Im Interview erklärt Malte Schwietering, der für das BVB-Fanzine schwatzgelb.de arbeitet, die Gefühlslage der Dortmunder Fans. Was werfen sie Hummels vor?

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Pfiffe gegen Hummels gehen auch gegen den Verein

Marian Laske
05. Mai 2016, 18:17 Uhr
Foto: firo

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Im Interview erklärt Malte Schwietering, der für das BVB-Fanzine schwatzgelb.de arbeitet, die Gefühlslage der Dortmunder Fans. Was werfen sie Hummels vor?

Malte Schwietering schreibt für das BVB-Fanzine schwatzgelb.de. Der 24-Jährige hat seit dem Jahr 2009 eine Dauerkarte für das Dortmunder Stadion und ist leidenschaftlicher BVB-Fan. Wir haben mit ihm über Mats Hummels gesprochen, der im Sommer zum FC Bayern wechseln möchte. Beim Heimspiel gegen VfL Wolfsburg wurde Hummels von einem Teil der Fans ausgepfiffen.

Malte Schwietering, warum haben die Dortmunder Fans ihren Kapitän Mats Hummels ausgepfiffen?
Die Gründe liegen nicht nur in der Person Mats Hummels. Es war auch Ausdruck einer allgemeinen Unzufriedenheit, die viele Fans derzeit gegenüber dem BVB verspüren.

Was heißt das konkret?
Man fragt sich, für welche Werte der BVB noch steht, wenn er Trainingslager in Dubai und China abhält, obwohl die Menschenrechtssituationen in diesen Ländern sehr fragwürdig sind. Der Verein läuft Gefahr, das kommerzielle Rad zu überdrehen und hat beispielsweise mit der Erhöhung der Ticketpreise für die Europa League, die man im Nachhinein als Kommunikationsfehler verkauft hat, vielen vor den Kopf gestoßen. Außerdem wird es sehr kritisch gesehen, dass der BVB Mario Götze zurückholen möchte, während gleichzeitig Integrationsfiguren wie Jakub Blaszczykowski und Kevin Großkreutz den Verein verlassen mussten. Und mit Neven Subotic steht leider der nächste Abgang eines Spielers im Raum, der für sein Engagement abseits des Platzes sehr geschätzt wird. All das entwickelt sich langsam zur Identitätsfrage: Möchte man wirklich sportlichen Erfolg um jeden Preis? Der allergrößte Teil der Fanszene beantwortet das mit „Nein“. All das brodelt schon länger und ist am Samstag aufgrund der Ereignisse rund um den Hummels-Transfer übergekocht.

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Was werfen die Fans Mats Hummels denn vor?
Da sind zum einen seine Äußerungen zum Götze-Transfer. Hummels hat dessen Wechsel zum FC Bayern vor drei Jahren deutlich kritisiert. Das sind Worte, an denen er sich messen lassen muss, auch wenn er natürlich jedes Recht hat, nach drei Jahren seine Meinung zu ändern. Bei vielen Fans ist auch hängengeblieben, dass er in der letzten Saison, die sehr schlecht für Borussia Dortmund lief, seinem neuen Amt als Kapitän nicht gerecht geworden ist. Hummels war zwei Mal der Erste, der nach Abpfiff den Platz ohne Verabschiedung verlassen hat. Gerade als Spielführer wäre eine Geste des Respekts schön gewesen, zumal gerade die Südtribüne in einer sportlich schweren Zeit dafür gesorgt hat, dass die Stimmung nicht umschlägt. Es waren eher Sebastian Kehl und Roman Weidenfeller, die das Gespräch mit den Fans gesucht haben. Dass er ausgerechnet zum FC Bayern wechseln möchte, tut sein Übriges.

Aber Personen wie BVB-Chef Hans-Joachim Watzke sagen, Mats Hummels habe sich gegenüber dem Verein absolut fair verhalten.
Formal und mit Blick auf die Verhandlungen ist das vermutlich auch richtig. Die Kommunikation war jedoch katastrophal. Hummels hat nach dem DFB-Pokalhalbfinale gegen Hertha BSC gesagt, er würde seine Entscheidung erklären. Das ist bis jetzt nicht geschehen. Stattdessen hat er nach dem Spiel gegen den VfL Wolfsburg gesagt, lediglich „die üblichen“ 300 Fans hätten gegen ihn gepfiffen und geschimpft, um sich selbst zu inszenieren. Das stimmt nicht. Die Unmutsäußerungen kamen aus verschiedenen Ecken des Stadions. Hummels‘ Aussage kann man als Versuch werten, die Ultras zu diskreditieren und das Fanlager in Gut und Böse aufzuspalten. So einfach ist es aber nun mal nicht. Die Äußerung hat mich gleichermaßen geärgert wie überrascht. Denn eigentlich hat Mats Hummels das gar nicht nötig.

Man fragt sich, für welche Werte der BVB noch steht, wenn er Trainingslager in Dubai und China abhält, obwohl die Menschenrechtssituationen in diesen Ländern sehr fragwürdig sind. Der Verein läuft Gefahr, das kommerzielle Rad zu überdrehen
Malte Schwietering, schwatzgelb.de

Fanden Sie die Pfiffe denn richtig?
Ich fand es schön zu sehen, dass Fußball immer noch emotional ist. Ich kann Leute verstehen, die sagen, die Beleidigungen hätten eine Grenze überschritten. Man kann auch der Ansicht sein, bereits die Pfiffe seien zu viel. Das ist streitbar. Mats Hummels genoss zu Recht ein hohes Ansehen – und genießt es bei vielen immer noch –, weil er ein Garant für die sportlichen Erfolge der vergangenen Jahre war, im Sinne des BVB auf eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag verzichtet hat und an Fanmeinungen interessiert ist. Das möchte ich ihm nicht absprechen. Ein Redaktionskollege sagte sehr treffend: Die Südtribüne liebt und hasst leidenschaftlich. Als Spielführer sollte Mats Hummels das wissen.

Können Sie sich vorstellen, dass Mats Hummels auch in der nächsten Saison im BVB-Trikot aufläuft?
Vermutlich nur, wenn damit eine exzellente Kommunikationsstrategie einhergeht, die die entstandenen Risse wieder kittet. Sportlich wäre ein Transfer natürlich ein großer Verlust.

Autor: Marian Laske

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