Henrikh Mkhitaryan ist einer der großen Gewinner der Dortmunder Vorbereitung. Unter Thomas Tuchel scheint der zuletzt scharf kritisierte Armenier wieder aufzublühen.

Dortmunds Mkhitaryan

"Ich war halt nie ein Egoist"

Andreas Berten
13. August 2015, 11:20 Uhr
Foto: firo

Foto: firo

Henrikh Mkhitaryan ist einer der großen Gewinner der Dortmunder Vorbereitung. Unter Thomas Tuchel scheint der zuletzt scharf kritisierte Armenier wieder aufzublühen.

In der vergangenen Bundesligasaison hat man [person=12383]Henrikh Mkhitaryan[/person] selten lachen gesehen. Gut, das war kein Alleinstellungsmerkmal bei dem 26-Jährigen, hatten seine Teamkollegen von Borussia Dortmund bekanntermaßen ebenfalls nicht das Glück gepachtet. Weil im sportlichen und privaten Leben dieses fußballerischen Alleskönners aber an ein paar Stellschrauben gedreht wurde, macht der Armenier nun einen sehr zufriedenen Eindruck. Oder nicht? „Ob ich zufrieden sein werde, zeigt sich am Ende der Saison“, sagt Mkhitaryan, „aber ich bin glücklich, was auch sehr wichtig ist.“

Herr Mkhitaryan, von außen sieht es so aus, als hätten Sie neuen Spaß am Fußball gefunden.
Warum auch nicht? Wenn man positiv an seine Aufgaben herangeht, kann man vielleicht auch mal mehr als die 100 Prozent seiner Fähigkeiten abrufen. Ich fühle mich gerade sehr gut.

Ist es zu oberflächlich beobachtet, wenn hinter Ihrer Entwicklung nur der Spaß steckt?
Es haben sich einige Dinge in meinem Leben geändert. Allzu viel will ich gar nicht verraten, das bleibt privat. Aber von Zeit zu Zeit entwickeln sich eben Dinge. Genauso wie unser Fußball: Wir spielen ein anderes System, das mir sehr gut gefällt. Und Thomas Tuchel hat die beste Position für mich gefunden (oft zentral in der Offensivreihe, mit Wechseln auf die Außen, in der letzten Saison spielte er noch meist nur auf den Außen, Anm. der Red.).

Probleme machen dich stärker
Henrikh Mkhitaryan

Sie gelten als aufmerksamer, aber auch als sensibler Spieler.
Das stimmt, so bin ich halt aufgewachsen. Wenn etwas nicht läuft, geht’s mir schlecht. Aber dass Borussia Dortmund für mich 27 Millionen Euro ausgegeben hat, was mir mental schon zu schaffen gemacht hat, liegt längst hinter mir. Im Moment passt alles, ich fühle mich freier, entspannter. Ich habe gelernt, Probleme zu analysieren, mich von ihnen lösen zu können und sie aus meinem Kopf zu verbannen.

Beobachter beschreiben Sie als einen bescheidenen, höflichen, manchmal melancholischen Menschen. Ist es heutzutage vielleicht hinderlich im Profigeschäft, zu nett, zu gut erzogen zu sein?
Ich war halt nie ein Egoist, ich kann auch keiner sein, weil mein Charakter ein anderer ist. Manchmal muss man auch vorrangig an sich denken, sich zeigen, weil es darum geht, Selbstbewusstsein zu erlangen, mit dem man dann entweder selbst das Tor macht oder den Teamkollegen entscheidend bedient.
„Probleme machen dich stärker.“

Sie scheren aus der Masse der Fußballer auf Reisen aus, wenn Sie wie viele Ihrer Kollegen nicht an der Playstation spielen, sondern den Computer im Schach besiegen wollen.
Es macht mich einfach furchtbar nervös (lacht). Als ich jung war, habe ich häufig mit Konsolen gespielt. Heute spiele ich aber nicht nur Schach, sondern lese auch viel, schaue Filme oder schreibe mit meinen Freunden und der Familie.

Für hervorragende Schachspieler ist Armenien bekannt. Sagen Sie uns etwas, was wir vielleicht nicht über Ihr Land wissen, warum es sich lohnt, dorthin zu fahren?
Wenn ich jetzt damit anfangen würde, könnte ich vermutlich nicht mehr damit aufhören. Man muss es sich wirklich besser selbst einmal angesehen haben – im Sommer wie im Winter. Schauen Sie es sich mal an.

Im Flugzeug ist mir neulich aufgefallen, dass Sie sich beim Anflug jeweils sehr intensiv die Region genau anschauen. Reisen Sie gerne?
Und wie, das fängt schon damit an, dass ich die Flugzeuge mag und beim Landen den erhöhten Blick über die Landschaft. Das interessiert mich, ich bin neugierig. Wenn ich die Zeit hätte, würde ich die ganze Welt bereisen.

Wie wichtig ist Ihnen Heimat?
Sehr, ich bin jedes Jahr dort, genieße die Zeit mit Familie und Freunden. Es macht mich sehr glücklich, dass ich dort geboren bin. Ich muss sagen: Jerewan, meine Geburtsstadt, vermisse ich schon etwas.

Studieren Sie eigentlich noch Wirtschaftswissenschaften in Armenien?
Oh ja, im Winter werde ich damit auch fertig sein, dann kommen die letzten Prüfungen.

Bereiten Sie sich schon auf die Zeit nach Ihrer Karriere vor?
Daran denke ich jetzt noch nicht, ich weiß ja auch noch nicht, wann es soweit ist.

Beim BVB würde man es gerne sehen, wenn Sie noch lange für ihn spielen.
Ich habe ja auch noch einen Vertrag bis 2017 und habe mich hier sehr gerne niedergelassen. Natürlich weiß man nie, was der Fußball irgendwann bringt. Aber mein Fokus ist ganz klar auf Borussia Dortmund gerichtet, auf das Hier und Jetzt.

Wie geht er mit Spielern um? Hat er ein besonderes Gefühl für sie?
Er ist unglaublich akribisch in seiner Arbeit, feilt bis ins letzte Detail. Er weiß genau, wie er das Team stärker macht, wie er es uns seine Vorstellungen erklären muss. Wir alle können noch von ihm lernen. Er ist genau der richtige Mann für Borussia Dortmund.

War das vergangene Jahr für Sie ein verlorenes?
Das würde ich nicht sagen. Um zwei Schritte nach vorne gehen zu können, muss man auch mal einen nach hinten gemacht haben. Man kann sein Leben lang nicht stabil sein, sondern muss auch mal für schlechte Phasen gewappnet sein. So sind Lebenslinien, auch im Fußball. Probleme machen dich stärker.

Ihre erste Saison in Dortmund war gut, in der zweiten haben wir dann häufig geschrieben, dass Sie jetzt vor dem richtigen Durchbruch stünden. Wie zuversichtlich sind Sie, dass das die neue nun Ihre Saison werden könnte?
So etwas würde ich nie sagen. Ich würde nie mein langfristiges Ziel aus den Augen verlieren und vergessen, was ich auf dem Platz zu erledigen habe. Ich glaube schon, dass wir eine gute Saison spielen werden. Hinterher kann ich ja dann einschätzen, ob es meine beste Saison war oder nicht.

Autor: Andreas Berten

Mehr zum Thema

Wettbewerbe

Mannschaften

Rubriken

Kommentieren