Während 18 Mannschaft der Regionalliga West noch auf ihren letzten Spieltag des Jahres warten, befindet sich die SG Wattenscheid 09 bereits in der Winterpause.

Wattenscheid 09

Trainer und Team wollen Perspektive sehen

Krystian Wozniak
09. Dezember 2015, 15:07 Uhr
Foto: Tillmann

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Während 18 Mannschaft der Regionalliga West noch auf ihren letzten Spieltag des Jahres warten, befindet sich die SG Wattenscheid 09 bereits in der Winterpause.

SGW-Trainer Farat Toku gab seinen Schützlingen nach der Nullnummer in Rödinghausen bis einschließlich Dienstag frei. Von Mittwoch bis Freitag wird noch trainiert, bevor am Freitagabend das Jahr mit einer Weihnachtsfeier ausklingt und die Mannschaft sich danach bis zum 3. Januar in den Urlaub verabschiedet.

RevierSport lässt im folgenden Interview mit Farat Toku die starke Hinserie der 09er Revue passieren und spricht mit dem Erfolgstrainer über die Zukunft, die unterschiedlichen Voraussetzungen in der Regionalliga sowie seine "Pflegefälle".

Farat Toku, war die abgelaufene Serie nahe am Optimum?
Wenn man unsere Bedingungen kennt und weiß, welche Voraussetzungen wir zum Arbeiten haben, dann muss man das mit einem 'Ja' beantworten. Wir hatten in der letzten Saison lange Zeit keine Planungssicherheit, weil wir bis zur letzten Sekunde um den Klassenerhalt kämpfen mussten. Trotzdem haben wir auf dem Transfermarkt ein glückliches Händchen bewiesen und richtige Entscheidungen getroffen. Ich glaube, dass Wattenscheid unter André Pawlak mal 34 Punkte am Saisonende hatte und wir letztes Jahr 39 Zähler geholt haben. Jetzt sind es zur Halbzeit 32 Punkte - mehr muss man nicht sagen dazu sagen, um zu verdeutlichen, wie gut die Hinrunde war.

Wenn ein Spieler Probleme mit seiner Frau hat oder sonst etwas nicht läuft, dann interessiere ich mich dafür. Ich höre ihm zu, versuche Ratschläge zu geben
Farat Toku

Sie haben eben die Transfers angesprochen. Wie konnten Sie Leute wie Jan-Steffen Meier oder Manuel Glowacz für Wattenscheid begeistern?
Wir müssen mit dem Sportlichen argumentieren. Finanziell gesehen, haben wir sehr kleine bis gar keine Argumente. Jan-Steffen Meier hätte beispielsweise auch zu Rot-Weiß Oberhausen wechseln können. Aber ich habe ihn von unserem sportlichen Konzept und vielleicht auch mit der menschlichen Komponente überzeugt. Ich liebe den Fußball und lasse ihn auch spielen. Wir hauen die Bälle nicht sinnlos nach vorne und kommen auch nicht gerade über die Physis. Bei uns können die Jungs den Ball laufen lassen. Auch das überzeugt einige in den Gesprächen. Zudem lege ich großen Wert darauf, die Spieler auch als Menschen kennenzulernen. Man arbeitet meistens zumindest eine Saison lang mit dem Kader. Da will man auch wissen, mit wem man es zu tun hat. Wenn ein Spieler Probleme mit seiner Frau hat oder sonst etwas nicht läuft, dann interessiere ich mich dafür. Ich höre ihm zu, versuche Ratschläge zu geben. Das ist sehr wichtig, weil die Jungs nur Top-Leistungen bringen können, wenn sie den Kopf frei haben. Ich war selber Profi und weiß, wovon ich spreche.

Sie haben auch Spieler im Kader, die von vielen schon als "Pflegefälle" abgestempelt wurden. Plötzlich blühen die Leute auf und sollen auch bei anderen Vereinen Begehrlichkeiten geweckt haben. Haben Sie da Sorgen, dass Sie mit Ihren Argumenten irgendwann bei den Spielern nicht mehr punkten können?
(lacht) Nein, überhaupt nicht! Ich freue mich doch, wenn die Jungs bei größeren Vereinen oder in einer höheren Liga eine Chance erhalten sollten. Das ist doch auch ein Kompliment für meine Arbeit. Wir haben Spieler im Kader, die keiner mehr haben wollte. Aber ich habe immer an die Qualitäten geglaubt und versucht, den Jungs auf eine ehrliche Art und Weise zu erläutern, wie sie wieder zu ihrer Topform finden, was sie dafür tun müssen, was ich von ihnen erwarte. Und aktuell klappt das sehr gut. Einige Spieler konnten ihr Image hier an der Lohrheide wieder aufpolieren und das freut und bestätigt mich in der Arbeit sehr. Wir haben hier in Wattenscheid einiges auf die Beine gestellt. Es ist schon eine kleine Wohlfühl-Oase. Und wenn man so glücklich ist, dann läuft man nicht beim erstbesten Angebot davon. Wattenscheid ist auch nicht irgendein Verein, das haben die Spieler verstanden. Ich muss es ihnen aber auch vorleben, damit sie es mir glauben. Worten müssen bekanntlich Taten folgen.

Wann werden wir denn von Ihnen die Worte hören, dass sie ganz oben angreifen?
Klar ist doch, dass niemand gerne diese schöne Tabellenregion freiwillig wieder verlassen will. Das wollen auch wir nicht! Aber wir bleiben realistisch. Für uns gilt es erst einmal den Klassenerhalt in trockene Tücher zu bringen. Und dafür benötigen wir mit Sicherheit mehr als nur 40 Punkte.

Warum dieses Understatement?
Weil wir uns mit Vereinen wie Rot-Weiß Oberhausen, Alemannia Aachen, Viktoria Köln oder Rot-Weiss Essen nicht messen können. Wir wollen alle Spitzenmannschaften ärgern, aber sind auch demütig und realistisch. Wer höhere Ansprüche hat, der sollte diese an seine Frau stellen.

Alle genannten Klubs stehen hinter Wattenscheid 09...
Ja, aber das ist eine schöne Momentaufnahme. Wenn ich überlege, welche Möglichkeiten beispielsweise Rot-Weiss Essen hat oder auch Alemannia Aachen, dann kann man gar nicht hoch genug bewerten, was wir bislang erreicht haben. Da fängt es schon in den Kabinen an, im Stadion, im ganzen Umfeld. Das sind Profibedingungen bei RWE oder Aachen. Ich muss mich zum Beispiel bei den Sponsoren um Autos für die Spieler kümmern und viele andere Kleinigkeiten. Ich mache das auch gerne, aber ich will damit sagen, dass Wattenscheid in vielen Bereichen noch nicht so weit ist. Wir würden hier auch gerne mal mit einem Millionen-Etat an den Start gehen. Aber weil wir nur vielleicht ein Fünftel des Geldes der besagten Vereine zur Verfügung haben, müssen wir noch härter, noch mehr arbeiten, um die finanziellen Defizite sportlich zu kompensieren.

Auf Dauer wird das aber sehr schwierig. Gibt es denn auch in Wattenscheid Aussicht auf bessere Perspektiven?
Sportlich tun wir alles dafür, dass es so kommt. Wir haben, so glaube ich zumindest, den Verein in der Hinrunde sehr gut repräsentiert und in ein besseres Licht gerückt.

Die Spieler haben Ambitionen, Sie wollen höher hinaus. Geht das in Wattenscheid? Kürzlich sagte noch Manager Hartmut Fahnenstich, dass es noch nicht feststehe, ob die Drittliga-Lizenz beantragt wird...
Das muss man sehen. Der Verein muss natürlich wissen, was und wohin er will. Falls diese Perspektive nicht geboten wird, dann muss jeder für sich selbst entscheiden, was das Beste für ihn persönlich ist.

Sie persönlich werden im Februar 2016 aller Voraussicht nach die A-Lizenz erwerben. Werden Sie in der Saison 2016/17 weiterhin an der Lohrheide arbeiten?
Auch hier kann ich nur auf die Perspektive verweisen. Wenn die stimmt, kann ich mir alles vorstellen. Ich will, so wie die Spieler: So hoch wie möglich hinaus. Harte Arbeit wird irgendwann belohnt und wir arbeiten hier alle hart. Ich habe mit Wilhelmshaven und Wattenscheid jetzt zwei Stationen gehabt, wo ich wirklich nichts geschenkt bekommen habe und wir uns als Mannschaft jeweils alles erarbeiten mussten. Ich würde lügen, wenn ich behaute, dass es mich nicht reizen würde in der Zukunft bei einem Verein zu arbeiten, der sowohl finanziell als auch strukturell besser aufgestellt ist, als die SG Wattenscheid 09. Aber das alles ist Zukunftsmusik. Wir werden uns auf die Rückrunde top vorbereiten und solange wie möglich versuchen, die Großen zu ärgern und unseren fantastischen Fans Freude zu bereiten.

Autor: Krystian Wozniak

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