Auf den Tag genau 100 Tage ist es her, dass André Breitenreiter seinen Dienst beim FC Schalke 04 antrat.

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100 Tage Breitenreiter - die Bilanz

08. Oktober 2015, 17:11 Uhr
Foto: firo

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Auf den Tag genau 100 Tage ist es her, dass André Breitenreiter seinen Dienst beim FC Schalke 04 antrat.

Anfangs skeptisch beäugt, schwamm sich der Neue schnell frei und wurde den Makel, nur die vermeintlich „dritte Wahl“ gewesen zu sein, schnell los. RevierSport zieht eine erste Zwischenbilanz.

Die Mission
Nach dem Abschied von Roberto Di Matteo formulierte Manager Horst Heldt, was er vom neuen Coach erwartet: „Attraktiven, leidenschaftlichen Offensivfußball und einen Teamgedanken, der unsere Fans begeistert.“ Einen konkreten Tabellenplatz gab keiner vor, auch Breitenreiter selbst nicht: „Unser Ziel ist es, die Fans mit der Art und Weise, wie wir auftreten, wie wir Fußball spielen, mitzunehmen. Ich möchte eine Mannschaft mit Mentalität, positiver Einstellung und Einsatzwillen auf dem Platz sehen“, betonte der 42-Jährige. Immens wichtig sei, dass Königsblau wieder als Einheit auftrete. Diesen Auftrag, so scheint es, hat der Fußballlehrer schon fast vollends erfüllt. Ein Rückfall in die schlafmützigen Zeiten, die gerade mal ein halbes Jahr her sind, scheint unter Breitenreiter undenkbar.

Der Typ
Bodenständig und sympathisch, das sind die häufigsten Begriffe, die fallen, wenn Schalkes Fans ihren Trainer beschreiben sollen. Der Familienvater ist angenehm nahbar und hat ein großes Gespür für die Atmosphäre im Team und unter den Fans. Darüber hinaus gilt Breitenreiter als akribischer Arbeiter, der allerdings auch nicht so besessen von seiner Aufgabe ist, dass ihm die nötige Lockerheit abgeht. Er passt weder ins Klischee des modernen „Laptop-Trainers“, noch des überemotionalen Psychologen, der nur motivieren kann. Breitenreiter verkörpert eher einen gesunden Mittelweg, er ist ein Trainer mit Kopf und Bauch, kommunikationsfreudig aber auch mit klarer Linie; ist ein Chef, der seiner Mannschaft einen echten Teamgeist vermittelt hat und diesen auch in jedem Moment vorlebt.

Die Taktik
Di Matteo gab vor, dass er offensiv spielen lassen will, Breitenreiter tut es. Sein Lieblingssystem 4-4-2 muss ohne klassischen Spielmacher auskommen, enorme Bedeutung kommt deshalb den offensiven Flügelspielern zu, die in der Spielgestaltung viel Verantwortung übernehmen müssen. Einen riesigen Radius müssen sowohl die Stürmer als auch die Sechser abdecken, die im Pressingspiel den gegnerischen Aufbau stören sollen. Dann gilt es, sofort umzuschalten. Eine kräftezehrender, enorm laufintensiver Stil, der aber erstaunlich schnell griff, leidlich erfolgreich ist – und vor allem Spaß macht. Langeweile ist bei Schalke-Spielen passé! Verbesserungswürdig bleiben Details – wie der Aufbau aus der eigenen Abwehr bei Ballbesitz.

Das Profil
Breitenreiter genießt innerhalb der Mannschaft absolute Autorität. Vom ersten Tag an hatte das Leistungsprinzip Priorität, gute Trainingsleistungen werden auch mit Einsatzzeiten belohnt. Auch gegenüber Manager Horst Heldt, immerhin sein direkter Vorgesetzter, hat sich der Niedersachse profiliert, als er den Verkauf des „besten Spielers“ Julian Draxler kritisch kommentierte. Zwar wird Breitenreiter niemals eine derart exponierte Stellung wie beispielsweise einst Jürgen Klopp beim BVB einnehmen, doch hat sich der Ex-Profi vom besseren „No- Name“-Trainer schon zu einer blau-weißen Identifikationsfigur und dem Gesicht des Aufschwungs gemausert. Bezeichnend: Aufsichtsratschef Clemens Tönnies meldet sich fast gar nicht mehr zu Wort.

Der Tiefpunkt
Nach der 0:3-Pleite gegen Wolfsburg fällte der Linienchef ein vernichtendes Urteil: „Unterirdisch“ seien die ersten 25 Minuten gewesen – und man konnte befürchten, dass sich Schalke von den Hiobsbotschaften Ende August so ganz leicht nicht erholen würde. Doch nicht nur die Lehrstunde bei den „Wölfen“, sondern auch den Abgang von Julian Draxler verkraftete S04 prima. Eine frühe, erste Krise blieb aus.

Das Highlight
Für emotionale Höhepunkte sorgten neben einzelnen Szenen vor allem die knappen Siege gegen Stuttgart, Frankfurt und den HSV. Besonders gute Stimmung herrschte schließlich ausgerechnet am 2. Oktober, Breitenreiters 42. Geburtstag. Es gab ein Ständchen der Mannschaft, Kuchen von den Fans – und den leisen Traum vom absoluten Vereinsrekord, der mit der Niederlage gegen Köln nach zuvor sechs Siegen in Serie jedoch platzen sollte.

Die Resultate
Alles in allem waren die Ergebnisse jedoch überraschend gut. Nach fünf bisweilen glücklichen Siegen, einem ärgerlichen Unentschieden und zwei deutlichen Niederlagen, steht in der Bundesliga ein glatter Zwei-Punkte-Schnitt zu Buche. Sollte Schalke so weitermachen, dann würde S04 sich tatsächlich wieder für die Champions League qualifizieren – obschon genau das nicht als ausdrückliches Ziel formuliert worden war. Im Europapokal dominieren die Gelsenkirchener ihre Europa-League-Gruppe K bisher deutlich, mussten noch kein einziges Gegentor hinnehmen. Gleiches gilt für den DFB-Pokal, in dem S04 in Duisburg mit dem 5:0-Sieg ein Traumstart gelang. Ein Wert, der ausbaufähig geblieben ist, ist die Trefferquote von Schalkes Angreifern (nur drei „offizielle“ Stürmertore in der Liga). Die Defensive war insgesamt nicht ganz so stabil, wie die Zahlen (ein Gegentor pro Partie) vorgeben – denn ein überragend aufgelegter Torwart Ralf Fährmann wuchs manchmal über sich hinaus.

Das Fazit
Schalke wirkt wie befreit. Nicht nur unter Di Matteo schien der ganze Klub unter einer bleiernen Schwere zu ächzen, auch zuvor kam trotz guter Ergebnisse keine Euphorie auf. Auf Schalke herrschte ein solcher Druck, dass die regelmäßige Champions-League-Teilnahme fast nur als ein erreichtes Minimalziel wahrgenommen wurde. Die Mannschaft spielte über weite Strecken verkrampft, Umfeld und Team drohten sich zu entfremden. Es ist nicht allein Breitenreiters Verdienst, dass die Entwicklung nun in die andere Richtung geht – aber der Trainer ist der größte Protagonist des „neuen Schalke“.

Die Perspektive
Breitenreiters Kontrakt beim FC Schalke 04 läuft bis zum 30. Juni 2017. Nimmt man das erste Vierteljahr seiner Amtszeit zum Maßstab, ist nicht nur denkbar, dass er seinen Vertrag erfüllt, sondern sogar längerfristig gebunden wird. Eine „Breite“-Ära auf Schalke? Warum nicht!?

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