Babak Rafati weiß keinen Ausweg mehr. Schwere Depressionen quälen ihn.

Schiedsrichter

Wie sich Rafati zurück ins Leben kämpfte

Kirsten Simon
26. Dezember 2015, 09:20 Uhr
Foto: firo

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Babak Rafati weiß keinen Ausweg mehr. Schwere Depressionen quälen ihn.

Es ist die Nacht des 19. November 2011. In ein paar Stunden soll der bekannte Fußball-Bundesliga-Schiedsrichter das Spiel Köln gegen Mainz pfeifen. Doch Rafati will seinem Leben ein Ende setzen: Mehrere Versuche unternimmt er, in letzter Minute finden ihn seine Assistenten im Hotelzimmer. Er ist schwer verletzt. Das Spiel wird abgesagt.

Heute, gut vier Jahre später: Babak Rafati (45) sitzt in einem Café am Rande des Weihnachtsmarktes in seiner Heimatstadt Hannover. Entspannt lässt er den Löffel in der Kaffeetasse kreisen. Er lächelt viel, sucht den verbindlichen Blickkontakt. Ein charismatischer Gesprächspartner, der auch mit den dunklen Momenten seines Lebens offen umgeht.

Herr Rafati, wie geht es Ihnen heute?
Mir geht es gut. Die Krankheit ist geheilt. Ich hatte eine exogene Depression, also eine, die durch äußere Einflüsse ausgelöst wird. Deshalb bin ich da relativ schnell wieder herausgekommen. Aber es waren Höllenqualen, die eineinhalb Jahre vor November 2011 und auch die Zeit danach, während der Therapie.

Diese Nacht im November 2011 – können wir darüber sprechen? Sicher. Ich beschönige nichts. – Ich gehe in diese Nacht und spüre, dass heute alles anders ist. Da gibt es diese Digitaluhr im Hotelzimmer, ich zähle die Stunden. Wie viele habe ich noch? Ich kämpfe. Wie ein Schall schießen mir die Worte meines Chefs durch den Kopf, die er sagte, nachdem ich in der Bundesliga ein Wembley-Tor gegeben hatte: „Jeder darf einen Fehler machen. Nur Du nicht, Babak.“ Man sagt ja, dass Menschen, bevor sie sterben, ihr Leben im Zeitraffer Revue passieren lassen. Das erlebe ich. Aus dem Affekt heraus setze ich alles als Waffe ein und denke nur daran, den brutal hässlichen Film im Kopf zu stoppen. Dabei fühle ich mich gut: Endlich bin ich handelnde Person. Am liebsten hätte ich die Tür aufgerissen und gebrüllt: „Ich wollte doch nur als Mensch behandelt werden.“

Das klingt erbarmungslos. Haben Sie in dieser Situation nicht an Ihre Angehörigen und Freunde gedacht?
Ein Phänomen der Krankheit ist Egoismus. Du verlierst die Nächstenliebe, siehst Deine eigene Familie nicht mehr. So ging es mir auch. Körper und Seele trennen sich. Heute sieht man das natürlich alles ganz anders.

Sie waren in der Bundesliga etabliert. Wie konnte es zu diesem Absturz kommen?
Für mich waren es 23 wahnsinnig tolle Jahre auf dem Platz, aber die letzten beiden Jahre waren Höllenqualen. 2010 bekamen wir eine neue Schiedsrichterführung (Herbert Fandel und Hellmut Krug, Anm. d. Red.), da fing alles an. Ich war zu offen, zu ehrlich, habe Missstände angesprochen. So wurde ich auf das Abstellgleis gedrängt. Im nächsten Schritt kamen Fehlentscheidungen auf dem Platz dazu, die ich natürlich getroffen habe. Es gab immer nur Druck und es ging ums Kleinmachen und Schwächen.

Legt man sich als Schiedsrichter nicht ein extrem dickes Fell zu? Ich habe mich immer als eine starke Persönlichkeit empfunden. Und ich hatte meine Werte: Anstand, Moral, Respekt. Ich wollte mich nicht verbiegen lassen. Meine Schwäche war, nicht zu erkennen, dass ich den Boden unter den Füßen verliere. Zwei Dinge kamen zusammen: Mobbing von den beiden Führungskräften und Leistungsdruck, den ich mir selbst auferlegt hatte. Dann kamen Symptome ins Spiel. Schlaflosigkeit, Antriebslosigkeit. Fußball war eine Bedrohung für mich.

Sie kennen nicht nur den Profifußball, sondern auch die freie Wirtschaft, wo Sie heute Ihre Strategien gegen Stress und Burnout vorstellen. Wären Sie auch dann zusammengebrochen, wenn Sie nicht Schiedsrichter gewesen wären?
Der Profifußball ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Ein unwürdiges Verhalten von Machthabern kann in jedem Unternehmen passieren. Viele Führungskräfte berichten mir das. Ob jemand Millionär ist oder Hartz-IV-Empfänger: die Gefühle sind ähnlich.

[infobox-right]Infos zur Person
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[*]Nach überstandener Erkrankung nimmt sich Babak Rafati heute viel Zeit, um die Gesellschaft für die Gefahren der Volkskrankheiten Burnout und Depressionen zu sensibilisieren. Er ist europaweit als Referent für Stress-Management und als Mentalcoach unterwegs. [*]Wirtschaftsunternehmen und anderen Gruppen berichtet er über seine persönlichen Erfahrungen mit Leistungsdruck und Mobbing.
[*]Zum ersten Mal nach seinem Suizid-Versuch war der Deutsche mit den iranischen Wurzeln im Sommer 2014 wieder auf dem Fußballplatz zu sehen. In Hannover trat er beim Abschiedsspiel für Bundesligaprofi Steven Cherundolo in Erscheinung – in der vertrauten Rolle des Unparteiischen. Neben seiner Schiedsrichtertätigkeit war Rafati bis 2011 als Filialleiter einer Sparkasse beschäftigt. Er hat die Option, dorthin zurückzukehren.
[*]Aufsehen erregte der 45-Jährige vor zwei Jahren, als er sein Buch „Ich pfeife auf den Tod“ vorstellte.[/list][/infobox]

Aufzuhören wäre keine Option für Sie gewesen? Das würde niemand machen, auch nicht in der freien Wirtschaft. Je höher in der Hierarchie, desto schwieriger ist ein Hilferuf. Aber dieses Festhalten, dieses Männerideal, durchhalten zu müssen, kostet Kraft. In meinem Fall kam dazu, dass ich in der Öffentlichkeit stand. Man kannte mich als einen starken, als einen arroganten Schiedsrichter. Wie sollte ich da kundtun, dass ich mich nicht gut fühle, sondern schwach? Nach einer sechswöchigen Sperre war ich zur öffentlichen Schlacht freigegeben: Mein Nachbar fragte mich, der Tankwart, der Bäcker, die Arbeitskollegen. Heute weiß ich, dass Männer Schwächen zeigen dürfen, Männer dürfen auch weinen.

In unserem Gespräch vermeiden Sie es, Namen zu nennen oder den DFB in die Pflicht zu nehmen.
Es geht mir nicht darum, nachzutreten. Ich bin selbst verantwortlich für diese Nacht. Auch wenn man mich in die Depression hineingeschoben hat.

Was machen Sie jetzt anders?
Ein Punkt ist die Widerstandsfähigkeit. Ich habe zu viel an mich herangelassen. Wenn mich beim nächsten Mal jemand mobben will, sage ich mir, dass er sich nur dann stark fühlt, wenn er andere schwächt. Für solche Menschen habe ich heute nur noch ein müdes Lächeln über und sage: Ist das eine arme Sau.

Wie ist heute Ihr Verhältnis zum DFB? Stehen Sie in Kontakt? Vom DFB ist seit der Nacht im November 2011 niemand auf mich zugekommen. Dabei sitzen wir alle in einem Boot. Wir könnten in die gleiche Richtung rudern. Ich bin bereit für diese gesellschaftliche Herausforderung.

Das heißt, Sie könnten sich auch eine Zusammenarbeit vorstellen? Ich würde gerne an die Vereine mein Thema weitergeben. Als jemand, der Stallgeruch hat, der die Sprache der Profifußballer spricht. Ich könnte vermitteln, wie ein Depressiver denkt und wie sich Burnout und Depressionen vermeiden lassen. Das Problem ist aber, dass ich Fehlverhalten offengelegt und den DFB aus seiner Sicht angeklagt habe. Meine Botschaft ist deshalb: Ich übernehme alle Verantwortung und möchte nicht in der Vergangenheit rumwühlen. Wir müssten uns dringend um Prävention kümmern. Wir brauchen eine konstruktive Kommunikation und keine mediale Schlammschlacht. Mit einer neuen Führung beim DFB, glaube ich, kriegen wir das hin.

Man hat Sie auch wieder auf dem Platz gesehen. Beispielsweise beim Dede-Abschiedsspiel im September in Dortmund. Vermissen Sie die Arbeit als Schiedsrichter?
Fehlen tut sie mir nicht, weil ich durch die Referententätigkeit ausgelastet bin. In Deutschland wäre es undenkbar, wieder in der Liga zu pfeifen. Unsere Gesellschaft ist noch nicht so weit, dass sie das akzeptiert. Wenn ich in der Kreisliga anfangen würde, kämen mehr Journalisten als Zuschauer. Aber wenn sich im Ausland eine Möglichkeit ergeben würde, würde ich leidenschaftlich gerne noch mal raus.

Autor: Kirsten Simon

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