Die Augen leuchten, sie versprühen Feuer. Victor Obinna sitzt in der Caféteria des Vita-Gesundheitszentrums am Kaiserberg, nippt an einem Pappbecher und gestikuliert.

MSV

Obinna ist für jeden Tag dankbar

Dirk Retzlaff
12. Mai 2016, 08:07 Uhr
Foto: firo

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Die Augen leuchten, sie versprühen Feuer. Victor Obinna sitzt in der Caféteria des Vita-Gesundheitszentrums am Kaiserberg, nippt an einem Pappbecher und gestikuliert.

„Alles, wirklich alles im Leben ist möglich“, predigt der Nigerianer. Auch der Klassenerhalt des Fußball-Zweitligisten MSV Duisburg. Wirklich alles? Das dann doch nicht. Der Nigerianer zog sich beim Spiel in Sandhausen am Sonntag einen Muskelfaserriss zu, die Physios behandeln ihn täglich, aber selbst für die Relegationsspiele würde es nicht reichen. Obinna: „Nein, es wird keine Wunderheilung geben.“

Für den MSV ist es ein Drama, das umso deutlicher wird, wenn der verletzte Obinna seine Leidenschaft zum Ausdruck bringt. Kann der Mann nicht einfach auf dem Platz stehen und dem Spiel, der Mannschaft seine Ausstrahlung schenken? Natürlich nicht. Der 29-Jährige wird auf der Tribüne sitzen und seinen Kollegen die Daumen drücken. „Verletzungen sind im Fußball normal. Aber das ist jetzt der falsche Moment“, sagt Obinna.

Nein, es wird keine Wunderheilung geben.
Victor Obinna

Der Nigerianer ist täglich bei der Mannschaft und versucht, seinen Spirit ans Team zu vermitteln. Den wird die Mannschaft brauchen. Der Offensivspieler rechnet damit, dass Leipzig am Sonntag auf Sieg spielen wird: „Die werden nicht nach Duisburg kommen, nur um Champagner zu trinken.“ Obinna nimmt immer wieder das wunderschöne Wort „Believe“ in den Mund. Glauben. Beim AC Chievo Verona in Italien erlebte Obinna eine ähnliche Situation. In den ersten 17 Spielen holte das Team gerade einmal sechs Punkte. Am Ende fehlte nur ein Zähler zur Rettung. Eine ähnliche Wiedergeburt erlebte zuletzt der MSV. „Weil wir alle viel miteinander sprechen. Weil wir endlich Kontinuität haben. Die Startelf ist seit Wochen fast unverändert“, sagt Obinna und schiebt nach: „Wir haben in den letzten Wochen sehr viel geleistet und erreicht. Es wäre bitter, wenn es jetzt kurz vor dem Ziel nicht reichen sollte.“
In Italien erlebte Obinna vor neun Jahren aber auch, dass der Fußball nicht alles im Leben ist. Auf dem Weg zum Training wurde er in einen Autounfall verwickelt, sein Wagen überschlug sich mehrfach, der Kicker kam aber mit ein paar Schrammen davon: „Zwei Sekunden haben entschieden, ob ich lebe oder tot bin.“ Zwei Tage später stand Obinna wieder auf dem Platz und erzielte ein Tor. „Ich danke Gott täglich, dass ich das Privileg habe, leben zu dürfen. Ich bin dankbar für jeden Tag.“ Das tägliche Gebet ist nicht alles. In England ging Obinna nach wichtigen Siegen auch ab und an in die Kirche, um den Erfolg zu zelebrieren.

Ob die MSV-Fans Obinna noch einmal im Zebra-Trikot sehen werden? „Im Leben ist alles möglich“, sagt der Olympia-Silbermedaillengewinner von Peking erneut. Aber wahrscheinlich ist das nicht. Obinna, der immerhin bei Inter Mailand und West Ham United am Ball war, will auf die große Fußball-Bühne zurückkehren, auch die WM in Russland 2018 hat der 48-fache Nationalspieler im Blick. Er schoss vor drei Jahren das entscheidende Tor für Nigerias WM-Qualifikation, in den Kader für das Turnier in Brasilien schaffte er es dann aber nicht.

Das ist die attraktivste Liga der Welt
Obinna über die Premier League

England ist für den Afrikaner noch immer das Maß aller Dinge. Immer, wenn es möglich ist, schaut er die Premier League im Fernsehen. „Das ist die attraktivste Liga der Welt“, sagt er. Sein Ex-Klub West Ham United hatte ihn zuletzt noch zum Match am Montag gegen Manchester United eingeladen. Bei den Hammers erlebte er 2010/11 eine seiner stärksten Spielzeiten. Gegen Nottingham Forest erzielte er in einem FA-Cup-Match drei Tore – davon eins von der Seitenlinie aus. Bei West Ham spielte er an der Seite des Iren Robbie Keane. „Ich habe viel von ihm gelernt. Robbie ist ein außergewöhnlicher Fußballer. Einer, der ein Spiel alleine drehen kann. Eine Legende.“

Ob Duisburg, London oder doch wieder Italien: Victor Obinna will weiter in Europa sein Geld verdienen. Eine Rückkehr nach Nigeria kann er sich erst nach der Karriere vorstellen. Und das sogar sehr gut. Obinna ist ein Familienmensch. Seine Mutter ist ihm wichtig, über Skype telefoniert Victor Obinna täglich mit ihr. Als Ehefrau Julia im November Sohn Robert zur Welt brachte – der Junge wurde am Montag sechs Monate alt – kam die Mutter aus Nigeria nach Deutschland. „Es war bitter kalt. November ist eben nicht der beste Monat für solche Reisen“, erzählt Obinna. Der Filius hat das Leben des Profis verändert, Obinna ist ein stolzer Vater. „Der Junge hat so viel Energie. Er ist einfach großartig.“ Und wieder leuchten Victor Obinnas Augen.

Autor: Dirk Retzlaff

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