Spätestens seit der Jahreshauptversammlung im vergangenen Herbst ist Finanzvorstand Wilken Engelbracht stadtweit bekannt.

VfL Bochum

"Brutal offen sein"

04. Juli 2015, 11:17 Uhr
Foto: firo

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Spätestens seit der Jahreshauptversammlung im vergangenen Herbst ist Finanzvorstand Wilken Engelbracht stadtweit bekannt.

Mit unbekannter Deutlichkeit zeigte er den VfL-Anhängern auf, wie prekär die Lage für Bochum ist. Ein Jahr ist er nun im Amt – Zeit für eine erste Bilanz, einen Ausblick auf die Saison und die Bundesliga. Im RS-Interview stand er Rede und Antwort.

Wilken Engelbracht, ein möglicher Wechsel von Michael Gregoritsch zum HSV wurde in manchen Medien als Zwangsmaßnahme dargestellt. Grund: Die fehlenden Einnahmen aus einem Transfer von Ilkay Gündogan. Muss der VfL Gregoritsch verkaufen, weil die Gündogan-Beteiligung im Etat eingeplant ist?
Nein. Das ist alles kompletter Blödsinn. Ein möglicher Wechsel von Michael Gregoritsch hängt nicht mit einem Transfer von Ilkay Gündogan zusammen. Auch im Etat dieser Spielzeit taucht kein Gündogan-Posten auf. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) erlaubt uns nur mit Geldern zu planen, die zum Zeitpunkt der Lizenzierung, also Ende März, sicher sind. Manche Kollegen von der Presse wollen oder können das nicht verstehen, aber all diese nicht planbaren Gelder sind in unserer Planung nicht enthalten. Ansonsten hätte die DFL dem VfL nicht die Lizenz ohne Bedingungen erteilt. Kurz gesagt: Es ist nicht ein Cent einer möglichen Gündogan-Beteiligung in unserer Budget- oder Kaderplanung eingerechnet.

Zusatzeinnahmen durch einen Gündogan-Transfer wären vermutlich gern gesehen gewesen…
Man hätte dann sicherlich überlegen können, ob man Teile des Geldes in die Mannschaft investiert. Das geht aber erst, wenn das Geld wirklich da ist – und das ist es nicht.

Möglicherweise für Thomas Eisfeld, dessen Zukunft weiterhin ungeklärt ist.
Grundsätzlich gilt: Wenn man mehr Geld zur Verfügung hat, als in der Planung vorgesehen war, hilft das bei vielen Dingen. Aber unabhängig davon sind im Falle von Thomas Eisfeld verschiedene Optionen denkbar, die nicht von Dingen wie einem Gündogan-Transfer abhängen. Auch im letzten Jahr ist es uns gelungen, den Spieler auf Leihbasis zu uns zu holen. Vielleicht haben wir auch dieses Jahr wieder gemeinsam kreative und umsetzbare Lösungsansätze.

Kann sich der VfL überhaupt Ablösesummen erlauben?
Wir werden in der aktuellen Transferperiode sicherlich andere Lösungen als die Zahlung von Ablösesummen suchen müssen.

Am vergangenen Mittwoch jährte sich Ihr Amtsantritt beim finanziell angeschlagenen VfL. Was haben Sie in einem Jahr an der Castroper Straße verändert, um wegzukommen vom Schulden-Image?
Es ist natürlich nicht die eine Maßnahme, die alles zum Positiven verändert. Dennoch kann man das Jahr an einer Zielsetzung messen, nämlich die Finanzierung der laufenden Saison stabil zu sichern. Dass wir die Lizenz ohne Bedingungen erhalten haben, zeigt, dass die ersten Schritte gelungen sind und die Planung stimmt. Wir sind deswegen auch aktuell nicht in der Situation, dass wir unter Druck irgendeinen Spieler verkaufen müssen. Wir entscheiden selbst, ob wir uns von einem Spieler trennen oder nicht. Generell haben wir diesen Handlungsfreiraum durch viele Maßnahmen und Einsparungen in diverseren Bereichen realisiert – insgesamt 1,5 Millionen Euro.

Dennoch bleibt ein Schuldenberg von rund sieben Millionen Euro.
Natürlich möchte man nicht nur Sicherheit im operativen Tagesgeschäft, sondern auch Stück für Stück den Abbau der Schulden. Das konnte aber nicht der Fokus des ersten Jahres sein. Dort mussten wir erst die finanzielle Sicherheit des laufenden Geschäfts und der Saisonplanung gewährleisten. Sicherlich wird der Schuldenabbau in den nächsten Monaten stärker in den Fokus rücken. Aber: In der 2. Bundesliga kann man sich im Normalfall leider nicht innerhalb von zwei Jahren entschulden. Das muss sukzessive über einen längeren Zeitraum erfolgen. Wichtig ist, dass man den Trend aus den letzten Jahren umgekehrt hat und keine neue Schulden mehr aufnimmt.

Sparen allein wird für Bochum allerdings auch nicht die Lösung sein können.
Absolut richtig. Im Kern muss es bei unseren Bemühungen immer um die Gewährleistung von attraktivem und erfolgreichem Fußball gehen. Und da haben wir mit dem Engagement von Gertjan Verbeek, der Gesamtvision einer zentralen Spielphilosophie in allen Mannschaften und der engen Anbindung von U19 und U17 an die Profis strategisch in diesem Jahr einen ganz großen Schritt nach vorne gemacht.

Wir wussten nicht, wie wir die Steuernachzahlung begleichen sollten
Wilken Engelbracht

Sie sind bekannt für klare Worte, nicht zuletzt seit der Jahreshauptversammlung im vergangenen Jahr. So deutlich wie niemals zuvor haben Sie der Öffentlichkeit verdeutlicht, wie prekär die finanzielle Lage des Vereins war. War dieser Schuss vor den Bug rückblickend notwendig?
Ja, ganz bestimmt. Es ist sicherlich eine Gratwanderung. Der ein oder andere Journalist nutzt die damalige Offenheit leider, um heute plakativ und überzogen irgendwelche schwarzmalerischen Bilder davon zu zeichnen, dass der VfL Gregoritsch aus wirtschaftlichen Gründen verkaufen muss. Es war von Anfang an der Anspruch von Christian Hochstätter und mir, offen und ehrlich mit den Fans und Mitgliedern zu sprechen. Wir waren neu im Verein und wollten die Chance nutzen. Spricht man bekannte Probleme erst nach ein, zwei Jahren an, fällt einem die nachträgliche Offenheit oftmals mitunter zu schwer.

Werden Sie in Zukunft auch die direkte Kommunikation ohne Umschweife pflegen, wenn es um Ihre Arbeit und Ergebnisse geht?
Die Offenheit des letzten Jahres ist gleichzeitig eine Bringschuld für die Verantwortlichen. Wir müssen auch bei den kommenden Jahreshauptversammlungen ehrlich sein und aufzeigen, wo sich der Verein verbessert, stabilisiert oder auch verschlechtert hat. Diese Erwartungshaltung dürfen die Fans haben. Gleiches gilt auch für unsere Partner. Ein offener Dialog mit Stadt und Sponsoren, um aufzuzeigen: Wir haben ein Ziel, es ist nicht leicht zu erreichen, aber wir wollen es gemeinsam schaffen.

Vertrauen in die Führungsetage gewinnt man im Fußball zuallererst über sportliche Erfolge. Was kann der VfL mit einem Spieleretat von angestrebten 8,1 Millionen Euro in einer starken zweiten Liga realistisch erreichen?
Fakt ist: Wir möchten jedes Spiel gewinnen. Unsere Mannschaft soll die Fans begeistern, soll offensiven und dominanten Fußball spielen und sich jedes Jahr Stück für Stück in der Tabelle verbessern. Was den Etat angeht, da befindet sich der VfL im gehobenen Mittelfeld der zweiten Liga. Natürlich macht eine Million Euro mehr oder weniger im Spieleretat in Liga zwei einen größeren Unterschied als in der Bundesliga. Wenn man ein gutes Händchen bei Verpflichtungen hat, ist das von Vorteil. Andererseits sieht man am Beispiel Darmstadt, dass nicht immer nur das Geld allein über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Deswegen kann der VfL auch mit dem Etat von 8,1 Millionen Euro sportlich eine gute Rolle spielen.

Wir entscheiden selbst, ob wir uns von einem Spieler trennen oder nicht
Wilken Engelbracht

Viele Baustellen, dass haben Sie deutlich gemacht, müssen beim VfL noch abgeschlossen werden. Die „einfachste“ Lösung wäre wohl der Aufstieg in die Bundesliga…
Der VfL kann auch in der zweiten Liga schuldenfrei werden und sein – es dauert nur deutlich länger. In der Bundesliga wäre das bei unserem derzeitigen Schuldenstand im Verein von ungefähr sieben Millionen Euro innerhalb von circa zwei Jahren möglich. Dass man auch in der zweiten Liga schuldenfrei sein kann, zeigen Braunschweig und Frankfurt, wobei Braunschweig sicherlich vom Bundesligajahr profitiert hat. Aber der FSV Frankfurt hat nie in der Bundesliga gespielt.

Nächster Halt Bundesliga – kann man es so simpel zusammenfassen?
Wenn wir die Logik verfolgen, uns jedes Jahr in der Tabelle zu verbessern, dann wird unser VfL Bochum rein mathematisch gesehen irgendwann wieder aufsteigen „müssen“ (schmunzelt). Das ist richtig.

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