An Roman Neustädter schieden sich lange Zeit die Geister. Im Interview gibt sich Schalkes Defensivspieler betont bodenständig.

Schalke

Neustädter: "Ich bin bodenständig"

21. November 2015, 08:27 Uhr
Foto: firo

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An Roman Neustädter schieden sich lange Zeit die Geister. Im Interview gibt sich Schalkes Defensivspieler betont bodenständig.

RevierSport sprach mit dem 27-Jährigen über seinen "Nebenjob" als Currywurst-Experte, Klischees, seine Zukunft auf Schalke und die anstehende Mammutaufgabe gegen Bayern München.

Roman Neustädter, muss sich Ihr Trainer André Breitenreiter Sorgen um Ihre Ernährung machen, weil Sie jetzt als „Currywurst-Tester“ in Gelsenkirchen unterwegs sind?

(Lacht) Nein, ich esse nur dann mal eine Currywurst, wenn ich es mir erlauben kann. Ich werde jetzt nicht jeden Tag eine Bude ausprobieren, sondern nach und nach mal eine testen, wenn es passt. Der Trainer braucht sich also keine Sorgen zu machen.

Ihren Umzug nach Gelsenkirchen haben Sie im „Kreisel“ noch einmal erläutert. Haben Sie sich schon eingelebt und spüren Sie, dass es einen Unterschied ausmacht nun in Gelsenkirchen statt in Düsseldorf zu wohnen?

Wenn man morgens durch die Stadt läuft oder zum Supermarkt geht, dann wirst du von den Leuten ganz offen angesprochen. Sie honorieren die Leistungen, die wir bringen, sind aber auch etwas geknickt, wenn wir verloren haben. Dann wissen sie oft nicht so recht, was sie sagen sollen. Viele meinen auch: „Kopf hoch, das nächste Spiel gewinnt ihr!“ Ich finde das schon sehr angenehm, solch einen engen Kontakt zu den Fans zu haben. Gerade am Anfang der Saison haben wir auch als Mannschaft ein direktes Feedback bekommen, viele Leute haben uns gesagt, dass sie es klasse finden, wie wir wieder auftreten und verzeihen uns jetzt vielleicht auch mal eine Niederlage.

Erst jetzt bekommt man so richtig mit, wie verrückt hier alle sind
Neustädter über seine neue Heimat Gelsenkirchen

Was war die Motivation für den diesen „Extra-Schritt“?

Ich wollte einfach noch tiefer in dieses ganze Umfeld hier um den Verein eintauchen. Erst jetzt bekommt man so richtig mit, wie verrückt hier alle sind. Es geht eigentlich nur um Fußball, das ist für viele das Thema Nummer eins. Die Leute sind positiv verrückt und das überträgt sich auch auf einen selbst.

Haben Sie persönlich einen grundlegenden Wandel vollzogen oder war Ihr Umzug nur eine „kleine Entscheidung“?

Das war eigentlich nur eine kleine Entscheidung. Es ist nicht so, dass ich vorher weniger Gas gegeben habe, nur weil ich in Düsseldorf gewohnt habe. Ich habe mich immer reingehängt, egal wo ich wohnte. Aber ich profitiere natürlich davon, bin in fünf Minuten beim Training. Das macht schon Einiges aus.

Gibt es denn einen „neuen“ Roman Neustädter, der nun offensiver auftritt als in der Vergangenheit? Im Sommer-Trainingslager gab es ja auch diesen Vorfall mit einem Zuschauer, der durch einen Zwischenruf aufgefallen war. Sie haben ihn daraufhin zur Rede gestellt.

Nein, ich war schon immer so. Vorher wurde ich vielleicht anders wahrgenommen. Aber ich bin wirklich offen für jeden, der nach dem Spiel mit mir reden möchte. Ich kann mit jedem ganz normal und ruhig sprechen. Ich bin für Kritik empfänglich, das gehört dazu, vor allem wenn sie sachlich vorgetragen wird. Ich bin damals ja auch nicht ausgerastet, ich wollte in der angesprochenen Situation einfach nur wissen, was die Leute für ein Problem mit mir haben.

Fühlten Sie sich in der Vergangenheit generell miss- oder unverstanden?

Ich glaube schon, dass mich viele nicht kennen. In der Öffentlichkeit wird man schnell in eine Schublade gesteckt. Gerade in der letzten Saison, da wurde viel über die „Düsseldorf-Clique“ geschrieben. Aber in dieses Klischee passe ich nicht, ich bin sehr bodenständig und habe überhaupt kein Problem damit, nun in Gelsenkirchen zu wohnen. Ich möchte einfach zeigen, dass ich alles für den Verein tue. Ich habe mir nach der letzten Spielzeit Gedanken gemacht und bin zu dem Schluss gekommen, auch selbst etwas verändern zu müssen, um die Situation positiver zu gestalten.

Wenn es um Ihre Person geht, geht es auch schnell um Äußerlichkeiten. Wer Roman Neustädter bei Google eingibt, bekommt als ersten Vorschlag die Ergänzung „Frisur“...

Die Leute reden nun mal drüber. Es ist ja nicht so, dass ich als einziger Mensch längere Haare trage und mir beim Sport deshalb einen Zopf mache. Das hat auch nichts mit Mode zu tun, ich habe aktuell längere Haare und mache mir einen Zopf. Würde ich stattdessen ein Haarband tragen, würde darüber auch geredet.

Wussten Sie, dass es sogar einen Twitter-Account gibt, der „Neustädters Palme“ heißt?

(Lacht) Echt? Nein, das wusste ich nicht, weil ich nicht twittere. Aber vielleicht gucke ich mir den mal an.

Nach dem erfolgreichsten Saisonstart nach 44 Jahren läuft es aktuell nicht mehr so rund. Wie lautet Ihre Erklärung für den kleinen Einbruch?

Wir sind sehr gut gestartet, dazu hat auch beigetragen, dass es im Verein und Umfeld mit dem neuen Trainer eine positive Stimmung gab. Wir haben uns nur auf den Spaß am Fußball konzentrieren können. Dann kamen unglückliche Verletzungen, etwas Unruhe und wir haben unseren Rhythmus etwas verloren. Es ist bestimmt nicht der Hauptgrund, dass es nicht mehr so läuft. Aber im Fußball entscheiden oftmals Kleinigkeiten über den Erfolg. Ich denke außerdem, dass uns in den letzten Wochen die letzte Gier etwas gefehlt hat. Denn wir hatten Chancen, dabei aber etwas Pech. In Spielen wie gegen Stuttgart hatten wir vorher auch sehr viel Glück. Das alles gleicht sich im Verlauf einer Saison aus, was dafür spricht, dass wir in den nächsten Spielen auch wieder gewinnen werden.

Also hat der positive Trend, der zu Saisonbeginn zu verzeichnen war, aus Ihrer Sicht weiterhin Bestand?

Ja, natürlich. Wir haben immer noch Spaß, auch wenn das Training oftmals hart ist. Wir wissen, dass dies uns für die wichtigen Aufgaben, die wir bis zur Winterpause noch haben, gut tut. Wir brennen alle. Wir haben lange nicht mehr gewonnen und jeder will dieses Gefühl wieder haben. Es gibt hier auf Schalke doch nichts Besseres, als vor den Fans zu stehen und mit ihnen zu feiern.

Ihre Bilanz ist dabei auffallend gut, wenn Sie als Innenverteidiger aufgelaufen sind – ist das für Sie eine besondere Auszeichnung?

Ich freue mich über jeden Einsatz, auch wenn ich von der Bank komme. Das ist immer ein Highlight. So sollte es bei jedem Spieler sein, egal wie alt man ist oder was man erreicht hat. Auch für die Fans, die uns zuhause und auswärts hervorragend unterstützen. Aber es ist ein schönes Gefühl, wenn die Leistung dann auch anerkannt wird – nicht nur meine, sondern die des ganzen Teams. Das ist bisher absolut der Fall. Es ist ja auch ein Geben und Nehmen – so muss es auch weitergehen.

Wie schwer fiel Ihnen die Umstellung auf Ihre neue Rolle als Innenverteidiger?

Es ist eine ganz andere Rolle, aber es war schon in der Vorbereitung, dass ich mein letztes Spiel auf der „Sechs“ gemacht habe. In der letzten Saison habe ich auch schon mehr Spiele als Verteidiger als im Mittelfeld gemacht. Ich nehme die Rolle an, aber ich würde mich auch freuen, wenn ich mal wieder im defensiven Mittelfeld auflaufen könnte, denn dort habe ich mein ganzes Fußballerleben gespielt, bis ich im letzten Jahr aus der Not heraus in die Innenverteidigung versetzt wurde. Es hat gut funktioniert und wenn ich der Mannschaft dort helfen kann, dann muss man persönliche Vorlieben hintenan stellen. Ich spiele dort, wo der Trainer mich aufstellt. Aber entscheidend ist, dass ich beide Positionen spielen kann und auch ein immer besseres Gefühl für die Innenverteidiger-Position bekomme.

Die Wertschätzung, die Sie von Trainer und Manager bekommen, ist groß - in der Öffentlichkeit sieht das anders aus. Finden Sie, dass Sie zu schlecht wegkommen sind?

Genau das war für mich entscheidend: Dass Trainer und Manager mit mir zufrieden sind. Denn der Trainer macht die Aufstellung und der Manager stellt den Kader zusammen. Natürlich ist es schön, wenn die Fans einen auch mal für die Leistungen honorieren, aber solange ich diese Unterstützung habe, reicht es mir - denn so schlecht kann ich dann nicht sein. Wenn Trainer und Manager stets betonen, dass ich immer die meisten Spiele gemacht habe, gibt mir das Vertrauen und Stabilität.

Einer Vertragsverlängerung steht dann ja eigentlich nichts mehr im Wege? Wie ist da der Stand Ihrer Überlegungen?

Ich denke erstmal an das nächste Spiel. Ich habe schlechte Erfahrungen damit gemacht, zu weit nach vorne zu blicken und Pläne zu schmieden. Wichtig ist, dass ich fit und gesund bleibe und der Mannschaft immer helfen kann. Alles andere wird sich dann ergeben. Ich denke auch, dass der Verein in letzter Zeit andere Sorgen hatte und andere Personalfragen drängender waren. Ich lasse das auf mich zukommen.

Aber Lust zu bleiben hätten Sie schon?

Was heißt Lust?! Wir entwickeln uns als Mannschaft gut. Der kleine Umbruch im Sommer hat sich bezahlt gemacht, aber es kann auch schnell wieder in die andere Richtung gehen, das haben wir in der letzten Saison gelernt. Wir müssen weiter dranbleiben und hart arbeiten, damit das nicht passiert. Allein darauf konzentriere ich mich im Moment.

An einem Tag bist Du der Held, am nächsten Tag kannst Du schon wieder der Depp sein
Roman Neustädter

Wenn Sie mal zurückblicken: Sind Sie zufrieden mit Ihrer bisherigen Karriere, mit 161 Bundesliga-Spielen? Oder sehen Sie Fußball eher als Tagesgeschäft?

Oft ist es tatsächlich ein reines Tagesgeschäft, an einem Tag bist Du der Held, am nächsten Tag kannst Du schon wieder der Depp sein, um es mal knallhart auszudrücken. Am Ende zählt nur, dass Du gesund bist und gute Spiele machst, sowie dass der Verein hinter dir steht und auf dich baut. Dann kannst du auch eine lange Karriere machen.

Es gibt also noch keine Gedanken, wie lange es noch geht oder was Sie nach der Laufbahn machen?

Natürlich überlegt man mit 27 Jahren zwischendurch auch mal. Trotzdem liegt der erste Fokus aktuell klar auf dem Fußball. Ich glaube, dass ich noch ein paar Jahre vor mir habe. Alles andere wird man dann sehen, je nach den eigenen Interessen. Ob die Zukunft vielleicht im Fußball liegt oder woanders. Je älter und erfahrener man ist, desto besser wird auch das Gefühl dafür, wohin es einen zieht.

Sie scheinen sich aber nicht nur im Mikrokosmos Fußball zu bewegen, sondern auch andere Interessen zu haben. Reisen zum Beispiel.
Das werde ich auf jeden Fall machen! Irgendwann wird aber auch das etwas langweilig. Ob ich ganz vom Fußball loskomme, weiß ich nicht.

Eine ganz profane Frage zum Schluss: Wie können Sie Bayern München knacken?

Wenn wir etwas holen wollen, muss bei uns muss alles stimmen – und bei Bayern am besten nicht so viel (lacht). Im Ernst: Für mich ist das die weltbeste Mannschaft, wir können am Samstag eigentlich befreit aufspielen. Wir sollten nicht „auf Teufel komm' raus“ eins-gegen-eins attackieren. Aber wir haben in jedem Spiel unsere Möglichkeiten bekommen, und diese Chance werden wir auch gegen Bayern suchen. Darüber hinaus müssen wir als Mannschaft natürlich verdammt gut verteidigen, gegen den Ball arbeiten und dann nach Möglichkeit auch noch nach vorne etwas versuchen.

In der letzten Saison hat Schalke gegen die Bayern immerhin nicht verloren...

Nein, da haben wir zweimal unentschieden gespielt. Aber das zählt jetzt auch nicht mehr. Wir spielen zuhause, gegen die Bayern sind es immer hochklassige Spiele, wir haben uns gut vorbereitet. Wir freuen uns also drauf.

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