Montag, 14 Uhr auf dem Leichtathletikplatz hinter dem Vonovia-Ruhrstadion.

Bochums Merkel

Ein „Wandervogel“ wird sesshaft

Dominik Hamers
26. August 2016, 07:07 Uhr
Foto: VfL Bochum 1848

Foto: VfL Bochum 1848

Montag, 14 Uhr auf dem Leichtathletikplatz hinter dem Vonovia-Ruhrstadion.

Bei Nieselregen verfolgen rund 100 Zaungäste das Angebotsspiel des VfL gegen den Regionalligisten SV Rödinghausen. Ein Mix aus Reservisten und U19 versucht sich vor den Augen der sportlichen Führung zu empfehlen. Am Tag nach dem Pokalaus ist die Stimmung gereizt. Im Blickpunkt der wenigen Kiebitze steht eigentlich nur „der Blonde mit der 15“. Alexander Merkel, gerade verpflichtet, müsste sich eigentlich vorkommen wie in einem falschen Film. Denn fünf Jahre zuvor waren für den nun 24-jährigen Mittelfeldspieler die Rahmenbedingungen weit illustrer. Damals, im Guiseppe-Meazza-Stadion von Mailand, feierte er mit Kevin-Prince Boateng, Zlatan Ibrahimovic, Andrea Pirlo und Marc van Bommel die Italienische Meisterschaft.

Damals gegen Inter und „Juve“, nun der Anfang gegen Rödinghausen – welch ein Unterschied. Doch als Merkel mit verschwitztem Trikot und verklebten Haaren nach 90 Minuten erschöpft den LA-Platz verlässt, ist er kaputt und glücklich: „Puh, bin ich kaputt. Das hat geschlaucht. Aber ich bin froh, endlich wieder Fußball zu spielen.“

Seine Gefühlslage ist verständlich. In der letzten Saison hat er für Udinese Calcio aufgrund eines Kreuzbandrisses im letzten Jahr gerade mal einen Einsatz mit 57 Spielminuten erhalten. Für Bochums neuen Mittelfeldspieler lief nichts, aber auch wirklich gar nichts nach dem Gewinn der Meisterschaft rund. Er wurde in Italien herumgereicht, zwischenzeitlich zum FC Watford und zu den Grashoppers Zürich ausgeliehen – er war fast ausschließlich Lückenbüßer, aber nie fester Bestandteil einer Mannschaft. Das soll sich nun rapide ändern, nachdem auch sein nicht einmal vier Wochen dauerndes Engagement beim AC Pisa gescheitert ist. Merkel: „Mein damaliger Mitspieler Gennaro Gattuso wollte mich unbedingt nach Pisa holen. Ich spürte Vertrauen, bin dort hin, doch der Coach hat sich mit dem Präsidium überworfen und hingeschmissen. Sieben Tage nach meiner Unterschrift war plötzlich der Trainer, der mich geholt hatte, weg. Und mir wurde nahegelegt, den Klub zu verlassen.“

Dann ging alles ganz schnell. „Mein Berater hatte Kontakt zum VfL. Das Interesse war da. Ich habe dann in Bochum unterschrieben, nachdem ich zuvor den Vertrag in Pisa aufgelöst hatte. So etwas passiert im Fußball“, berichtet Merkel.

Nun ist er seit knapp zwei Wochen in Bochum und ist wild entschlossen, so schnell wie möglich seinen Trainingsrückstand aufzuholen: „Als ich hier ankam, war die Mannschaft gerade nach Karlsruhe abgereist. Aber da ich unbedingt trainieren wollte, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, habe ich zunächst eine Einheit mit der U19 absolviert.“

Inzwischen kämpft sich der Neue kontinuierlich an die Fitness seiner Mannschaftskollegen heran. Und da helfen solche Spiele wie gegen Rödinghausen natürlich sehr. Merkel: „Mein erstes Ziel ist es, richtig fit zu werden. Ich habe zwar selber versucht, daran zu arbeiten, aber man kann das nicht mit einem Mannschaftstraining vergleichen. Und das hatte ich in Pisa gerade einmal acht Tage.“

Momentan wohnt Merkel noch in einem Bochumer Hotel, Freundin Charlotte ist noch in Stuttgart: „Das möchten wir natürlich schnellstens ändern. Ich suche noch eine Wohnung.“ Es gibt viel zu tun, denn schließlich lebte der Neue in den ersten Tagen aus dem Rucksack. Alles andere lag noch in Italien oder bei seinen Eltern in Stuttgart. Und so war der trainingsfreie Dienstag mit vielen Besorgungen gefüllt. Schließlich gilt es auch, sich von seiner italienischen Telefonnummer zu trennen und einen deutschen Anschluss zu besorgen.

Dass Bochum für ihn der erhoffte Neuanfang sein kann, hat sich in seinem Inneren schon fest verankert: „Mit 24 Jahren wird es als Fußballer höchste Zeit, endlich einmal sesshaft zu werden. Ich habe in der Tat turbulente Jahre hinter mir. Aber ich habe in den acht Jahren im Ausland auch viel gelernt, habe viele Erfahrungen als Mensch gesammelt und die Zeit hat mich sicher auch geprägt. Ich habe viel erlebt, bin aber im Fußball noch nicht dort angekommen, wo ich hinmöchte. In Bochum werde ich jetzt versuchen, meine Möglichkeiten endlich auszuschöpfen und das Beste aus mir herauszuholen, damit ich endlich fußballerisch ein langfristiges Zuhause finde.“

Und welche Erinnerungen hat ein Spieler, den es mit 16 ins Ausland zog, an den VfL? Merkel gerät ins Schwärmen: „Als ich noch ein kleiner Junge war, hat Bochum in der ersten Liga gespielt. Da gab es tolle Spieler wie Bastürk, Wosz oder Hashemian. Damals war der VfL richtig gut.“
Und da will der Neue mit seinem Klub auch einmal wieder hin: „Wenn ich körperlich fit bin, kann ich meine spielerischen Fähigkeiten mit dem Ball am Fuß und mit meinem Überblick sicherlich zum Wohle der Mannschaft einbringen.“

Bochums Nummer 15 weiß genau, dass die nächsten zwei Jahre für seine Karriere wegweisend sind. Merkel: „Mir sind viele kuriose Dinge passiert, aber ich will jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass ich dafür immer die Schuld bei anderen suche. Dennoch bin ich mir sicher, dass ich mein Talent nicht verschleudert habe. Denn ich wollte immer für den Verein, bei dem ich gespielt habe, das Beste geben. Ich habe noch viel vor, und da ist der VfL Bochum der perfekte Klub für einen Neuanfang. Wir haben eine junge, aber nicht unerfahrene Mannschaft mit viel Entwicklungspotential. Das gilt auch für mich.“

Autor: Dominik Hamers

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