BVB

Rechtsverteidiger Ginter wird zum Gewinner der Woche

Sebastian Weßling
23. August 2015, 19:38 Uhr
Foto: firo

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Es war wie so oft bei Borussia Dortmund. Man saß in der Halbzeitkabine, hatte eine gute erste Halbzeit absolviert - und ärgerte sich doch.

Denn trotz bester Chancen stand es nach 45 Minuten 0:0 zwischen dem BVB und dem FC Ingolstadt - ein Zwischenstand, der nach dem Spielverlauf geradezu grotesk erschien.

"Wir haben uns nochmal vorgenommen, konzentrierter vor dem Tor zu sein", erzählte später Matthias Ginter, nachdem zum Schlusspfiff ein 4:0 für den BVB stand. "Das ist uns viermal gelungen - von daher geht der Sieg so in Ordnung." Die wenigsten hätten allerdings erwartet, dass der 21-jährige Verteidiger dabei eine zentrale Rolle einnehmen würde - Ginter wohl eingeschlossen.

Doch dann kam die 55. Spielminute. "Ich habe gesehen, dass Miki aufgedreht hat und auf meiner Seite Platz war", erzählte Ginter. Es folgte ein präziser Pass von Henrikh Mkhitaryan, eine Körpertäuschung Ginters, die Gegenspieler Konstantin Engel ins Leere laufen ließ, und ein präziser Schuss ins lange Eck. Wo andere nun zum Salto ansetzen, Schnuller in den Mund stecken oder Batman-Masken überziehen, rannte der Torschütze schlicht zur Bande und herzte Klubfotograf Alex Simoes. Denn weder auf dem Platz noch daneben ist dieser 1,88 Meter große Abwehrspieler ein Mann des großen Auftritts und der großen Töne. "Zum Glück war er drin", viel mehr war ihm zu seinem Treffer nicht entlocken.

Dabei dürfte gerade ihm dieser Erfolg gutgetan haben, denn bislang hat der gebürtige Freiburger keine leichte Zeit in Dortmund hinter sich. 2014 war er als Weltmeister und großes Abwehrtalent vom SC Freiburg zum BVB gewechselt, doch schon nach neun Sekunden des ersten Bundesligaspiels ließ er sich von Karim Bellarabi ziehen, der das bis dato schnellste Tor der Bundesligageschichte erzielte. Es folgten noch einige weitere unsichere Auftritte - und dann immer öfter nur der Platz auf der Bank, in der Hirarchie der Innenverteidiger rutschte er auf Rang vier ab.

Dass Ginter nun in der Startelf stand und nach einer knappen Stunde im gegnerischen Strafraum auftauchen konnte, hatte er einer bereits drei Tage alten, reichlich überraschenden Idee seines Trainers Thomas Tuchel zu verdanken: Der hatte den etatmäßigen Innenverteidiger im Spiel bei Odds BK zur Halbzeit auf die rechte Seite geschoben, weil mit Lukasz Piszczek und Erik Durm die beiden Kandidaten für die Position fehlten und Vertreter Gonzalo Castro einen rabenschwarzen Tag erwischte. Ginter, im Zentrum zuvor nicht immer mit dem sichersten Eindruck, riegelte die Seite effektiv ab und zeigte auch gute Aktionen nach vorne.

Und so durfte er sich auch in Ingolstadt auf jeder Position versuchen, die er zuvor nie in einem Pflichtspiel innehatte. Defensiv erledigte er seine Aufgabe sehr ordentlich, offensiv fehlte es zunächst an zündenden Ideen - bis eben zur 55. Minute. In der Nachspielzeit bereitete der Aushilfs-Rechtsverteidiger sogar noch das 4:0 durch Pierre-Emerick Aubameyang vor.

"Rechtsverteidiger ist ein Mix zwischen Innenverteidiger und Sechser", sagte Ginter - zwischen jenen beiden Positionen also, auf denen er in seiner Profi-Karriere bislang spielte. "Ich fühle mich wohl auf der Position." Es spricht einiges dafür, dass er sie auch in der näheren Zukunft noch bekleiden dürfte. Denn Piszczek und Durm sind noch nicht ins Training zurückgekehrt, Castro hat mit seinem blutleeren Auftritt in Norwegen viele Sympathien verspielt.

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Der Neuzugang aus Leverkusen ist damit der größte Verlierer der abgelaufenen Woche - und Ginter der wohl größte Gewinner, bietet ihm die überraschende Situation doch die Möglichkeit, Spielpraxis und Selbstbewusstsein zu sammeln und sich dank seiner Vielseitigkeit näher an die erste Elf zu schieben. "Klar hilft es fürs Selbstvertrauen, wenn man spielt", sagt der Abwehrspieler. "Man kann im Training viel üben, aber die Wettkampfpraxis ist schwierig zu trainieren."

Und schiebt dann noch einen Satz hinterher, der typisch ist für einen Leisetreter wie ihn: "Generell ist mir egal, wo ich spiele. Hauptsache ich spiele."

Autor: Sebastian Weßling

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