Es gibt viele Fußballspiele, für die ein Normalsterblicher nur schwer Karten bekommt. Schalke gegen Dortmund beispielsweise, oder auch jedes Champions-League-Finale.

Fußball im Knast

RWE III spielt hinter Gittern

12. Juni 2015, 08:40 Uhr
Foto: Tim Müller

Foto: Tim Müller

Es gibt viele Fußballspiele, für die ein Normalsterblicher nur schwer Karten bekommt. Schalke gegen Dortmund beispielsweise, oder auch jedes Champions-League-Finale.

Am Mittwoch durfte RevierSport jedoch bei einem Spiel vor Ort sein, bei dem selbst die härtesten Groundhopper auf dem Schwarzmarkt leer ausgegangen wären. Die dritte Mannschaft von Rot-Weiss Essen, die seit der Abschaffung der Zweiten zwar eigentlich schon längst aufgerückt ist, aber nach wie vor den Schriftzug „Die Dritte“ auf den Trikots trägt, duellierte sich mit dem Team der JVA Gelsenkirchen.

„Mir ist mulmig“, gab Andreas Timm frei heraus zu, als er vor dem Tor stand, das die hohen Mauer der Haftanstalt teilt. Der 40-Jährige – lange Jahre Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft der Menschen mit geistiger Behinderung – ist ein durchaus prominenter Neuzugang für das Kreisliga-C-Team von RWE. Sein Debüt fand nun im Knast statt. Verständlich, da zittrige Knie zu bekommen. Obwohl dann doch alles halb so wild war. „Wer das Spiel gewinnt, darf nachher wieder raus“, scherzte Trainer Benjamin De Biasi und sorgte gleich für gelöste Stimmung. Er ist mit seinen Jungs in der Vergangenheit schon zweimal gegen die Gefängnis-Auswahl angetreten, beide Male allerdings in der Halle. Bei schönem Wetter ging es nun erstmals auf den großen Ascheplatz inmitten der Zellblöcke.

Sport ist mit das Beste, was man hier drin machen kann
Insasse "Micha"

So unterschiedlich die beiden Mannschaften auch waren, die dort hinter hohen Mauern und Stacheldraht aufeinandertrafen, so hatten sie doch auch etwas gemeinsam: Für beide spielt der soziale Aspekt des gemeinsamen Spiels eine deutlich höhere Rolle als der sportliche. „Das Ergebnis ist für uns zweitrangig. Ich will hier nur fairen und disziplinierten Fußball sehen“, erklärte Christian Kohlborn, der die Insassen der JVA trainiert und schon seit 15 Jahren gemeinsam mit seinem Kollegen Jörg Tuttaß die Sportabteilung des Gelsenkirchener Gefängnisses verantwortet.
In seinem Kader aufzutauchen, ist für jeden ein Privileg. Insgesamt gibt es drei Fußballgruppen, die sich unter der Woche treffen. Kohlborn entscheidet, wer für die Anstaltsmannschaft spielen darf. Und diese Entscheidung fällt nicht nur unter sportlichen Gesichtspunkten. Natürlich muss auch das Engagement und das Benehmen der Insassen stimmen, um einen Platz im Team zu bekommen. Kein Wunder, dass alle freundlich waren und das Spiel ohne grobe Fouls oder Nickligkeiten auskam. „Die sind untereinander sonst nicht die besten Freunde, aber hier beim Fußball gibt es nie Probleme“, berichtete Kohlborn.

Micha, ein junger Mann Mitte 30, der wegen Diebstahl einsitzt und die Knast-Elf als Kapitän auf den Platz führte, brachte es auf den Punkt: „Wenn du dich nicht benimmst, verlierst du deine Privilegien. Und Sport ist mit das Beste, was man hier drin machen kann.“ Das Spiel gegen RWE III war dementsprechend innerhalb der Mauern schon seit Wochen das Thema Nummer eins – und wird es wohl auch noch für einige Wochen sein.

Dieses Spiel war eine Belohnung für die Jungs
Jörg Tuttaß

Für alle Insassen, die nicht mitspielen durften, aber immerhin eine Zelle mit Blick auf den Innenhof bewohnen, war die Partie eine willkommene Abwechslung vom Alltag. Auf der linken Seite feuerten die männlichen Gefangenen ihre Kollegen an und bejubelten Tore, auf der anderen Seite gab es den einen oder anderen Spruch aus dem Zellblock der Frauen zu hören. Insgesamt sitzen etwa 250 Frauen und etwa 500 Männer in der JVA Gelsenkirchen ein. Dass darunter auch einige richtig gute Fußballer sind, war am Mittwoch deutlich zu sehen. Teilweise zeigten die Gefangenen sehr ansehnliche Kombinationen, Doppelpässe und Übersteiger. Die Überlegenheit spiegelte sich auch im Ergebnis wider. Die Gastgeber gewannen 6:1 (3:1) gegen die rot-weissen Jungs von De Biasi.

„Dieses Spiel war eine Belohnung für die Jungs“, sagte Tuttaß nachher. Denn allzu häufig kommt es nicht vor, dass die Insassen eine Mannschaft „von draußen“ auf dem großen Platz herausfordern dürfen. „In diesem Jahr war es erst das dritte Spiel“, verriet Tuttaß. Zuletzt war die Berufsfeuerwehr zu Gast. In der Halle ist da schon mehr los. Das Schalker Fanprojekt kam etwa für ein Hallenturnier vorbei und spendete die T-Shirts, die beim Spiel gegen RWE als Trikots dienten.

Obwohl die deutliche Niederlage De Biasi etwas auf die Stimmung drückte, durften er und seine Jungs sich am Ende des Tages noch freuen. Denn im Gegensatz zu den Gewinnern des Spiels, konnten sie dann doch wieder nach Hause.

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