Er war der Bundestrainer nach Helmut Schön, dem Mann mit der Mütze, und vor Franz Beckenbauer, dem Kaiser. Eingeklemmt zwischen diesen Legenden wurden Jupp Derwalls Verdienste als Nationaltrainer oft unter Wert beurteilt: Europameister 1980, Vize-Weltmeister 1982 und eine bis heute unerreichte Erfolgsserie von 23 aufeinander folgenden Länderspielen ohne Niederlage. Aber der stets um Ausgleich bemühte Rheinländer war auch der erste deutsche Nationaltrainer, der freiwillig aus dem Amt schied:

Jupp Derwall (*1927 - †2007) – Ein Nachruf

„Ich hätte mehr auf ihn zugehen müssen“

Ralf Piorr
27. Juni 2007, 17:13 Uhr

Er war der Bundestrainer nach Helmut Schön, dem Mann mit der Mütze, und vor Franz Beckenbauer, dem Kaiser. Eingeklemmt zwischen diesen Legenden wurden Jupp Derwalls Verdienste als Nationaltrainer oft unter Wert beurteilt: Europameister 1980, Vize-Weltmeister 1982 und eine bis heute unerreichte Erfolgsserie von 23 aufeinander folgenden Länderspielen ohne Niederlage. Aber der stets um Ausgleich bemühte Rheinländer war auch der erste deutsche Nationaltrainer, der freiwillig aus dem Amt schied:

Nach dem Vorrundenaus bei der EM 1984 kapitulierte er vor der geballten Wucht medialer Kritik, die auf ihn einprasselte. Eigene Versäumnisse räumte Jupp Derwall vor allem im Fall des Jahrhundert-Talents Bernd Schuster ein, der seine kurze Länderspielkarriere in seiner Ära absolvierte und 1984 mit nur 24 Jahren aus der Nationalelf zurücktrat: „Ich hätte mehr auf ihn zugehen müssen“, sagte Derwall später.

„Häuptling Silberlocke“, wie er von der Boulevardpresse ironisch tituliert wurde, ging ins Exil. 1984 übernahm er den Trainerposten bei Galatasaray Istanbul, damals noch abseits des bundesdeutschen Medieninteresses, und wurde am Bosporus zum Volkshelden: Zwei Meistertitel und ein Pokalsieg führten dazu, dass ihm der Club einen Vertrag auf Lebenszeit anbot, was der Rheinländer jedoch abschlug. Mit dem Ehrendoktortitel der Universität Ankara kehrte Derwall 1989 nach Deutschland zurück. Sein hohes Ansehen in der Türkei ist bis heute spürbar: In den Internetforen finden sich weit mehr Trauerbekundungen „türkischer“ Herkunft als deutsche. „Jupp Derwall hatte in den 1970er- und 1980er-Jahren einen wesentlichen Anteil an den großen Erfolgen der deutschen Nationalmannschaft. Seine fachliche Kompetenz war immer unbestritten. Der DFB und der deutsche Fußball verlieren in ihm einen herausragenden Trainer, der in seiner Zeit eine hohe internationale Anerkennung hatte“, heißt es in der Kondolenzbekundung von DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Noch vor wenigen Wochen verabredete Jupp Derwall, der sich ansonsten eher aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, ein Interview mit dem RevierSport. Es sollte um seine Fußballertage in der alten Oberliga West gehen, zu deren herausragenden Persönlichkeiten er als Mittelstürmer gehörte: 242 Spiele und 96 Tore für Rhenania Würselen, Alemannia Aachen und Fortuna Düsseldorf sprechen für sich. „Es ist mir eine Verpflichtung gegenüber den großartigen Fußballern der alten Oberliga-Tage, mit und gegen die ich spielen durfte“, begründete er als Mann alter Schule seine Bereitschaft zur Mitarbeit.

Noch gut konnte er sich an sein erstes Spiel in der Oberliga West 1948 erinnern: „Damals ist für mich aus dem kleinen Würselen ein Traum in Erfüllung gegangen. Wir spielten ausgerechnet in Schalke, und ich stand als Mittelstürmer Ötte Tibulski gegenüber, dem legendären Vorstopper.“ Derwall machte zwei Tore, und der krasse Außenseiter Rhenania Würselen gewann in der Glückauf-Kampfbahn mit 3:2.

Zu dem Gespräch kam es leider nicht mehr. Wenige Tage vor dem Treffen wurde Jupp Derwall ins Krankenhaus eingeliefert und verstarb am letzten Dienstag nach einer kurzen, schweren Krankheit. Noch im März des Jahres hatte er in aller Stille seinen 80. Geburtstag gefeiert und gegenüber der Presse erklärt: „Ich bin mit mir im Reinen.“

Autor: Ralf Piorr

Kommentieren