Es waren diesmal zwei Pfiffe, die von der Tribüne im Stade Pierre Mauroy von Lille hinunter in die Ohren von Julian Draxler sausten und ihm ein gutes Gefühl gaben.

Gegen die Slowakei

Die große Julian-Draxler-Show

Jörn Meyn
27. Juni 2016, 08:15 Uhr
Foto: firo

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Es waren diesmal zwei Pfiffe, die von der Tribüne im Stade Pierre Mauroy von Lille hinunter in die Ohren von Julian Draxler sausten und ihm ein gutes Gefühl gaben.

Ein Gefühl des Vertrauten, das er braucht, zumal auf dieser großer Bühne. Von dort oben pfiff also Hans-Jürgen Draxler zweimal so laut, dass der Sohn unten am Sonntagabend nach dem Aufwärmen für das EM-Achtelfinale gegen die Slowakei erst den Kopf hob, den Vater sah und dann zwei Finger ausstreckte: das Victory-Zeichen. Volle Zuversicht.

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Etwas mehr als 90 Minuten später saß Julian Draxler in einem fensterlosen Raum der Arena und sollte erklären, ob das, was zwischen den zwei Pfiffen und dem Jetzt passiert war, nun sein bestes Spiel überhaupt für die deutsche Nationalelf gewesen sei. Der Mittelfeldspieler hatte beim 3:0 (2:0) gegen die Slowaken ein fantastisches Tor mit einem Scherenschlag unter die Latte geschossen (63. Minute) und zuvor ein anderes, das 2:0 von Mario Gomez, mit einem sehenswerten Solo vorbereitet (43.).

Draxler hatte großen Anteil daran, dass dem Team von Bundestrainer Joachim Löw der erste wirklich überzeugende Auftritt bei diesem Turnier gelungen ist. Und er wurde völlig verdient auch zum Man of the Match gewählt. „Das ist schwer zu sagen, so direkt nach dem Spiel“ antwortete der Wolfsburger Profi auf die Frage nach seiner bisher besten Leistung für Deutschland.

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„Der Bundestrainer hat mich ermutigt, mehr in Eins-gegen-Eins-Situationen zu gehen“, verriet Draxler, der erst nach dem Frühstück von seiner Aufstellung erfuhr. „Er hat mir Selbstvertrauen gegeben. Er weiß, dass ich gut bin.“

Das Fehlen eines solchen Eins-gegen-Eins-Spielers hatte Löw vor einer Woche noch beklagt, als das große Thema im deutschen Lager die zähe Offensive war. Nun hat er sich quasi selbst einen solchen Dribbler geschnitzt, indem er Draxler gut zuredete, auf seine Qualitäten zu vertrauen. „Julian hat heute den Mut gehabt, mit seinem Tempo ins Eins-gegen-Eins zu gehen. Ich war sehr zufrieden mit ihm“, lobte Löw.

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Draxler ist immer noch erst 22 Jahre alt, aber man hat das Gefühl, er sei schon sehr viel länger dabei. Mit 17 debütierte er bei Schalke 04 in der Bundesliga, wo er schon in der E-Jugend spielte. Mit 19 stand er im erweiterten Kader für die EM 2012 in der Ukraine und Polen, aber Löw entschied sich vor dem Turnier doch noch gegen ihn. Lange trug der gebürtiger Gladbecker den Rucksack mit sich herum, eines der größten deutschen Talente zu sein – aber ihn abzusetzen und mehr als ein Talent zu sein, das gelang ihm nicht. Auch das war ein Grund für seinen Wechsel vor der abgelaufenen Saison: Er wollte einen Neuanfang. Doch die 36 Millionen Euro, die der VfL an Schalke zahlen musste, waren wie ein neuer Rucksack.

Draxler hat die Unterstützung seiner Eltern immer gebraucht – vielleicht noch stärker als andere 22-Jährige. Aber das lag auch daran, dass seine Kindheit kürzer ausfiel. Der Hype um ihn auf Schalke zwang ihn, schneller erwachsen zu werden. Die Pfiffe seines Vaters vor einem Spiel sind zum Ritual geworden, hat Draxler dem „Spiegel“ kürzlich erzählt. Sie geben ihm Halt in einer oft haltlosen Branche.

Zumindest in der Nationalelf ist Draxler mit dem Auftritt gegen die Slowaken ein Stück weiter aus dem Talentstatus herausgewachsen. Er hat den Rucksack abgelegt. Und er gibt Löw nun die Möglichkeit, trotz des schmerzlichen Ausfalls von Marco Reus auch auf eine Formschwäche von Götze reagieren zu können. Und der Bundestrainer bewies am Sonntag mit dem Wechsel in der Offensive einen guten Riecher.

Autor: Jörn Meyn

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