Sein ganz persönliches Sommermärchen hatte Fußballfans in ganz Deutschland berührt:

Rödinghausen

Geschichte von Guinea-Flüchtling ging ans Herz

Meiko Haselhorst
03. Januar 2016, 09:24 Uhr
Foto: Meiko Haselhorst

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Sein ganz persönliches Sommermärchen hatte Fußballfans in ganz Deutschland berührt:

Cellou Diallo, Flüchtling aus Guinea und heute Spieler des SV Rödinghausen, hatte auf abenteuerlichen Wegen den Sprung von der afrikanischen Straße in die nordrhein-westfälische Regionalliga geschafft.

Nachdem ein Redakteur der Neuen Westfälischen die Geschichte publik gemacht hatte, brach ein bundesweiter Medienrummel los, der den 19-Jährigen zwischenzeitlich fast überforderte. Fachmagazine, Fernsehsender und Sportartikelhersteller rissen sich um ihn – bis er irgendwann keine Interviews mehr geben wollte, um sich endlich wieder auf das konzentrieren zu können, worum es ihm eigentlich ging: Fußball. Mittlerweile hat sich die Lage wieder beruhigt, der Mittelfeldspieler hat eine längere Verletzungspause hinter sich und absolviert derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr bei seinem Verein.

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„Verrückt“, sagt Diallo, wenn er das fast abgelaufene Jahr mit einem einzigen Wort beschreiben soll. Und das trifft es durchaus: Noch im Februar hatte er – wohnhaft in einem Flüchtlingsheim in Schieder-Schwalenberg – mit Vereinsfußball nichts am Hut gehabt. Barfuß und mit einem Ball aus Lumpen hatte er nach eigener Aussage seit der Kindheit tagtäglich in den staubigen Straßen seiner Heimatstadt Yembering gekickt – bevor er sich mangels Perspektive auf die beschwerliche zweijährige Reise nach Deutschland machte.

In einem Internetcafé in Steinheim im Kreis Höxter lernte er zufällig Fußballcoach Haydar Özdemir kennen, der ihn zum Training seines B-Kreisligisten mitnahm. Mit ungeahnten Folgen: Der hoch veranlagte Diallo ballerte seine Mannschaft mit Toren und Vorlagen zum Aufstieg, sein Trainer wurde sein bester Freund – und ging mit seinem wertvollsten Spieler auf eine Bewerbungstour durch die ganze Region. In Rödinghausen verblüffte er in mehreren Probetrainings alle Verantwortlichen und erhielt einige Wochen später einen Vertrag. Eine wahrhaft märchenhafte Geschichte, die Medien und Menschen nur allzu gern aufsaugten.

Zu Saisonbeginn lief es weiterhin prächtig für den Mann aus Guinea: Im Freundschaftsspiel gegen den SC Paderborn gewann Diallo mit seinen Kabinettsstückchen gegen die Profis im Handumdrehen die Sympathien des Publikums, im ersten Meisterschaftsspiel traf er nach 30 Sekunden zur Führung seiner Mannschaft. Der Hype schien nicht enden zu wollen.

[infobox-right]Guinea ist ein Staat in Westafrika, der – von Nordwesten aus im Uhrzeigersinn – an Guinea-Bissau, Senegal, Mali, die Elfenbeinküste, Liberia, Sierra Leone und den Atlantik grenzt. Ihre Unabhängigkeit erlangte die ehemalige französische Kolonie am 2. Oktober 1958. Guineas Hauptstadt heißt Conakry. Trotz vorhandener Bodenschätze lebt der Großteil der etwa 12 Millionen Einwohner in Armut. Immer wieder wird das Land von bürgerkriegsähnlichen Zuständen und Konflikten mit seinen Nachbarländern heimgesucht.[/infobox]

Doch dann der Schock: Im Training riss sich Diallo das Innenband an – an Fußball war zwei Monate lang nicht zu denken. „Ich habe hier aber nichts anderes, nur Fußball“, erklärt Diallo, warum diese Zeit für ihn besonders schwer war. Fernab von Familie und Freunden und ohne wirklich mobil zu sein, fiel ihm in seinem kleinen Zimmer auf dem Dorf fast die Decke auf den Kopf. Kein tägliches Training mehr, schlechtes Wetter und nicht zuletzt eine quälende Ungewissheit: „Was soll ich machen, wenn Deutschland mich morgen wegschickt? Wo soll ich dann hin? Wieder nach Spanien? Oder muss ich ganz zurück nach Guinea?“, umreißt Diallo seine Gedankenspirale. „Der Verein kam in dieser Zeit auf die Idee, ihm über den Kreissportbund ein freiwilliges soziales Jahr zu vermitteln“, erklärt Stefan Grädler, sportlicher Leiter beim SVR und wichtiger Ansprechpartner für Diallo. Der junge Mann kam wieder auf andere Gedanken.

Jetzt wirkt er beim Training der F-Jugend mit, wäscht in den Katakomben des Stadions Trikots und erledigt allerhand weitere Arbeiten, die in einem Verein halt anfallen. Sein gutes Deutsch hat sich in dieser Zeit weiter verbessert. Mittlerweile hat Diallo auch die Verletzung auskuriert – in den letzten Spielen vor der Winterpause konnte er schon wieder ran.

Für 2016 hat er zwei Wünsche: Zum einen möchte er eine erfolgreiche Saison mit dem SVR spielen. Der zweite ist ihm aber mindestens ebenso wichtig: „Ich möchte Papiere bekommen, in Deutschland bleiben dürfen und hier ein ganz normales Leben haben.“

Autor: Meiko Haselhorst

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