Nach einer ernüchternden Saison wächst bei Borussia Dortmund die Zuversicht, dass die Mannschaft zu alter Stärke zurückfindet.

BVB

Watzke "will zurück in die Champions League"

dpa
22. Juli 2015, 13:37 Uhr
Foto: firo

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Nach einer ernüchternden Saison wächst bei Borussia Dortmund die Zuversicht, dass die Mannschaft zu alter Stärke zurückfindet.

Hans-Joachim Watzke geht zuversichtlich in die neue Saison. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht der Geschäftsführer von Borussia Dortmund über den Abschied von Jürgen Klopp, den Neuanfang mit Trainer Thomas Tuchel sowie die Konkurrenz aus München und Wolfsburg.

Es heißt, dass beim BVB nach dem Abschied von Jürgen Klopp eine neue Ära beginnt. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ob das eine neue Ära wird, sollte man am Anfang vielleicht etwas defensiver sehen. Ich würde lieber von einem Neuanfang sprechen.

Der Abschied von Klopp fiel schwer. Nun scheint die Abnabelung schneller gelungen zu sein als erwartet. Mit einem Mal steht Tuchel im Fokus. Täuscht dieser Eindruck?
Für Außenstehende mag das vielleicht überraschend sein. Ohne Medienschelte betreiben zu wollen, aber das wurde dramatisch überhöht. Der BVB ist immer größer als jeder Einzelne. Natürlich war Jürgen Klopp für uns elementar wichtig und ein Aushängeschild. Aber keiner von uns ist Borussia Dortmund.

[infobox-right]ZUR PERSON: Hans-Joachim Watzke (59) ist seit Februar 2005 Geschäftsführer von Borussia Dortmund. In Zusammenarbeit mit Vereinspräsident Reinhard Rauball bewahrte er den Revierclub kurz nach seinem Amtsantritt vor der Insolvenz und leitete eine Erfolgsära mit zwei Meistertiteln (2011 und 2012), dem Pokalsieg 2012 und dem Einzug in das Champions-League-Finale von 2013 ein. Der Vertrag des Diplom-Kaufmanns mit dem BVB läuft bis 31. Dezember 2019.[/infobox]

Tuchel betreut das Team nun seit knapp drei Wochen. Welchen ersten Eindruck haben Sie von seiner Arbeit gewonnen?
Er ist fachlich top, sehr akribisch und flexibel. Am allermeisten stören mich die permanenten Vergleiche zwischen ihm und Jürgen Klopp. Jeder Trainer hat eine andere Handschrift. Klopp war völlig anders als Hitzfeld. Genauso gut ist Tuchel ein anderer Typ als Klopp. Das ist auch gut so. Wir müssen aber deshalb den Fußball in Dortmund nicht wieder neu erfinden.

Befürchten Sie, dass Tuchel das schwere Klopp-Erbe zu sehr belastet? Das ist das, was mir an Tuchel besonders imponiert. Dass er das wusste und sich dem trotzdem gestellt hat. Wären wir in der vergangenen Saison Erster oder Zweiter geworden, wäre es für ihn noch schwieriger geworden.

Bei der Vorstellung von Tuchel vor wenigen Wochen wurde kein Saisonziel genannt. Wollten Sie ihm damit den Einstieg erleichtern?
Das haben wir mittlerweile nachgeholt. Es ist intern so kommuniziert und kann nun auch nach außen kommuniziert werden. Wir sehen uns als Herausforderer für die Top Vier und wollen zurück in die Champions League. Aber wir wissen, dass es schwierig wird.

Ist diese Zielsetzung wegen der großen Abstände der Borussia zu den Top-Teams in der vorigen Saison nicht zu ambitioniert?
Wenn man die 46 Punkte aus der vorigen Saison einfach durch zwei teilt ja. Aber wir machen eine andere Rechnung auf. In der Rückrunde haben wir mit 31 Punkten die Normalität wieder ein Stück weit zurückgeholt. Da bist du zumindest schon wieder in der richtigen Richtung unterwegs. Wir kommen nicht aus dem Niemandsland.

Müssen sich die Fans auf eine längere Zeit ohne Titel einstellen? Auf einer Etappe von zehn Jahren hat Borussia Dortmund fast immer Titel geholt und wird auch wieder welche holen. Aber jetzt haben wir andere Themen.

Viele Ihrer Bundesliga-Kollegen glauben, dass der BVB wieder zurück zu alter Schlagkraft findet. Schmeichelt Ihnen das?
Das schmeichelt mir nicht. Weil ich weiß, dass das bei den Allermeisten taktisch gemeint ist.

Sie haben unlängst behauptet, die Borussia sei weiter der zweite Leuchtturm des deutschen Fußballs. Besagt die Tabelle der vergangenen Saison nicht etwas anderes?
Dass wir angesichts von rund zehn Millionen BVB-Fans in Deutschland noch immer die zweitgrößte Strahlkraft in Deutschland haben, ist doch völlig unbestritten. Es gibt Vereine mit sportlichen Erfolgen, die weit weniger strahlen - ohne jetzt Namen nennen zu wollen.

Rein sportlich gesehen, ist der BVB die Rolle als Bayern-Jäger Nummer eins aber mittlerweile los ...
Wenn man das auf ein Jahr beschränkt, ist das sicherlich richtig. Aber man sollte bei diesen Themen immer einen längeren Zeitraum berücksichtigen. Dass Wolfsburg über mehr finanzielle Mittel verfügt, dass Klaus Allofs und Dieter Hecking ihre Arbeit sehr gut machen und uns dadurch ein Riesenkonkurrent erwachsen ist, darüber müssen wir nicht reden. Aber das hat nichts mit Strahlkraft zu tun.

Befürchten Sie nicht, dass Wolfsburg diese Rolle in den nächsten Jahren dauerhaft innehaben wird?
Das werden wir sehen. So viele Experten haben ja jahrelang erzählt, dass diese Rolle auf ewig für den BVB reserviert sein würde. Wir hingegen wussten immer, dass das nicht so ist. Im Fußball sind die Dinge eben immer im Fluss. Wir können uns nicht mit VW vergleichen, haben aber eine Menge zu bieten. Wir haben zehn Millionen Fans und bei jedem Spiel 81 000 Zuschauer, ergo den höchsten Schnitt in ganz Europa. Darauf kann man eine Menge aufbauen. Wir werden kreativ sein müssen.

Der Transfer von Arturo Vidal zu den Bayern steht kurz bevor. Nimmt die Dominanz der Bayern dadurch noch zu?
Ja. Arturo Vidal ist für mich einer der besten Spieler, die man für das Mittelfeld gewinnen kann. Er hat eine Kriegermentalität, die gepaart ist mit großer Fußball-Qualität. Das ist ein großartiger Transfer für die Bayern und tut ihnen definitiv gut.

Ist die Meisterfrage für Sie damit bereits geklärt?
Die Frage, wer in der kommenden Saison Meister wird, kann eingestellt werden. Mit den Bayern wird es zum ersten Mal einen Verein geben, der zum vierten Mal in Serie deutscher Meister wird. Und im übernächsten Jahr wahrscheinlich erstmalig zum fünften Mal.

Hat der BVB noch Pläne, den Kader zu verstärken.
Ich glaube, dass wir einen sehr guten Kader haben. Damit brauchen wir uns in der Bundesliga nicht zu verstecken. Das ist von wenigen Ausnahmen abgesehen die Mannschaft, die in der Champions League vor zwei Jahren noch den späteren Sieger Real Madrid geschlagen hat, die in der Bundesliga auf Rang zwei war. Es gab keinen großen Aderlass. Wer Spieler wie Hummels, Gündogan, Reus oder Aubameyang in seinen Reihen hat, kann so schlecht nicht aufgestellt sein.

Wie sehr schmerzt Sie der missratene Versuch mit dem inzwischen an Sevilla ausgeliehenen Torjäger Ciro Immobile?
Das ist das erste Mal bei uns, dass wir das Gefühl hatten, dass ein Transfer überhaupt nicht funktioniert hat. So etwas passiert allen einmal. Aber wir haben das ja jetzt gelöst.

Wird noch darüber nachgedacht, einen Ersatz zu verpflichten? Warum? Es gibt überhaupt keinen Automatismus. Wir haben zwei erstklassige Stürmer. Diese Sache mit drei Mittelstürmern hat sich als schwer gangbar erwiesen. Weil der Dritte permanent viel Selbstvertrauen verliert. Deshalb reichen zwei Mittelstürmer grundsätzlich.

Autor: dpa

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