Schalkes Trainer André Breitenreiter erlebte mit seiner Familie in Hannover einen Abend der Angst. Jetzt muss er sich auf das Topspiel gegen Bayern konzentrieren.

Schalke

Breitenreiter vor Bayern-Spiel im Zwiespalt

Peter Müller
20. November 2015, 09:43 Uhr
Foto: firo

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Schalkes Trainer André Breitenreiter erlebte mit seiner Familie in Hannover einen Abend der Angst. Jetzt muss er sich auf das Topspiel gegen Bayern konzentrieren.

Ein Interview über Fußball war geplant – über das Bundesliga-Topspiel am Samstagabend ab 18.30 Uhr (live in unserem Ticker) zwischen dem FC Schalke 04 und dem FC Bayern München, über die Lage und die Entwicklung der Königsblauen, über die Befindlichkeiten und die Vorstellungen von André Breitenreiter. Über all dies hat Schalkes 42-jähriger Trainer auch gesprochen, doch natürlich haben die Attentate von Paris und die Absage des Länderspiels in Hannover den Blick auf das bevorstehende Fußball-Wochenende gravierend verändert.
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Herr Breitenreiter, haben Sie Angst vor Samstag?[/b]

André Breitenreiter: Nein, Angst nicht. Trotzdem ist da ein komisches Gefühl. Ich war am Dienstag mit meiner Frau und meinem zwölfjährigen Sohn in Hannover auf dem Weg ins Stadion, als wir von der Absage des Spiels erfuhren. Es ist dann doch ein großer Unterschied, ob man wie am Freitag nach den Attentaten von Paris betroffen vor dem Fernseher sitzt, oder ob man direkt spürt, dass man in seiner Lebensqualität beschnitten wird. Es ist zwar in Hannover nichts passiert, und trotzdem war das Erlebnis für uns schockierend. Mein Sohn hatte große Angst und weinte auch.

Haben Sie unter diesen Eindrücken darauf gehofft, dass auch der Bundesliga-Spieltag abgesagt würde?

Breitenreiter: Nein, gar nicht. Ich finde schon, dass wir in unseren Alltag zurückkehren sollten. Wir sollten alle Maßnahmen ergreifen, um uns die Freude, auch an unserem Beruf, nicht nehmen zu lassen. Wirklich sicher kann man sich ja im Moment nirgendwo fühlen. Aber ich glaube schon, dass wir volles Vertrauen in unsere Sicherheitsbehörden haben können. Das hat ja auch der Abend von Hannover gezeigt.

Die Welt ist nach Paris in Sorge, und Sie müssen Ihre Mannschaft auf das Spiel gegen Bayern München vorbereiten. Relativieren die Anschläge für Sie die Bedeutung eines solchen Fußball-Ereignisses?

Breitenreiter: Es ist unser Job, dass wir uns professionell auf das Spiel vorbereiten. Aber: Es gibt Wichtigeres im Leben als Fußball, das haben die letzten Tage nachdrücklich gezeigt. Die Prioritäten verschieben sich. Es ist mir völlig egal, wenn ich hart kritisiert werde – das Wichtigste ist doch, gesund zu sein und ein glückliches Leben führen zu können.


Können Sie all das, was uns in diesen Tagen bewegt, während der Arbeit ausblenden?

Breitenreiter: Ja. Wir können normal trainieren. Am Samstag wird das allerdings schon etwas anders sein, da bleibt ein mulmiges Gefühl. Aber die Gedanken, die ich mir mache, macht sich ja im Moment jeder.

Leroy Sané hat in Frankreich erstmals für die Nationalmannschaft gespielt und war dem Drama in Paris sehr nah. Kann er das verarbeiten? Der Junge ist 19.

Breitenreiter: Selbstverständlich habe ich mit ihm darüber gesprochen. Es ist meine Pflicht als Trainer, nicht nur sportlichen Rat zu geben. Er hat mir versichert, dass er den Abend verarbeitet hat, weil sich die Mannschaft nach dem Spiel im Stadion sicher gefühlt habe. Seine Eltern waren auch im Stadion, und als er wusste, dass es ihnen gut ging, ging es auch ihm gut.

Ich möchte einen engen Draht zu den Menschen hier haben
André Breitenreiter

Am 11. September 2001 verlor Schalke sein erstes Champions-League-Spiel gegen Panathi­naikos Athen mit 0:2, und man sah, dass die Spieler sich überhaupt nicht konzentrieren konnten. Aber das war genau am Abend nach den Anschlägen, das könnte ein Unterschied zur derzeitigen Situation sein.

Breitenreiter: Ja, natürlich, das ist schon ein Unterschied. Ich weiß auch noch ganz genau, wie es an dem Tag war. Ich habe damals in Unterhaching gespielt, wir kamen vom Training und wollten unsere Sachen bei der Frau abgeben, die unsere Wäsche machte. In ihrem Raum war ein ganz kleiner Fernseher, sie saß davor und war in Tränen ausgebrochen. Wir haben dann alle zusammen zwei Stunden vor diesem Fernseher verbracht. Aber mit ein paar Tagen Abstand denkt man dann auch: Es muss ja weitergehen.

Und weil Sie Ihren Job machen müssen, haben Sie in dieser Woche die Jungs auch mal kräftig angepfiffen , als es Ihnen während des Trainings zu lasch zuging.

Breitenreiter: Ja, das hatte aber nichts mit unserer aktuellen sportlichen Situation zu tun. So etwas kam auch in der Phase vor, in der wir erfolgreicher waren. Bei Windstärke zehn auf dem Platz flüstere ich nicht, wenn die Spieler auch noch weit voneinander entfernt sind. Die Übung war mir zu schlampig ausgeführt, also musste ich die Spieler daran erinnern, dass wir alle zusammen einen anderen Anspruch haben. Am Tag danach habe ich sie übrigens für eine sehr engagierte und qualitativ hohe Trainingsleistung gelobt. Mir geht es immer nur um die Sache, nicht um Aktionismus.

Früher haben Trainer vom Schlag „harter Hund“ ihre Spieler durchbeleidigt – damals hat es aber keiner mitbekommen.

Breitenreiter: Weil daraus heute über moderne Medien schnell ein großes Ding gemacht wird, ziehen viele Trainer die Konsequenz, dass kaum noch öffentlich trainiert wird.

Das passt aber nicht zu Schalke.

Breitenreiter: Stimmt. Es ist auch meine feste Überzeugung, dass wir zueinander stehen sollten. Ich möchte einen engen Draht zu den Menschen hier haben, ich möchte, dass sie erkennen, dass wir Trainer und Spieler normal sind, nicht abgehoben, nicht arrogant.
Sie haben oft betont, dass sich die Mannschaft in der Entwicklung befindet und besonders die jungen Spieler nicht mit Erwartungen überfrachtet werden sollten. Dennoch: Seit einigen Wochen stimmen die Ergebnisse nicht mehr, also steigt auch der Druck. Wie gehen Sie mit Druck um?

Breitenreiter: Ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker. Spätestens seit den letzten Wochen weiß ich natürlich, wie Schalke 04 funktioniert, aber ich kämpfe gegen die Unruhe an, weil ich weiß, dass dieser Verein nur mit Geduld erfolgreich sein kann. Dazu gehören auch realistische Einschätzungen. Persönlich verspüre ich eher wenig Druck. Ich bin total überzeugt von dem Weg , den ich seit fünf Jahren mit unterschiedlichen Mannschaften gehe. Erst Havelse, dann Paderborn, jetzt Schalke.

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Wofür genau steht der Trainer An­dré Breitenreiter?

Breitenreiter: Da gibt es verschiedene Bausteine. Zunächst einmal eine klare Spielphilosophie: Wir wollen nach vorne spielen, aber konzentriert verteidigen, und wir wollen variabel sein, für den Gegner nicht auszurechnen. Für mich ist es auch wichtig, gegenüber den Spielern authentisch und geradlinig zu sein. Ich selbst konnte als Spieler am besten mit Kritik umgehen, wenn mir vom Trainer auch Lösungen angeboten wurden. Ich bin nah bei der Mannschaft, wir haben Spaß zusammen, aber ich scheue mich auch nicht vor harten Entscheidungen.
Hand aufs Herz: Haben Sie sich im Stillen schon gefragt, warum Sie sich diesen unruhigen Klub antun?

Breitenreiter: (lacht) Überhaupt nicht. Dass der Weg steinig ist, darauf war ich vorbereitet. Ich habe eine Mannschaft, die folgt, wir werden von den Fans unterstützt – ich fühle mich superwohl hier und im richtigen Klub.

Wohin geht Schalkes Reise in dieser Saison?

Breitenreiter: Grundsätzlich sind die Ergebnisse ja bisher okay . Wir sind Erster unserer Europa-League-Gruppe und stehen in der Bundesliga in einem Bereich zwischen Mannschaften, die stärker aufgestellt sind. Wir wollen am Ende im oberen Feld der Tabelle einlaufen. Nach den Langzeitverletzungen wird vieles aber davon abhängen, wie wir uns im Winter verstärken können. Wir nehmen uns das Maximale vor.

Gutes Stichwort. Eine ganz einfache Frage: Wie schlägt man die Bayern?

Breitenreiter: Wir brauchen ein fehlerfreies Spiel – und Glück.

Autor: Peter Müller

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