Der Redebedarf war groß in Dortmund.

BVB

Hummels zwischen allen Fronten

sebastian Weßling
01. Mai 2016, 20:06 Uhr
Foto: firo

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Der Redebedarf war groß in Dortmund.

In den Katakomben des Stadions, wo die Spieler sonst gerne einmal möglichst schnell an den Reportern vorbeihuschen, stand Mats Hummels hinter Marcel Schmelzer und wartete geduldig, bis er an die Reihe kam. Vorher war schon Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, bei den Journalisten stehen geblieben, ohne dass diese ihn angesprochen hatten – denn es galt, zwei Botschaften zu platzieren: eine nach innen, an den eigenen Anhang, und eine nach außen, an den ehemaligen Manager des FC Bayern München, Uli Hoeneß.

Vorausgegangen waren 90 Minuten, wie man sie in Dortmund lange nicht mehr erlebt hatte: Bei jedem seiner 123 Ballkontakte wurde Hummels von einem Teil der Dortmunder Zuschauer ausgepfiffen und nach der Partie mit Schmähungen deutlich unter der Gürtellinie belegt – weil er am Donnerstag mitgeteilt hatte, er wolle gern zum FC Bayern wechseln. „Mats ist ein astreiner Junge“, schimpfte Watzke, „wer den beleidigt, hat fast das Recht verspielt, zu uns zu gehören.“
Das war die Botschaft nach innen, es folgte die an Uli Hoeneß. Der hatte am Freitag den Bayern empfohlen: Wenn ein Spieler wie Hummels anklopfe, müsse man die Tür öffnen. Eine Andeutung, dass sich der Spieler dem Verein angedient habe – und mit der aus Sicht des BVB weiteres Öl ins Feuer gegossen wurde. „Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren, auch nicht von Leuten außerhalb des Vereins“, polterte Watzke. Hoeneß habe ja „keine Funktion und ist nur eine Art Edelfan. Mein Ansprechpartner ist Karl-Heinz Rummenigge.“

Genau das ist das Problem, Hummels ist zum Spielball ganz unterschiedlicher Interessen geworden, er ist zwischen mehrere Fronten geraten: zwischen einen Teil des BVB-Anhangs einerseits und Mitspielern und Verantwortlichen andererseits. Zwischen den BVB und den FC Bayern. Und zwischen die unterschiedlichen Parteien in einem Machtkampf, der beim Rekordmeister tobt. Hoeneß drängt nach absolvierter Haftstrafe zurück in den Verein, dessen Geschicke er jahrelang lenkte. Doch weder Matthias Sammer als sportlich Verantwortlicher noch Präsident Karl Hopfner und schon gar nicht der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge wollen ihre Macht teilen, der alte Patriarch und seine Erben sind sich längst in herzlicher Abneigung verbunden.

Hoeneß’ Aussage war deswegen keine der üblichen Sticheleien vor dem Pokalfinale am 21. Mai. Es war ein lautstarkes „Ich bin wieder da!“ nach innen, an Bayern-Anhänger und -Verantwortliche. Den Vereinsinteressen dürfte das nicht unbedingt nutzen, hatte Hoeneß doch mit einem Streich einen Spieler und einen Verein verärgert, mit dem man noch nicht handelseinig ist. „Ich habe mich nirgendwo angeboten, das ist der größte Humbug, den ich je gehört habe“, polterte Hummels. Und Rummenigge beeilte sich fast zeitgleich zu erklären, dass die Initiative sehr wohl von den Bayern ausgegangen sei. Er habe „mit Uli gesprochen. Er hat’s verstanden. Er ist jetzt informiert und aufgeklärt.“ Das klang gönnerhaft, wie der Enkel, der dem begriffsstutzigen Opa die moderne Welt erklärt.

Rummenigge bleibt optimistisch, „dass wir eine seriöse Lösung finden“. Vor dem Pokalfinale, was auch erklärtes Ziel von Watzke und Hummels ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass der BVB-Kapitän bis zum Vertragsende 2017 bleibt, dürfte durch die Ereignisse vom Samstag deutlich gesunken sein. „Ich bin wohl der erste Spieler, der von den Fans ausgepfiffen wird, obwohl er noch nicht einmal gewechselt ist“, klagte der Abwehrchef. Die Verbitterung war nicht zu überhören.

Autor: sebastian Weßling

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