Julian Weigl, Leroy Sané und Joshua Kimmich im Gespräch über Schafskopf, Pflichten von Jungnationalspielern, Chaot Aubameyang und einen gemeinsamen Traum.

Nationalmannschaft

Speed-Dating mit EM-Debütanten

Daniel Berg und Kai Schiller
03. Juni 2016, 08:17 Uhr
Foto: dpa

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Julian Weigl, Leroy Sané und Joshua Kimmich im Gespräch über Schafskopf, Pflichten von Jungnationalspielern, Chaot Aubameyang und einen gemeinsamen Traum.

Die Regeln sind einfach. Eine Halbzeit dauert 25 Minuten, dann werden die Seiten gewechselt. Auf der einen Seite sitzen elf Nationalspieler an elf Tischen, auf der anderen Seite des Medienzen­trums in Ascona sitzen zwölf Nationalspieler an zwölf Tischen. Die angereisten Journalisten dürfen auf jeder Seite des weißen Medienzelts innerhalb der vereinbarten Spielzeit beliebig oft von Tisch zu Tisch wechseln. Eine Art Speed-Dating mit Nationalspielern.

Wir haben uns entschieden, die Zeit zu nutzen und mit den drei EM-Debütanten Julian Weigl, Leroy Sané und Joshua Kimmich zu sprechen. Herausgekommen ist eine Gesprächskomposition über Schafskopf, Pflichten von Jungnationalspielern, Chaot Aubameyang und einen gemeinsamen Traum.

Wen haben Sie als erstes angerufen, als Sie Dienstag erfuhren, dass Sie bei der EM dabei sind?
Joshua Kimmich: Erst meine Eltern, dann meine Freundin und dann meinen besten Kumpel.
Leroy Sané: Ich habe meine Familie angerufen. Und als ich gesagt habe, dass ich dabei bin, haben sich alle riesig gefreut.
Julian Weigl: Ich habe meine Freundin angerufen, dann meine Eltern und meinen Berater. Die waren alle aus dem Häuschen. Und als die Entscheidung dann öffentlich gemacht wurde, hat mein Handy geglüht. Ich musste es erst mal weglegen, weil ich es nicht geschafft hätte, jedem zu antworten. Es waren über 100 Nachrichten und viele Anrufe. Auba (Pierre-Erick Aubameyang. Anm.d.Red.), der Chaot, hat mich angerufen und mir ins Ohr gesungen. Der hat sich auch voll gefreut.

Ich denke, dass ich meine Einsätze bekommen und nutzen werde
Leroy Sané

Hand aufs Herz: Hatten Sie am Vorabend gedanklich schon mal durchgespielt, wie Sie am Dienstag möglicherweise nach Hause fahren?
Kimmich: Natürlich konnte ich nicht zu hundert Prozent damit rechnen, im endgültigen Kader dabei zu sein. Aber als ich am Dienstagvormittag zufällig den Trainer auf dem Hotelflur traf und er mich zur Seite nahm und mir sagte, dass ich dabei bin, war die Freude natürlich riesig. Meine Welt wäre allerdings auch nicht zusammengebrochen, wenn ich nach Hause gemusst hätte.
Weigl: Mir hat der Bundestrainer morgens in einem kurzen Gespräch gesagt, dass er mich mitnimmt, weil ich Ruhe ins Spiel bringen kann, eine große Passsicherheit habe und auch in den internationalen Spielen mit dem BVB nicht kalte Füße bekommen, sondern mein Spiel gemacht habe.
Sané: Ich habe mir eigentlich nicht viele Gedanken gemacht am Abend vorher, sondern ferngesehen und mir die Musikserie „Empire“ auf dem Laptop angeschaut. Aber klar: Ganz kurz denkt man dann auch mal, dass es schade wäre, am nächsten Tag abreisen zu müssen. Zum Glück ist es anders gekommen. Der Bundestrainer hat mich am nächsten Morgen in sein Büro gebeten. Er hat mir gesagt, dass er überzeugt von mir ist und dass ich dabei bin.

Können Sie die Geschwindigkeit, in der in den vergangenen Monaten alles passiert ist, überhaupt so richtig begreifen?
Kimmich: Klar checke ich, was abgeht. Aber vielleicht ist es auch ganz gut, dass ich mir nicht zu viele Gedanken über alles mache.
Weigl: Es ist schon krass. Während der Weltmeisterfeier 2014 am Brandenburger Tor tauchte bei meinem alten Klub 1860 München ein Kamerateam auf, das mich gefilmt und befragt hat, ob ich mir vorstellen könnte, dass ich es mal in die Nationalmannschaft schaffe. Ich sagte, das sei ein Traum. Letztes Jahr wäre ich mit 1860 fast in die Dritte Liga abgestiegen, jetzt darf ich mit zur EM. Das ist atemberaubend, ein kleines Märchen.
Sané: Es ging alles unheimlich schnell. Manchmal muss ich echt überlegen, ob das wirklich alles schon passiert ist. Wenn ich es gar nicht glauben kann, schaue ich mir die Spiele einfach noch mal an. Dann habe ich Gewissheit. (lacht)

Meine Welt wäre allerdings auch nicht zusammengebrochen, wenn ich nach Hause gemusst hätte
Joshua Kimmich

Sie gelten als die Generation Playstation. Wer von Ihnen kann noch ganz altmodisch Skat, Schafkopf oder auch Mau-Mau spielen?
Weigl: Skat kann ich nicht, Doppelkopf kenne ich zumindest. Mit Mull (Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, d. Red) spiele ich Billard, da haben wir eine gute Runde. Thomas Müller und ich gegen ihn und Bene Höwedes. Wir liefern uns da heiße Duelle.
Kimmich: Mein Vater hat mir früher mal Skat beigebracht, aber darin bin ich nicht unbedingt perfekt. Besser drauf bin ich im Binokel oder Gaigel.
Sané: Ich spiele tatsächlich lieber Playstation.

In der Kreisliga müssen die Jüngsten Ballnetze und Tore tragen. Wie ist das bei der Nationalmannschaft?
Kimmich: Ehrlich gesagt ist das bei der Nationalmannschaft gar nicht so schlimm. Ich bin das aus Leipzig und von den Bayern ganz anders gewöhnt. Da mussten die Jungen immer die Bälle zusammensammeln.
Sané: Wir haben eher weniger solcher Pflichten, das hat mich auch gewundert. Aber wenn wir zum Beispiel sehen, dass ein Betreuer eine Kiste allein schleppt, dann packen wir an. Das ist auch richtig so.
Weigl: Wenn etwas fehlt, holen wir es aus der Kabine. Und in den Kreis müssen auch die Jüngsten rein. Da trifft es immer mich.

Wenn im zentralen Mittelfeld ein Spieler ausfällt oder geschont werden muss, bin ich bereit
Julian Weigl

Rede oder Lied? Was war Ihr Einstandsritual?
Kimmich: Bislang wurde ich verschont. Ich hoffe, dass da vielleicht keiner dran denkt.
Weigl: Müller und Co. werden sich da schon etwas einfallen lassen.
Sané: Ich habe schon mal bei den anderen nachgefragt, was die so gesagt haben. Aber ich werde wohl einfach drauflos reden.

Sie gelten als ernstzunehmende Alternative für die Startelf im Eröffnungsspiel. Erlauben Sie sich, ein bisschen davon zu träumen?
Kimmich: Möglich ist immer vieles. Jeder weiß ja, dass es ein paar Positionen gibt, die ich spielen kann. Mein Ziel ist es natürlich, am Ende dann auch auf dem Platz zu stehen.
Weigl: Es ist für mich kein Beinbruch, wenn ich wenige Einsatzzeiten bekomme oder auch keine. Aber ich gehe da natürlich anders heran. In einem Turnier kann viel passieren. Wenn im zentralen Mittelfeld ein Spieler ausfällt oder geschont werden muss, bin ich bereit.
Sané: Träumen kann man immer. Ich gehe zwar erst mal nicht davon aus, dass ich direkt in der Startelf stehe, aber ich denke, dass ich meine Einsatzzeiten bekomme und dass ich sie nutzen werde.

Stichwort Traum: Lukas Podolski hat am Donnerstag auf der offiziellen Pressekonferenz gleich sechsmal den Satz „Wir wollen Europameister werden“ gesagt. Mindestens einmal würden wir diesen Satz gerne auch von Ihnen hören…
Weigl: Ich würde es gern etwas di­plomatischer ausdrücken. Wir haben noch zehn Tage Zeit, ein Stück zusammenzurücken, und dann müssen wir uns vor niemandem verstecken.
Sané: Ich hoffe, dass wir Europameister werden.
Kimmich: Wir wollen Europameister werden. Natürlich wollen wir das.

Autor: Daniel Berg und Kai Schiller

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