Vier Stunden dauerte die außerordentliche Mitglieder-Versammlung, bei der rund 300 Freunde und Fans der

WATTENSCHEID: Gläubiger-Verzicht / 350.000 Euro in 14 Tagen

"...dann kann der Verein im Original weiterexistieren"

Thomas Tartemann
14. Juni 2007, 11:45 Uhr

Vier Stunden dauerte die außerordentliche Mitglieder-Versammlung, bei der rund 300 Freunde und Fans der "Wattenscheid-Familie" anwesend waren. Die mit 1,224 Millionen Euro verschuldete Sportgemeinschaft ist zwar nach Einschätzung von Präsident Prof. Dr. Rüdiger Knaup "eigentlich mausetot", aber trotzdem gibt es Wege, aus der wirtschaftlichen Zwangsjacke herauszuschlüpfen. Im Gespräch mit RevierSport erklärt der hauptberufliche Jurist, wie es zur angespannten Lage kam, wie sie gelöst werden kann, wohin die Altintop-Gelder wirklich flossen und warum er nach zehn Jahren als Club-Chef seinen Stuhl räumen will.

[b]Prof. Dr. Knaup, waren Sie überrascht, dass die Versammlung bis auf wenige emotional geleitete Ausnahmen in weitgehend sachlichen Bahnen verlief?[/b]

Ich war schon etwas überrascht, zumal es im Vorfeld verschiedene Strömungen und sogar Abspaltungs-Tendenzen gab.
[b] Sie sprechen auf die Frauen-Abteilung an... [/b]
Die Versammlung hat mit überwältigender Mehrheit eine Neugründung der Frauen-Bundesliga-Truppe abgelehnt. Es ist für uns unheimlich wichtig, sicherzustellen, dass die Truppe von Trainerin Tanja Schulte in der Bundesliga spielen kann.
[b]Was passiert, wenn die drohende Insolvenz der SG 09 nicht abgewendet werden kann?[/b]

Es gibt einen Drei-Stufen-Plan. Punkt eins: Die Bildung der Abteilung Breitensport. Punkt zwei: Die Ausgliederung der Abteilung Fußball, wenn bis zum 26. Juni die benötigten Gelder in Höhe von 350.000 Euro nicht zusammenkommen. Punkt drei: Die Freigabe zur Ausgründung für die Frauen, wenn die Entwicklung so problematisch werden sollte, dass keine Alternative mehr bleibt.

[b]Sie haben vor der Versammlung mit den Groß-Gläubigern lange gesprochen.[/b]

Sie haben Bereitschaft signalisiert, auf über 90 Prozent ihrer Forderungen zu verzichten. Damit sind wir schon Mal ein ganzes Stück von den 1,244 Millionen Euro runter. Es kann nur bei einem nachhaltigen Verzicht funktionieren. Die Maßgabe lautet aber auf der anderen Seite auch, dass sich der aktuelle Vorstand substanziell beteiligt.

[b]In Zahlen?[/b]

Die werde ich hier nicht nennen. Wir zahlen Betrag X in den gemeinsamen Topf.
[b]Was ist mit den ausstehenden Gehältern der Mannschaft?[/b]

Bis Ende Juni stehen fünf Monats-Zahlungen aus. Das Team muss auf zwei Gehälter verzichten, drei werden überwiesen.
[b]Was passiert, wenn es nicht gelingt, die Summe von 350.000 Euro binnen 14 Tagen aufzubringen?[/b]

Es ist schwer, diesen Betrag zu beschaffen, aber ich halte es nicht für unmöglich. Konkrete Zusagen reichen uns bereits, wenn das klappt, kann der Verein im Original weiterexistieren. Tragend bei der ganzen Sache ist die Überlegung, dass im Vereinslied die Passage vorkommt, Wattenscheid darf nicht untergehen. Dafür müssen wir einen entsprechenden Weg finden.
[b]Wenn der Negativ-Fall, also die Insolvenz, eintritt, gibt es den Verein nicht mehr, oder?[/b]

Wir haben einen Blick ins Vereinsregister geworfen, dort ist die SG 09 Wattenscheid eingetragen. Wir haben im März vorsorglich einen neuen Verein gegründet - und zwar die SG Wattenscheid 09. Sie unterhalten sich also gerade mit einem Gründungsmitglied. In der Satzung steht: Die Vereinsfarben sind schwarz-weiß. Der Spielbetrieb findet unter der Beibehaltung der sportlich erreichten Klasse statt. Das heißt also, der neue Club müsste nicht ganz unten neu starten, sondern könnte da weitermachen, wo der alte Verein aufgehört hat. Trotzdem ist es unser Bestreben und Wunsch, mit der uns bekannten SG 09 weiterzumachen und das Bestehen fortzuführen.
[b]Für viele Außenstehende ist schwer erklärbar, wie es zu der Schulden-Anhäufung kam.[/b]

Wir sind nach dem Zweitliga-Abstieg 1999 drei Mal Vierter in der Regionalliga geworden, 2003 waren wir bis kurz vor dem Ende Spitzenreiter. Die Lizenz für Liga zwei hätten wir seinerzeit ohne Bedingungen und Auflagen erhalten. 2004 sind wir überraschend abgestiegen, haben durch einen Kraftakt den sofortigen Wiederaufstieg geschafft. Zum 30. Juni 2006 betrug das Minus 857.000 Euro. Die Situation wurde in dieser Saison umso schlimmer, weil Zusagen zum Teil nicht eingehalten wurden und andere Sponsoring-Beträge nicht erzielbar waren. Im März haben wir massive Probleme bekommen.

[b]Blicken wir noch ein Mal etwas zurück: Was ist mit dem Transfer-Erlös für Halil und Hamit Altintop passiert? [/b]

Auch das habe ich den Mitgliedern anhand einer Grafik verdeutlicht. Wir haben insgesamt 2,75 Millionen Euro aus Schalke und Kaiserslautern für die Zwillinge erhalten. Davon sind 1,4 Millionen Euro binnen weniger Tage weggewesen. Eine alte Bürgschaft von Klaus Steilmann aus dem Jahr 1984 wurde mit 312.000 Euro abgelöst, dazu gingen 1,08 Millionen Euro direkt an Herrn Steilmann.
[b] Und der Rest der Summe? [/b]
Wurde dafür benötigt, die kommenden Spielzeiten mitzufinanzieren. Dabei muss man sagen, wir hatten sogar Glück, da eine Menge Beträge, die aus Schalke und Lautern für eine bestimmte Anzahl von Spielen nachflossen, erfolgsabhängig waren. Sonst hätte es schon viel eher Deckungslücken geben können.
[b]Wäre der Schuldenberg vermeidbar gewesen?[/b]

Wir haben deswegen Verbindlichkeiten angehäuft, weil wir die Notwendigkeit gesehen haben, den Verein in der Regionalliga zu etablieren. Stichwort: Fernseh-Geld. Es mussten Risiken eingegangen werden. Das Fatale im Sport ist nun Mal: Sie realisieren sich schneller als im Geschäftsleben. Du bist abhängig davon, ob der Ball an den Pfosten tickt oder über die Linie rollt. Bei uns ist er zu oft gegen den Pfosten geflogen. Die Alternative nach dem ersten Drittliga-Abstieg hätte Oberliga geheißen. Das wäre ein, zwei, drei Jahre gutgegangen. Aber sportlich wären wir auch nicht woanders als heute.
[b] Machen Sie in Zukunft weiter?[/b]

Nach zehn Jahren bei der SG 09 ist es Zeit für eine Veränderung. Wenn das Notwendige abgewickelt ist, stehe ich nicht mehr zur Verfügung. Es muss frisches Blut rein, neue Leute sollen ans Ruder. Es gibt Personen, die sich dafür interessieren. Ich helfe gerne beim Einstieg, bei Vorbereitungen. Dann ist meine Pflicht getan. Ich bin das einfach meiner Familie und meinem Beruf schuldig, bei den schlanken Vereins-Strukturen kann man eben wenig delegieren, muss viel Zeit investieren. Irgendwann ist das Limit erreicht.

Autor: Thomas Tartemann

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