Am Samstag findet vor 80.000 Zuschauern Leonardo Dedes Abschiedsspiel statt. Nach Dortmund hat ihn vor 17 Jahren Michael Zorc geholt.

Zorc über Dede

Müllverbrennung im Garten und ein kaputtes Auto

05. September 2015, 07:07 Uhr

Am Samstag findet vor 80.000 Zuschauern Leonardo Dedes Abschiedsspiel statt. Nach Dortmund hat ihn vor 17 Jahren Michael Zorc geholt.

Michael Zorc hat fast sein ganzes Leben bei Borussia Dortmund verbracht. Seit 1978 ist der inzwischen 53-Jährige als Spieler und Manager für den BVB aktiv. Seine erste Reise als Sportdirektor führte ihn nach Brasilien – zu Leonardo Dede. „Auf dem Platz war er schon zu der Zeit einer, der abseits des Spiels doch eher schüchtern – zumindest beim Kennenlerngespräch in Belo Horizonte“, erinnert sich Zorc an die Verhandlungen mit Dede.

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Im folgenden Interview erzählt Zorc, warum Dede Mülltrennung anders versteht als in Deutschland üblich, wie schnell er an ein Ende eines Autolebens glaubt und warum Marcio Amoroso mal besser auf seinen Landsmann hätte hören sollen.

Michael Zorc, Leonardo Dede war 1998 ihr erster großer Transfer. Wie kam es dazu, dass er den Weg nach Dortmund fand?

Wir haben damals unseren Linksverteidiger Jörg Heinrich nach Florenz verkauft und brauchten Ersatz auf der Position. Dede hatten wir bereits eine Weile auf dem Zettel, da er in den Spielen, in denen wir ihn beobachtet haben, seine spielerische Qualität und seinen Einsatzwillen unter Beweis gestellt hat. Wir haben Dede dann vor Ort in einem Spiel seines Klubs Atletico Mineiro gesehen und er hat uns auch in dieser Partie überzeugt.

Wie ging es dann weiter?

Wir haben uns abends zum Essen getroffen, damit wir uns auch persönlich kennenlernen. Die Entscheidung, dass er ein Spieler für uns sein könnte, war zwar relativ schnell klar, aber auch für mich war es eine neue Situation als Sportdirektor. Daher wollte ich erst einmal eine Nacht darüber schlafen, bevor wir ins Detail gingen.

Ein Abendessen in Belo Horizonte

Wie ist denn das Abendessen in Brasilien mit Dede abgelaufen? Er war zu dem Zeitpunkt schließlich erst 20 Jahre jung und sicher furchtbar nervös, oder?

Das stimmt, er war unruhig und wollte gerne schnell hören, dass wir ihn holen. Ich habe mich erst etwas zurückgehalten und als ich ihm gesagt habe, dass wir erst am anderen Morgen eine Entscheidung treffen wollen, war das für ihn schon ein kleiner Rückschlag. Aber am nächsten Tag haben wir den Transfer abgeschlossen und die weiteren Planungen, wie etwa den Medizincheck, vorangetrieben.

Wer war bei diesem Treffen dabei?

Das war ein eher ein kleiner Kreis, da war nicht die ganze Familie dabei (lacht). Aber einen Berater hatte er schon.

Welchen Eindruck hat Dede gemacht, als er nach Deutschland kam und zum ersten Mal in Dortmund war? Das war für ihn ja sicher ein echter Kulturschock...

Ja, am Anfang war es für ihn sehr schwierig. Es war schlichtweg eine andere Welt. Auch der professionelle Fußball hier sah anders aus als es bei Atletico Mineiro in Brasilien, daher musste sich Dede extrem umstellen, zumal er 1998 der einzige Brasilianer bei uns war, Julio Cesar hatten wir ja gerade verliehen. Später hatten wir mehrere seiner Landsleute, da wäre es auch für ihn einfacher gewesen.

Es gibt da so einige Geschichten...

Gut, fangen wir mal mit der hier an: Dede war es zum Beispiel aus Brasilien gewohnt, auch mal seinen Hausmüll im Garten zu verbrennen. Als er das hier gemacht hat, fanden das seine deutschen Nachbarn nicht ganz so toll (lacht). Noch schöner war die Nummer, als er sein Auto verkaufen wollte, im ersten Winter in Deutschland.

Erzählen Sie bitte!

Wir kamen von einem Auswärtsspiel aus Hamburg zurück. Die Temperaturen waren gefallen und als wir in Dortmund eintrafen, kam Dede auf mich zu und sagte, dass sein Auto kaputt sei. Ich fragte zurück ‚Wie, dein Auto ist kaputt? Du hast es doch noch gar nicht angemacht.‘ Der Grund für seine Ratlosigkeit war, dass sich ein bisschen Reif auf die Scheiben gesetzt hatte. So etwas kannte er nicht und dachte, es wäre etwas kaputt.

Wer waren Dedes erste Ansprechpartner in Dortmund, wer hat ihm den Einstieg erleichtert?

Das waren viele bei uns im Klub, die sich rührend um Dede gekümmert haben. Wir alle, Michael Meier, Michael Skibbe, der zu der Zeit unser Cheftrainer wurde und ich als Sportdirektor haben versucht, ihm das Leben hier so angenehm wie möglich zu machen. Die gesamte Mannschaft kam gut mit ihm klar, da er trotz der ungewohnten Temperaturen immer gut drauf war und man mit ihm jederzeit seinen Spaß haben konnte. Er hat dann auch recht schnell Deutsch gelernt, bei dem Lehrer, den wir ihm gestellt haben, und vieles mit Sicherheit auch im ganz normalen Alltag.

Zum Sportlichen: Was hat Dede als Fußballer so besonders gemacht?

Er hatte, wie man es von einem brasilianischen Linksverteidiger kennt, einen enormen Offensivdrang. Komischerweise hat er den aber hier zu Beginn nicht so ausgelebt. Ich glaube, er hatte zunächst Angst Fehler zu machen, weshalb er seine Seite eher zugemacht hat. Wir mussten ihn daran erinnern, dass er Offensivqualitäten hat, woraufhin er langsam angefangen hat, auch nach vorne zu spielen. Er war ja extrem stark im Eins-gegen-eins und hat kaum einen Zweikampf verloren. Die richtige Balance zwischen Defensive und Vorwärtsdrang hat er im Laufe der ersten Saison entwickelt.

„Wir haben ihn nicht mehr wegbekommen“
Michael Zorc über 13 Jahre Dede in Dortmund

Am Anfang war es schwer und letztendlich ist er 13 Jahre geblieben...

Ja wir haben ihn nicht mehr wegbekommen... (lacht). Nein, Spaß beiseite, er ist bei uns heimisch geworden und hat die Leute lieben gelernt, so wie die Leute ihn. Er war über viele Jahre Bestandteil unserer Mannschaft, hat aber auch einige schwere Zeiten durchgemacht, in denen er verletzt war oder auch, als es uns wirtschaftlich nicht so gut ging.

Woran denken Sie besonders gern zurück, wenn Sie Dede vor Ihrem geistigen Auge spielen sehen?

Da war die Meisterschaft 2002, die auch für ihn sicher das erste ganz große Highlight war. Da hatten wir in Ewerthon, Marcio Amoroso, Evanilson und ihm vier Brasilianer unter Vertrag. Das war schon eine kleine Gemeinde bei uns, die aber auch sportlich erfolgreich war. Er war ja auch am 2:1-Siegtreffer von Ewerthon gegen Werder Bremen beteiligt, der letztendlich die Meisterschaft bedeutete. Ob das damals eine Hereingabe oder ein Schuss war, weiß er heute, glaube ich, selbst nicht mehr (lacht).

Viel später flossen bittere Tränen...
Der Abschied 2011 war sehr emotional. Leo hatte vorher noch viele superschöne Erlebnisse. Ich freue mich besonders für ihn, dass er am Ende unter Jürgen Klopp nochmal Meister werden konnte, auch wenn er in der letzten Saison aus Verletzungsgründen nicht mehr so viel gespielt hat. Er jetzt schon vier Jahre weg, aber Dortmund ist für ihn immer noch seine zweite Heimat, denn sein Haus in Herdecke hat bis jetzt behalten. Kurz gesagt: Dede ist ein Stück Dortmund und auch ein Stück BVB.

Nochmal zurück zu 2002, als Dede schon vier Jahre beim BVB war. War er da für die anderen brasilianischen Spieler schon eine Art Integrationsfigur?

Naja, ich glaube, Marcio Amaroso zum Beispiel hat nicht immer auf ihn gehört, sonst hätte er sicher noch ein paar Jahre länger bei uns gespielt (lacht). Aber klar: Leo hat den anderen geholfen. Er wurde unter den Brasilianern immer als ‚der Deutsche‘ bezeichnet. Aus ihrer Sicht ist dieser Name vielleicht nicht nur eine Auszeichnung, aber aus unserer Sicht war das natürlich sehr positiv. Leo war einfach immer authentisch und hat einem nie was vorgespielt.

Wie ist Ihr Kontakt zu Dede, seit er aus Dortmund weg ist?

Stets ein guter! Wir telefonieren immer mal wieder zusammen und ab und an kommt er ja auch nach Dortmund. Zuletzt, als Thomas Tuchel schon Trainer war.

In Eskisehirspor ist er in der ersten türkischen Liga Co-Trainer unter Michael Skibbe – so schließt sich der Kreis. Hat Dede das Zeug Trainer zu werden, irgendwann vielleicht sogar in Dortmund?

Das kann ich jetzt noch nicht beurteilen, denn er hat ja bis vor einem Jahr noch selbst in der Türkei gespielt und ist erst seitdem Co-Trainer bei Michael. Aber es freut mich, dass er in diesem Bereich Fuß gefasst und diesen Schritt gemacht hat. Ich weiß aber auch nicht, wie seine Pläne sind und ob er irgendwann wieder nach Brasilien zurückkehren will.

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