Am Abend ging Jerome Boateng seiner Arbeit nach, als sei nichts gewesen.

Welle der Solidarität für Boateng

"Jerome, sei unser Nachbar"

sid
29. Mai 2016, 19:21 Uhr
Foto: firo

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Am Abend ging Jerome Boateng seiner Arbeit nach, als sei nichts gewesen.

Dabei war den ganzen Tag über einiges los, nachdem der stellvertretende AfD-Vorsitzende Alexander Gauland den deutschen Nationalspieler mit einer diskriminierenden Äußerung beleidigt hatte. "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut, aber wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben", hatte der Politiker der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) gesagt - und damit einen Sturm der Entrüstung sowie eine Welle der Solidarität für den Weltmeister ausgelöst.

Bundestrainer Joachim Löw verzichtete zwar darauf, Boateng für das Länderspiel gegen die Slowakei symbolträchtig als Mannschaftskapitän anstelle des angeschlagenen Bastian Schweinsteiger zu berufen - doch auch ohne diese Geste war die Rückendeckung überwältigend. Benedikt Höwedes etwa postete Fotos von sich und Boateng im Internet, dazu schrieb er: "Wenn du für Deutschland Titel gewinnen willst, brauchst du Nachbarn wie ihn." Der Berliner Boateng ist Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters und träumt davon, als "erster farbiger Spieler die Kapitänsbinde für Deutschland zu tragen".

Die Kapitänsbinde trug in Augsburg der tunesisch-stämmige Sami Khedira - die Unterstützung für Boateng war dennoch sichtbar, etwa auf Spruchbändern, die von den Zuschauern aufgehängt wurden: "Jerome, sei unser Nachbar!", stand auf einem zu lesen. Zu diesem Zeitpunkt war Gauland längst zurückgerudert, hatte die Aussagen bestritten. Die FAS widersprach der Darstellung des AfD-Politikers und erhielt dabei Unterstützung vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV), dessen Bundesvorsitzender Frank Überall Gauland "perfides Spiel" vorwarf.

"Jerome ist eigentlich entspannt und fokussiert. Es belastet ihn nicht", berichtete Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff in der Halbzeitpause des vorletzten Testspiels vor der EM (10. Juni bis 10. Juli) der ARD: "Aber es ist unschön, weil er in eine Diskussion kommt, in der er nicht rein will. Blöd ist auch, dass seine Familie belastet wird, man fragt nun in der Nachbarschaft rum. Also alles Dinge, die man nicht in seinem Privatleben haben möchte."

Ehe Boateng am Sonntagabend zum 58. Mal für Deutschland auflief, hatte es zahlreiche Solidaritätsadressen gegeben. Boatengs Klubchef Karl-Heinz Rummenigge teilte in einer öffentlichen Stellungnahme mit: "Diskriminierungen jeder Art haben im Sport und in unserer Gesellschaft nichts verloren und verdienen die Rote Karte. Jerome Boateng ist ein wunderbarer Mensch und ein vorbildlicher Fußballprofi unseres Vereins. Wir sind stolz, dass er auch für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielt!"

Auch Liga-Präsident Reinhard Rauball und Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), verurteilten die Gauland-Aussagen in einer gemeinsamen Erklärung scharf: "Der Fußball und die gesamte Gesellschaft sind aufgerufen, sich von derartigen Gedanken ohne jeden Zweifel zu distanzieren. An dieser Stelle kann es keine Toleranz und erst recht kein Verständnis geben." Der neue DFB-Präsident Reinhard Grindel sagte der FAS, es sei "einfach geschmacklos", die Popularität Boatengs und der Nationalmannschaft "für politische Parolen zu missbrauchen".

Der frühere Profi Hans Sarpei, in Ghana geboren und in Deutschland aufgewachsen, twitterte: "Jerome Boateng hat bisher 57x für die Nationalmannschaft gespielt. Damit hat er 57x mehr für Deutschland getan als die AfD."

AfD-Chefin Frauke Petry meinte in der Bild-Zeitung: "Herr Gauland kann sich nicht erinnern, ob er diese Äußerung getätigt hat." Dennoch entschuldigte sie sich "bei Herrn Boateng für den Eindruck, der entstanden ist".

Unter der Woche hatte bereits eine regionale Facebook-Gruppe von Pegida mit offenbar rassistisch geprägten Internet-Kommentaren versucht, sich über die Nationalmannschaft zu profilieren. Grindel hatte die Kommentare gegen Kinderfotos von Ilkay Gündogan und Boateng auf der Kinder-Schokolade als "geschmacklos" bezeichnet.

Autor: sid

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