Eine abermals enttäuschende Hinrunde liegt hinter Rot-Weiss Essen. Ein Kommentar zur Lage an der Hafenstraße.

RWE-Kommentar

Viel Zeit für die Wende bleibt nicht

Christian Brausch
15. Dezember 2015, 17:26 Uhr
Foto: Ketzer

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Eine abermals enttäuschende Hinrunde liegt hinter Rot-Weiss Essen. Ein Kommentar zur Lage an der Hafenstraße.

Irgendwie erinnert bei Rot-Weiss Essen in diesen Vorweihnachtstagen vieles an das Ende der Hinrunde 2013/2014. Mit zwei gravierenden Unterschieden: Trotz eines Abstands von fast 20 Punkten zum Spitzenreiter Fortuna Köln schwebte man im Dezember 2013 zumindest nicht in Abstiegsgefahr - zu groß war der Abstand nach unten. Diesmal sind es 15 Punkte nach oben, von einem Abstiegsrang trennt RWE aber diesmal lediglich ein Punkt.

Zweiter Unterschied: Essen kam damals mit einem kleineren Etat um die Ecke, mittlerweile gehört Essen in Liga vier zu den zahlungskräftigsten Vereinen - etwa in einer Höhe mit Lotte oder Viktoria Köln. Mit Sicherheit aber finanzpotenter als Oberhausen oder Wattenscheid, die aktuell auch weit vor der Mannschaft von Trainer Jan Siewert liegen.

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Neben den beiden Unterschieden gibt es aber leider auch eine Ähnlichkeit. Denn die Stimmung im Umfeld der Essener ist mindestens genau so schlecht wie vor zwei Jahren. Damals wollten die Anhänger Ex-Coach Waldemar Wrobel lieber heute als morgen loswerden. Essens geschäftsführender 1. Vorsitzender Michael Welling hielt zum Trainer und ging damit ein hohes Risiko. Dabei war klar, dass, wenn der Start in das neue Jahr in die Hose gehen sollte, die Hafenstraße explodieren würde. Wie es ausging, ist bekannt. Im März musste Wrobel seinen Hut nehmen, es folgte Marc Fascher.

In diesen Tagen wird man das Gefühl nicht los, dass in Essen die gleiche Stimmung bei den Fans herrscht. Das Saisonziel wurde bisher meilenweit verfehlt, eine Identifikation mit der Mannschaft ist offenbar nicht vorhanden. Die Gemengelage liegt irgendwo zwischen Wut, Unverständnis und Desinteresse. Die Zuschauerzahlen gehen langsam zurück, einige wenige Anhänger schießen über das Ziel hinaus und bedrohen die Mannschaft, der große Teil wünscht sich einfach nur einen Wechsel auf sportlicher Ebene - bezogen auf den Trainer und den Sportlichen Leiter. Aber Welling steht zu dem Duo - was auch so sein muss, wenn der Boss der Essener der Meinung ist, dass die beiden das Ruder gemeinsam rumreißen können. Doch das Risiko ist mindestens genau so hoch wie Ende 2013. Denn wird der Rückrundenstart verpatzt, dann bebt die Hafenstraße. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Siewert und Winkler müssen nun zeigen, dass sie im Verbund in der Lage sind, Verstärkungen zu finden und eine Mannschaft zu formen, die diesen Namen auch verdient. Denn derzeit wirkt es manchmal so, als würde eine Ansammlung von Individuen ein rot-weisses Trikot durch die Gegend tragen. Man muss in diesen Zeiten nicht viel Phantasie mitbringen um zu erkennen, dass es in dieser Truppe - oder im Zusammenspiel mit dem Trainer - nicht stimmt.

Fakt ist: Winkler, der bei seinen vorherigen Tätigkeiten im Verein sicher gute Arbeit geleistet hat, hat bei den Transfers nicht mehr viele Schüsse frei, zu viele Spieler entpuppten sich bisher als Fehlgriffe. Und Siewert muss es nun schaffen, der Mannschaft endlich seine Fußball-Philosophie einzuimpfen. Denn mit Spielern im Kader wie Moritz Fritz, Benjamin Baier, Marwin Studtrucker, Marcel Platzek, Gino Windmüller oder Philipp Zeiger hat man spätestens im März, in dem übrigens neben Wrobel auch Fascher im Jahr 2015 gehen musste, als Trainer keine Argumente mehr, wenn die Mannschaft sich weiter im Abstiegskampf befinden sollte. Treuebekenntnis hin oder her.

Viel Zeit für die Wende bleibt also nicht, denn auch die freien Tage werden nichts an der Meinung der Essener ändern, die da lautet: mit dieser sportlichen Führung wird die Wende nicht gelingen. Viel schlimmer aber: Nicht einmal allen Essenern scheint die Entwicklung derzeit etwas auszumachen. Bei Protesten, Emotionen und Diskussionen lebt ein Verein noch. Schlimmer wird es, wenn viele Anhänger dem Klub still und heimlich den Rücken kehren, dann sollten spätestens alle Alarmglocken klingeln. Weit entfernt von diesem Zustand ist RWE in diesen Tagen nicht...

Autor: Christian Brausch

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