Dirk Valentin ist der Herr der Zahlen der MSV-Amateure. Der Rückzug der Meidericher U?23 ist nicht nur für den Kaßlerfelder eine Zäsur im Leben. Seine Arbeit im Archiv geht trotzdem weiter

MSV Duisburg II

Das Ende einer Tradition

Sven Kowalski
30. Juli 2016, 09:07 Uhr
Foto: Funke Foto Services

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Dirk Valentin ist der Herr der Zahlen der MSV-Amateure. Der Rückzug der Meidericher U?23 ist nicht nur für den Kaßlerfelder eine Zäsur im Leben. Seine Arbeit im Archiv geht trotzdem weiter

Wenn Dirk Valentin das Duisburger Stadtarchiv besucht, wird er mit Handschlag begrüßt. „Dass die mir noch nicht den Schlüssel gegeben haben, ist alles“, grinst der 52-Jährige. Rund 5000 Stunden hat Valentin dort Dokumente gewälzt – mit dem Ziel, die Geschichte des MSV Duisburg zu beleuchten. Dabei ging es dem Fan aber nicht um die Profi-Fußballer. Seit seinem ersten Spielbesuch am 5. Juni 1988 in Emmerich schlägt Valentins Herz für die Amateure des MSV.
Seine Datenbank umfasst alle 1782 Meisterschafts- und 113 Pokalspiele der „Kleinen Zebras“ seit der Anmeldung zum Spielbetrieb in der damaligen dritten Kreisklasse, die Abteilungsleiter Hans Hammentgen 1959 zwei Stunden vor Meldeschluss vorgenommen hatte. Als Valentin am 29. Mai diesen Jahres mit dem 1:1 gegen den VfR Fischeln das letzte Ergebnis in seine Liste eintrug, endete mit dem Rückzug der U 23 nicht nur die lange Geschichte der MSV-Amateure. „Wenn du über die Hälfte deines Lebens dieser Mannschaft gewidmet hast“, sagt Valentin, „dann stirbt auch ein Teil von dir.“

„Katastrophale Fehlentscheidung“
Mit seiner Chronik, die 700 Spieler samt Profildaten sowie alle recherchierbaren Freundschaftsspiele listet, ist er nicht nur der Herr der Daten, was die MSV-Amateure angeht. Seit 1994 hat der in der Szene kurz „Bobbel“ genannte Fan bis auf eine krankheitsbedingte fünfwöchige Pause jede Partie der zweiten Mannschaft gesehen. Rund 1300 an der Zahl. „Vom Freundschaftsspiel in der Vulkan-Eifel, über ETT-Spiele in Genk und Lüttich, wo wir die Spiele einmal unter Ewald Lienen gewonnen haben, bis hin zum Kick gegen den FC Metz, als wir in Bellecroix, umgeben von Kanonen, auf einem Kunstrasenplatz im Innenraum der Festung gespielt haben.“

Die Bandbreite der Gegner hat Valentin in seiner Wohnung in Kaßlerfeld mit Vereinsstecknadeln chronologisch in einem Glaskasten angeordnet. Selbst Gegner aus dem Jahr 1958, als der MSV wenige Stunden vor Fristende die erste Anmeldung der Amateure zurückzog und als Reisemannschaft Freundschaftsspiele bestritt, sind dort angepinnt. Zwei freie Stellen gibt es aber. „Wenn jemand noch eine Nadel von der DJK Rheinfranken Duisburg oder dem TuS Wacker Meiderich 1895 übrig hat, würde ich mich freuen, wenn er sie für mich bei der Sportredaktion abgeben würde.“

„Wenn du über die Hälfte deines Lebens dieser Mannschaft gewidmet hast, dann stirbt auch ein Teil von dir.“
Dirk Valentin

Auf seinen vielen Erinnerungs-Fotos ist Valentin selbst nie zu sehen. „Da habe ich mich immer erfolgreich vor gedrückt“, sagt er und möchte das auch so beibehalten. An der Westender Straße hat ihn aber wohl jeder schon mal gesehen, der bei einem Heimspiel der Amateure dabei war. 21 Jahre lang verteilte er das inoffizielle Stadionheft „Auf Westende“, das er selbst entwarf, an die Besucher. Als „katastrophale Fehlentscheidung“, deren „negative Folgen für den Nachwuchsbereich erst in den nächsten Jahren sichtbar werden“, beschrieb Valentin in der letzten Ausgabe vor dem Spiel gegen Fischeln den Rückzug der Reserve.

Bis spät in die Nacht gefeiert
Dass er von der Profi-Elf, der er seit 1971 die Daumen drückte, ab 1994 konsequent auf die Amateure umschwenkte, war der Nähe zum Team geschuldet. „Fannähe ist ja heute bei den Profis kaum noch vorhanden. Das ist schade, vor allem, wenn man es noch anders kennt.“ Während die Distanz zu den Profis immer größer wurde, lernte Valentin schon bei seinem ersten Erlebnis mit den Amateuren am 5. Juni 1988, dass mit diesen Jungs gut zu feiern war. „Es war der letzte Spieltag in der Bezirksliga. Wir lagen in der Tabelle mit zwei Punkten und zwei Toren vor Rheingold Emmerich an der Spitze. Im Eugen-Reintjes-Stadion kam es dann vor über 1000 Zuschauern zum direkten Duell. Schiri war der legendäre ,Ali’ Ahlenfelder, der angefressen war, weil die Emmericher ihn erst 15 Minuten vor Spielbeginn in die Kabine gelassen hatten. Im Tor stand Mario Hillebrand, der Vater unseres späteren Schnappers Kevin Hillebrand. Zur Pause führten wir 2:1, dann drehte Emmerich die Partie, gewann 4:3 – und wir stiegen mit einem Tor Differenz in die Landesliga auf. Wir haben uns gefreut wie die Bekloppten. Abends hat Obmann Rainer Eichler im Klubhaus Unmengen von Sekt bestellt. Das ging bis spät in die Nacht.“ Dieses Erlebnis prägt Valentins Leidenschaft für die MSV-Amateure bis heute.

Nach 28 Jahren ist das Kapitel für Dirk Valentin nun beendet. Das eigentlich letzte und 1783. Meisterschaftsspiel des MSV II hätte er gern noch gesehen. Doch da die Partie beim TV Kalkum-Wittlaer aus für ihn „völlig überzogenen“ Sicherheitsgründen nicht stattfand, bleibt es dabei, dass Groundhopper Valentin den Sportplatz am Grenzweg trotz seiner vielen weiten Reisen mit den Amateuren noch nicht betreten hat: „Wir wollten schweigend hin und schweigend wieder weg. Mehr nicht.“

Ein unwürdiges Ende
Das Ende der MSV-Reserve war nicht nur für Dirk Valentin ein unwürdiges. Seine Leidenschaft für die Amateure verblasst deshalb nicht. Gemeinsam mit den Fans Klaus Dings, Wolfgang Berndsen und Willi Blomenkamp würde der Herr der Daten gerne die gesammelten Werke in einem kleinen MSV-Museum veröffentlichen. Eine Anfrage für eine mögliche Lokalität hat „Bobbel“ bereits an den MSV gestellt – auf die Antwort wartet er schon länger. „Ich werde weiter an den Chroniken arbeiten“, sagt er, „das Geschichtsverständnis für den MSV beschränkt sich auf die Profis ab 1963. Das ist ein Trauerspiel. Der Verein ist über hundert Jahre alt und hat so viele Facetten. Wenn die alten Spieler aussterben, geht das alles verloren.“ Zum Glück aber gibt es da ja noch diese „Handvoll Leute, die diese Geschichte bewahren wollen.“

Die Mitarbeiter des Stadtarchivs werden Dirk Valentin noch öfter begrüßen. Mit Handschlag, versteht sich . . .

Autor: Sven Kowalski

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