So langsam haben die Sportfreunde Lotte begriffen, was sie in dieser Saison erreicht haben. Seit Sonntag darf sich der Regionalliga-West-Meister auch Drittligist nennen.

SF Lotte

"Mannheim war ein echter Hexenkessel"

Krystian Wozniak
31. Mai 2016, 11:51 Uhr
Foto: dpa/getty

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So langsam haben die Sportfreunde Lotte begriffen, was sie in dieser Saison erreicht haben. Seit Sonntag darf sich der Regionalliga-West-Meister auch Drittligist nennen.

Während die Mannschaft noch am Sonntagabend in Richtung Partyinsel Mallorca abdüste, zog sich Trainer Ismail Atalan zurück. Der 36-Jährige will die Tage nach dem Aufstieg einfach nur genießen und viele Stunden mit der Familie verbringen. Wir sprachen am Dienstagmorgen mit dem Erfolgstrainer, der in den nächsten Wochen und Monaten am Lehrgang zum Fußballlehrer teilnehmen wird.

Ismail Atalan, konnte der Friseur die Haare noch retten?
(lacht) Ja, ich sehe jetzt wieder wie ein Mensch aus. Die Jungs haben mir nach dem Spiel noch in der Kabine einen Irokesen verpasst. Den Spaß wollte ich der Mannschaft nicht nehmen. Ich sah aber sehr verunstaltet aus. Jetzt geht es wieder.

Die Fans haben eine unglaubliche Stimmung gemacht. So etwas habe ich noch nie gesehen - weder in Essen noch in Aachen. Das hat sich wie Bundesliga angefühlt
Ismail Atalan

Die Kabine war nach dem Spiel auch der einzig mögliche Rückzugs-Ort, oder?
Wir konnten nur in den Katakomben feiern. Denn draußen war es zu gefährlich. Wahnsinn, was da los war. Einige Mannheimer Idioten haben den Platz gestürmt, Rauchbomben und Feuerwerkskörper geworfen. Wir mussten letztendlich mit einer Polizei-Eskorte in Richtung Autobahn gebracht werden. Schade, dass wir mit unseren Angehörigen und Fans nicht auf dem Platz feiern konnten. Aber wir wollten auch niemanden provozieren, deshalb haben wir uns in die Kabine zurückgezogen.

Können Sie den Frust der Mannheimer nachvollziehen?
Zu hundert Prozent! Ich habe immer wieder betont, dass die Relegation nichts mit dem Sportsgeist zu tun hat und einfach brutal ist. Das hat sich jetzt auch nicht geändert. Es tut mir für Waldhof auch leid. Die Fans haben eine unglaubliche Stimmung gemacht. So etwas habe ich noch nie gesehen - weder in Essen noch in Aachen. Das hat sich wie Bundesliga angefühlt. In den ersten zehn, 15 Minuten konnte ich mein eigenes Wort nicht verstehen. Mannheim war ein echter Hexenkessel.

Bis Ihre Mannschaft mit dem Doppelschlag die Atmosphäre dämpfte. Wann wussten Sie, dass das ein Tag der Sportfreunde Lotte wird?
Bei meiner letzten Ansprache in der Kabine. Ich habe lange überlegt, was ich den Jungs erzählen soll. Dann habe ich mich an das Buch von Bernhard Peters, welches ich gelesen habe, erinnert. Er hat in solchen Momenten seiner Mannschaft Witze erzählt. Das habe ich auch gemacht und so bei einigen die Anspannung gelöst. Als ich den Jungs in die Augen geschaut habe, wusste ich, dass wir das Ding rocken. Bernd Rosinger, der sich fitspritzen ließ, lag mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Pritsche und sagte zu mir: 'Trainer, wir packen das!'

Wie haben Sie die Nächte vor dem Spiel erlebt?
Das war eine brutale Situation. Der Druck war unheimlich hoch. Ich wusste, wie sehr sich die Mannschaft, die Verantwortlichen, die Sponsoren, unser Fußball-Obmann Manfred Wilke, der ganze Ort Lotte nach dem Aufstieg in die 3. Liga sehnt. Ich habe das alles in mich hinein gesaugt und der Druck war einfach heftig. Ich konnte viele Nächte nicht schlafen. Schon gar nicht die Nacht von Samstag auf Sonntag. Aber das alles hat sich gelohnt. Jetzt, zwei, drei Tage später, realisiere ich erst, welch große Leistung wir vollbracht haben.

Jeron Al-Hazaimeh wird die Mannschaft verlassen. Werden weitere Leistungsträger folgen?
Nein, davon gehe ich nicht aus. Die Jungs brennen darauf in der 3. Liga zu spielen und jetzt ist es so weit. Jeron wollte etwas Neues ausprobieren. Das ist legitim. Aber natürlich auch bitter für uns. Wir haben ihn zum Linksverteidiger umfunktioniert und wohl zu einem der Besten in der Regionalliga West auf dieser Position gemacht.

Wie sieht es in Sachen Neuzugängen aus?
Die Jungs kommen am Donnerstag aus Mallorca wieder. Ich mache jetzt auch zwei, drei Tage Familienurlaub und ab Montag werden wir uns um die Personalien kümmern.

Autor: Krystian Wozniak

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