dass er sich richtig anstrengt." Ein ziemlich unschönes Bild hatte der Mann, der sein ganzes Fußballerleben lang in einem Tor gestanden hat, da gezeichnet: Götze, der Berufsurlauber.

"Es ist immer schwer als einzige Sturmspitze", meinte der Beschuldigte nach seinem zweiten Spiel innerhalb von fünf Tagen. Dass er überhaupt mitgefahren war auf diese schwarz-rot-goldene Reise hatte die ersten Fragen aufgeworfen. Beim BVB hat er noch keine Pflichtspielminute bestritten, zuletzt mit dem Verweis auf Trainingsrückstand. Doch die Nominierung für den DFB war mit dem Verein abgesprochen: Götze sollte "Spielpraxis sammeln", wie Bundestrainer Joachim Löw schon vorher sagte. Gegen Finnland im Test ging das problemlos, und selbst gegen Norwegen konnte und wollte es sich die deutsche Mannschaft leisten, den nicht am körperlichen Limit befindlichen Götze aufzustellen. Und der spielte, was er spielen sollte. "Das muss man vielleicht mal klar formulieren", erklärte Mannschaftskollege Mats Hummels, "er hatte die Aufgabe, die Innenverteidiger im Zentrum zu binden." Dazu muss er im Zentrum bleiben, dort, wo zehn Norweger die Wege verstellen. Sich im Mittelfeld die Bälle für die eigene Statistik abzuholen oder auf die Flügel auszuweichen, hätte den Mitspielern den Platz geraubt. Über die Außen trugen die Deutschen ihre Angriffe vermehrt vor. Sie flankten viel, das ist nichts für den kleinen, wendigen Götze, der für solche Spiele offenbar eine Notbesetzung ist. Gegen die Finnen bereitete er noch beide Treffer vor, nun blieb er ein Wartender auf den einen kleinen Moment für einen Pass auf ihn, für einen Torschuss. Vergeblich. "Ich hätte gern ein Tor gemacht. Wenn man als Stürmer eingesetzt wird, dann wird man an Toren gemessen. Trotzdem waren es zwei wichtige Spiele für mich und ich freue mich jetzt nach Dortmund zurückzukommen", sagt Götze.

Mit seinem Trainer Thomas Tuchel hatte er vor der Nichtnominierung für das erste Bundesligaspiel gegen Mainz ein langes,
klärendes Gespräch. "Ich hoffe, dass ich am Dienstag wieder ins Training einsteigen kann. Ich komme zurück, um zu spielen." Nächste Chance: Samstag (18.30 Uhr) bei Aufsteiger RB Leipzig. Ob es so kommt? "Es ist offensichtlich, dass er noch ein bisschen Zeit braucht", sagt Joachim Löw, "aber sein Wechsel nach Dortmund war wichtig für ihn. Ich sehe ihn wieder häufiger lächeln." Das ist vermutlich auch die beste Reaktion auf die neuerliche Kritik.

Autor: Daniel Berg

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