Am Samstag, 18 Uhr, wird ein ganz Großer der BVB-Geschichte in Dortmund verabschiedet: Leonardo Dede.

Abschiedsspiel Dede

"Der BVB wird immer in meinem Herzen bleiben"

04. September 2015, 09:37 Uhr
Foto: RS

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Am Samstag, 18 Uhr, wird ein ganz Großer der BVB-Geschichte in Dortmund verabschiedet: Leonardo Dede.

Allez Dede! Dreizehn Jahre Borussia Dortmund. Dreizehn Jahre voller Leidenschaft für den BVB. Als Leonardo de Deus Santos, kurz Dede, 1998 aus Brasilien nach Dortmund kam, wollte er eigentlich nur drei Spielzeiten bleiben. Doch dann wollte er gar nicht mehr weg. Inzwischen ist er längst eine schwarz-gelbe Legende. Mit seiner faszinierenden Spielweise und totalen Hingabe für den BVB hat er sich in die Herzen der Fans gespielt. Im Exklusiv-Interview anlässlich seines Abschiedsspiels am Samstag (18 Uhr, Signal-Iduna-Park) blickt Borussia Dortmunds ewige Rückennummer 17 zurück auf seine einzigartige Karriere.

Dede, erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Treffen mit Michael Zorc?
Das war 1998 in meiner Heimatstadt Belo Horizonte. Michael Zorc ist beim BVB gerade Sportdirektor geworden. Ich war sein erster Transfer. Die Borussia wollte mich als Ersatz für Jörg Heinrich verpflichten, der zum AC Florenz gewechselt war.

Was dachten Sie, als das Angebot aus Dortmund kam?
Ich kannte Borussia Dortmund natürlich durch den Weltpokalsieg 1997 gegen Cruzeiro Belo Horizonte, bei dem Michael Zorc das 1:0 erzielt hatte. Seitdem war ich Fan. Vom BVB und von ihm. Denn er hatte mir einen großen Gefallen getan. Ich spielte bei Atletico Mineiro. Die Beziehung zwischen Atletico Mineiro und Belo Horizonte ist ungefähr so innig, wie die zwischen dem BVB und Schalke 04. Wir haben uns getroffen und er war mir sofort sympathisch. Seitdem hat sich eine ganz besondere Verbindung zwischen uns entwickelt, die auch nie abgerissen ist.

[infobox-right]Das größte Abschiedsspiel Europas
Für die Fans wird Dedes Abschiedsspiel am Samstag (18 Uhr, Signal-Iduna-Park) zu einer Zeitreise mit Ex-Stars wie Stephane Chapuisat, Stefan Reuter, Thomas Häßler, Lars Ricken, Marcio Amoroso oder Julio Cesar. Es soll das größte Abschiedsspiel in Europa sein, das es je gegeben hat. Der Erlös geht an die BVB-Stiftung „leuchte auf“, dessen Botschafter Dede wird.[/infobox]

Dennoch hat er Ihnen am Anfang auch reichlich Zunder gegeben, oder?
Sportlich lief es in Dortmund von Anfang an ganz gut für mich, aber er war nie zufrieden. Er hat immer gesagt, ‚Du kannst noch mehr‘ und hat mich immer wieder angestachelt, mich weiterzuentwickeln. In den ersten Jahren habe ich typisch brasilianisch gespielt. Doch das funktionierte nur bedingt. In meiner ersten Saison war ich der Spieler, der beim BVB am meisten gefoult wurde. Erst nach und nach habe ich mein Spiel umgestellt, schneller und schnörkelloser agiert.

Es heißt, am liebsten hätten Sie nach einem halben Jahr bereits wieder das Weite gesucht, stimmt das?
Mir fiel der Abschied aus Brasilien unheimlich schwer. Wir lebten mit acht Personen auf 35 Quadratmetern in ärmlichen Verhältnissen in einer Favela, aber ich kannte dort jeden Stein. In Deutschland kannte ich niemanden. Ich war ja erst 20 Jahre alt. Wenn meine neuen Mitspieler in Dortmund mich gefragt haben, wie es mir geht, habe ich gesagt: „Gut“. Aber ich habe jeden Abend geweint. Es gab noch kein Internet in der heutigen Form oder WhatsApp. Meine Familie war weit weg. Und dann kam auch noch der Winter.

Warum sind Sie doch geblieben?
Zum Glück haben mir damals viele liebe Menschen in Dortmund geholfen. Damals habe ich zum ersten Mal diese Faszination gespürt, die diesen Verein so einzigartig macht. Allen voran Astrid Keppmann von der Geschäftsstelle, die in dieser Zeit wie eine zweite Mutter für mich war. Sie hat alles für mich geregelt. Wenn unser Trainer Michael Skibbe mir irgendetwas erklären wollte, hat er es ihr gesagt und sie hat es für mich übersetzt. Nicht nur im Training, auch im Alltag. Sie hat einfach alles getan, damit ich mich wohl fühle.

Ausgerechnet ich bekomme hier so einen Abschied
Dede kann noch gar nicht begreifen, was am Samstag auf ihn zukommen wird

Wenn Sie heute auf Ihre 13 Jahre beim BVB zurückblicken. An welche Momente denken Sie immer wieder gerne zurück?
Da gab es unzählig viele Momente. Da sind natürlich die beiden Meisterschaften. Mein emotionaler Abschied 2011 – noch einmal mit der Schale in der Hand – gehörte sicherlich dazu. Aber auch das Champions-League-Spiel 2002 beim AJ Auxerre, als ich mit meinem Bruder Leandro zusammen aufgelaufen bin. Aber auch die schweren Momente 2005 und 2006 mit dem beinahen Aus und der anschließenden Aufbruchstimmung. Viele sind damals gegangen, ich bin geblieben. Der schönste Moment war jedoch, als ich 2008 eine Woche nach meinem Kreuzbandriss im Signal Iduna Park auf Krücken aufs Feld gehumpelt bin. Die Fans hielten ein Spruchband hoch „Dede, nur noch 4.152 Stunden“ und die Mannschaft präsentierte ebenfalls ein Transparent: „Der ganze BVB für unseren Dede!“ Ich bekomme noch heute eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Die wird sich mit Sicherheit auch wieder bei Ihrem Abschiedsspiel einstellen!
Das Stadion ist voll. Dafür fehlen mir die Worte. Ich habe in 13 Jahren nur zwölf Tore geschossen, zuletzt habe ich ein Jahr lang fast nur noch auf der Bank gesessen. Der Verein ist so groß und spielt so einen tollen Fußball und ausgerechnet ich bekomme hier so einen Abschied. Das ist für mich schwer zu verarbeiten. Dafür kann ich nur 1000-Mal „Danke“ sagen. Ich hoffe, ich muss am Ende nicht wieder weinen.

Was versprechen Sie sich von dem Abend in Ihrem alten Wohnzimmer?
Das soll nicht nur ein Tag für mich werden, sondern eine Reise in die jüngere Vereinsgeschichte für den ganzen Klub und die gesamte schwarz-gelbe Familie. Es ist ein großes Wiedersehen mit vielen Vereinslegenden, die wichtige Titel für den Verein geholt haben. Darauf bin ich stolz. Mir war aber wichtig, auch an die Spieler zu denken, die die mageren Jahre mitgemacht und mitgeholfen haben, die Karre wieder aus dem Dreck zu ziehen. In den guten Jahren da zu sein, war wunderschön, aber der einzigartige Zusammenhalt in der Krise zeichnet doch den BVB mindestens genauso aus.

Auf wen freuen Sie sich besonders?
Auf alle. Schon bei der Vorbereitung des Spiels habe ich einen Schauer nach dem anderen bekommen, weil viele alte Erinnerungen wieder hoch gekommen sind. Ich hatte in Brasilien Kontakt mit Evanilson, Ewerthon, Marcelo Amoroso und Julio Cesar und wir haben bereits im Vorfeld viel gelacht. Mit Julio habe ich ja noch sechs Monate zusammen gespielt und er ist damals immer im Anzug und mit Krawatte zum Training gekommen. Ich dagegen wusste noch nicht einmal, wie man sich eine Krawatte umbindet. Das haben bei den internationalen Spielen immer die Kollegen für mich übernommen.

Wenn Sie gerade bei den Erinnerungen sind. Worüber sollen wir sprechen? Über Krokodile in der Schweiz oder zugefrorene Autoscheiben im deutschen Winter?
Oh, nein! Was haben mich die Leute fertig gemacht (lacht). Ich hatte in Brasilien doch noch nie Schnee oder Eis gesehen. Als ich nach meinem Wechsel meinen ersten Winter in Dortmund erlebt habe, war das wie ein Schock für mich. So kalt. Eines Morgens war die Autoscheibe zugefroren. Ich wollte einsteigen, konnte aber nichts sehen. Ich dachte, das Auto sei kaputt, habe den Wagen stehen lassen und mir ein Taxi gerufen. Das habe ich auch dem Trainer gesagt. Denn natürlich bin ich dadurch auch noch zu spät zum Training gekommen.

[infobox-left][imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/073/810-74874_preview.jpeg [/imgbox]
13 Jahre Echte Liebe - Das ‪‎RevierSport‬-Sonderheft zum Abschiedsspiel von ‪#Dede‬. Unter anderem mit Statements seiner besten Freunde, einem Interview mit BVB-Sportdirektor Michael Zorc und vielen weiteren Anekdoten und Bildern aus seiner Zeit in Dortmund. 48 Seiten, durchgehend 4-farbig, hochwertiger Bilderdruck. Das Sonderheft erscheint zum Abschiedsspiel am 05. September 2015 und ist nur im Stadion beim Spiel und in unserem Online-Shop erhältlich![/infobox]

Wie hat der Verein reagiert?
Beim BVB haben sie dann eine Firma beauftragt, um zu schauen, was mit dem Auto ist. Einige Minuten später stand der Wagen auf dem Trainingsgelände. Als ich fragte, was es kostet, grinsten die Mitarbeiter nur und meinten, ich bräuchte nur die Heizung einzuschalten. Das war sehr peinlich für mich und hat mich noch eine ganze Weile begleitet. Immer, wenn draußen Minustemperaturen herrschten, flachsten meine Mitspieler, ich solle mein Auto mal zur Werkstatt bringen, es sei schon wieder nicht in Ordnung.

Krokodile im Vierwaldstättersee kommen aber eigentlich auch nicht so oft vor, oder?
Muss das sein (lacht erneut)? Wir waren in der Schweiz in Kriens im Trainingslager. Nach der Arbeit sind wir zur Abkühlung in den Vierwaldstättersee gesprungen. Ich kann nicht so gut schwimmen und war daher sowieso etwas unsicher. Als ich dann irgendetwas an meinem Fuß gespürt habe, habe ich laut „Krokodile“ geschrien und bin panisch aus dem Wasser gestürzt. Dass es in Mitteleuropa Krokodile nur im Zoo gibt, hatte mir bis dahin niemand gesagt. Was ich mir danach von meinen Mannschaftskameraden alles anhören musste, will ich gar nicht beschreiben. Ich weiß nicht, was schlimmer war. Die zugefrorene Autoscheibe oder das Krokodil in der Schweiz. Beides hat auf jeden Fall heute Kultcharakter.

Ich habe gesagt, dass es mir gutgeht, aber ich habe jeden Abend geweint
Dede über seine Anfänge in Dortmund

Kommen wir mal zu Ihren deutschen Tugenden. Sie galten in der Mannschaft als ausgewiesener Sparfuchs!
Ich habe schon als Kind als Autowäscher gearbeitet und in Supermärkten den Leuten die Einkaufstaschen zum Auto getragen und teilweise sogar in mehreren Jugendmannschaften gleichzeitig gespielt, um etwas zum Lebensunterhalt beizutragen. Das prägt. Und ich wollte ja eigentlich nur drei Jahre in Deutschland bleiben, Geld für meine Familie verdienen und dann wieder zurück nach Brasilien. Da gibt man es nicht mit vollen Händen gleich wieder aus.

Haben Sie auch deshalb zu Hause in Herdecke so oft den Grill angeworfen?
Nein, ich glaube, das liegt uns Brasilianern im Blut. Meine Tür stand immer offen. Besonders in den Jahren mit Amoroso, Evanilson und Ewerthon war ich nicht oft alleine. Und auch aus Brasilien war immer jemand da. Oft waren auch Kollegen aus anderen Vereinen zu Gast, später natürlich vor allem mein Freund Lincoln, den ich schon kenne, seit wir zehn Jahre alt sind. Auch, wenn er in Deutschland beim falschen Verein gespielt hat, es ging immer locker zu.

Michael Skibbe ist wie ein Vater für mich
Dede

Ihre Samba-WG mit Ewerthon war berüchtigt!
Er hat nach seiner Verpflichtung fast ein halbes Jahr bei mir gewohnt, obwohl der BVB ihm ein Hotelzimmer gestellt hatte. Aber bei mir zu Hause war immer die beste Stimmung. Wir haben Samba gehört, getanzt oder im Garten Fußball gespielt und natürlich auch oft gegrillt. Und manchmal sollen da auch Frauen dabei gewesen sein. Wir waren ja jung.

Die Polizei war davon nicht so begeistert?
Als ich neu in Deutschland war, war die Polizei gefühlt fünfmal pro Woche bei mir. Ich habe zunächst gar nicht verstanden wieso, denn in Brasilien ist das Leben ein bisschen lauter. Aber wir haben nie nach Niederlagen gefeiert. Und wenn wir verloren haben, sind wir auch nie weggegangen. Dann war der Tag für uns gelaufen. So etwas gehört sich auch nicht.

Und das man in Deutschland den Müll nicht im eigenen Garten verbrennt, war für Sie auch neu, oder?
Oh, ja. Einmal haben sie mich sogar vom Training nach Hause zitiert, weil die Feuerwehr bei mir vor der Tür stand. Meine damalige Freundin hatte im Garten Abfall verbrannt und dann ist das Feuer außer Kontrolle geraten. Meine Nachbarn waren davon nicht gerade begeistert. Zum Glück haben Sie es mir nicht lange übel genommen.

Seit einem halben Jahr sind Sie mit ihrem ersten BVB-Trainer Michael Skibbe wieder vereint und arbeiten derzeit in Anatolien als sein Co-Trainer bei Eskisehirspor. Dort haben Sie nach dem tränenreichen Abschied in Dortmund auch die letzten drei Jahre Ihrer Karriere gespielt. Kommt Ihnen die Mentalität der Türken entgegen?
In vielen Dingen geht es hier tatsächlich zu wie in Brasilien. Deshalb ist mir die Umstellung damals auch leicht gefallen. Die Menschen sind verrückt nach Fußball. Dennoch wollte ich nach meinem Karriereende im vergangenen Sommer eigentlich erst einmal eine längere Pause einlegen und in Brasilien bleiben. Aber als mich Michael Skibbe sieben Monaten später im Winter angerufen hat und mir gesagt hat, dass er mich braucht, habe ich nicht lange überlegt. Er ist immer noch wie ein Vater für mich. Er hat ein gutes Herz. Er war mein erster Trainer beim BVB. Er hat mir in der Bundesliga und als älterer Spieler in der Türkei das Vertrauen gegeben. Und wenn dein Vater anruft und dich um etwas bittet, dann schlägst du das nicht einfach ab.

Hat sich damit der Kreis für Sie geschlossen?
Wir wollen an unsere Erfolge anknüpfen, die wir zusammen hatten und uns vielleicht für die Europa League qualifizieren.

Haben Sie in Eskisehir eine neue Liebe gefunden?
Ja, dennoch steht außer Frage, dass Borussia Dortmund immer mein Klub bleiben wird. Ich trage den BVB, das Stadion, die Fans und die Stadt Dortmund auf ewig in meinem Herzen. Das, was mir dort passiert ist, darf vielleicht einer von 100 Profis erleben. Der BVB ist meine zweite Familie. Diese Identifikation bekommst du nicht von heute auf morgen und die kannst du dir auch nicht kaufen. Ich war ein kleiner Junge aus Brasilien, als ich hierher kam. Jetzt bin ich deutscher Staatsbürger und ein echter Borusse. Und wenn mich heute jemand danach fragt, sage ich immer, ich habe drei: Brasilien, Deutschland und den BVB. Und auf alle drei bin ich stolz.

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