Normalerweise verläuft der Alltag in den Hallen der Handball-Bundesliga zwischen Flensburg und Gummersbach für den Journalisten Erik Eggers eher beschaulich. Die Medienpräsenz hält sich in Grenzen, und Eggers, der u.a. für die Handballwoche, Spiegel Online, die Financial Times Deutschland und die Frankfurter Rundschau schreibt, kennt sich mit den lokalen Gegebenheiten bestens aus. Aber das, was sich bei der WM 2007 abspielte, überraschte sogar den routinierten Kollegen.

Handball-Experte Erik Eggers im Interview

Die Wucht von den Rängen

15. Februar 2007, 17:15 Uhr

Normalerweise verläuft der Alltag in den Hallen der Handball-Bundesliga zwischen Flensburg und Gummersbach für den Journalisten Erik Eggers eher beschaulich. Die Medienpräsenz hält sich in Grenzen, und Eggers, der u.a. für die Handballwoche, Spiegel Online, die Financial Times Deutschland und die Frankfurter Rundschau schreibt, kennt sich mit den lokalen Gegebenheiten bestens aus. Aber das, was sich bei der WM 2007 abspielte, überraschte sogar den routinierten Kollegen.

Erik Eggers, hätten Sie vor der WM daran geglaubt, dass die deutsche Mannschaft den Titel gewinnen könnte?

Nein, das habe ich für unmöglich gehalten und die schlimme Vorrunde bestätigte nur meine anfängliche Skepsis. Die Niederlage gegen Polen war schon ein ziemlicher Einbruch, und ich hatte Befürchtungen, ob die Mannschaft überhaupt ins Viertelfinale kommen würde.

Wodurch kam die offensichtliche Wende zustande?

Der entscheidende Impuls kam mit dem Comeback von Christian Schwarzer, der zwar gegen Polen schon im Kader war, aber zu diesem Zeitpunkt noch keinen Einfluss auf die Mannschaft nehmen konnte. Schwarzer stellte sich nach der Niederlage vor die Mannschaft und sagte: „Hört zu Leute! Wir haben schon mal ein Vorrundenspiel verloren und ihr wisst, was daraus geworden ist.“ Er spielte damit auf die EM 2004 in Slowenien an, wo das Team quasi schon ausgeschieden war, dann aber doch noch Europameister wurde. Schwarzer hat mit seiner Aura und seiner Leidenschaft der Truppe wieder Leben eingehaucht. Danach kam der sportliche Urknall im Spiel gegen Slowenien. Die Mannschaft zeigte eindrucksvoll, dass sie in der Lage war, die Begeisterung auch in positive Energie umzumünzen.

Hat die Unterstützung der Zuschauer dabei geholfen?

Die Wucht, die von draußen kam, hat es in dieser Form vorher noch nicht gegeben. Die Spieler hatten anfangs Schwierigkeiten, ihr Spiel angesichts des Drucks von den Rängen cool durchzuziehen. Diese Begeisterung mag in Ansätzen für Kiel oder Flensburg normal sein, aber für die Nationalmannschaft war es schon eine ungewöhnliche Sache, wie fanatisch die Massen hinter der Mannschaft standen. Irgendwann schaute die ganze Nation auf die Spieler, und in den Hallen gab es diese ungeheure
Lautstärke, die manchmal den Lärmpegel eines Düsenjets erreichte. Darauf mussten sich die Spieler erst einstellen.

Im Fernsehen konnte man gerade bei den Auszeiten erkennen, dass nicht nur Heiner Brand die Systeme angab, sondern auch Spieler wie Christian Schwarzer oder Markus Baur das Wort ergriffen.

Das ist ein Kennzeichen dafür, dass die Mannschaft gut funktioniert. In dem Moment, wo das Gefüge stimmt und routinierte Leitwölfe wie Schwarzer, Baur oder Kehrmann die Systeme selbst ansagen, sieht Brand das Idealbild seiner Mannschaft erreicht. Das ist das Ziel, worauf er hinarbeitet.

Sucht Brand den emanzipierten Mannschaftsspieler?

Genau. Es gibt eine Hierarchie von drei, vier Führungsspielern, die von den anderen aufgrund ihrer Erfahrungen und Leistungen akzeptiert sind und dann auch die Systeme ansagen. Schließlich kennen sie alle die Gegner, die ja keine unbekannten waren. Als ich diese Aufteilung von Trainer und Leitwölfen das erste Mal in der Hauptrunde gesehen habe, keimte bei mir die Hoffnung auf, dass es doch funktionieren könnte. Vorher hat genau das gefehlt. Da ist Brand an der Seitenlinie über die Spielweise der Mannschaft extrem wütend geworden. Wenn er später wie ein Rumpelstilzchen herumsprang, dann ging es immer um Schiedsrichterentscheidungen, aber mit dem Spiel seiner Mannschaft war er ab der Hauptrunde grundsätzlich einverstanden. Es funktionierte wie bei der „Goldenen Generation“ von 2002 bis 2004 mit Spielern wie Stefan Kretzschmar und Daniel Stephan und auch schon mit Henning Fritz und Christian Schwarzer.
Heiner Brand arbeitet also eher daran, sich als Trainer unsichtbar zu machen, oder?

Nicht unsichtbar, aber wenn es läuft, greift er am liebsten selbst nicht mehr ein. Torsten Jansen, der in der Abwehr eine überragende Leistung hingelegt hat, bezeichnete Brand als Prototyp eines liberalen Trainers. Er traut seinen Spielern eben etwas zu. Die grundsätzlichen taktischen Marschrichtungen werden vorgegeben, aber die kleinen Probleme auf dem Feld, da kann der Trainer nicht eingreifen, sondern die müssen die Spieler selbst lösen. Und Brand vermittelt ihnen diese Kompetenz und das Vertrauen. Deswegen schätzen ihn die Spieler, und die Sache mit den angeklebten Bärten nach dem WM-Triumph war eine wunderbare Hommage an ihn.

Der französische Trainer Claude Onesta sprach nach dem Aus im Halbfinale von einer „deutschen Mafia“. Er kritisierte damit die Schiedsrichterleistungen. Gab es wirklich „Heimschiedsrichter“?

Natürlich gab es Situationen, in denen die Schiedsrichter dem Druck der Halle nicht mehr gewachsen waren. Das muss man ganz klar feststellen. Aber mit Sicherheit sind die Unparteiischen nicht manipuliert worden oder welche Verschwörungstheorien Onesta da unterstellen mag. Grundsätzlich profitierten alle Mannschaften, die in der Vergangenheit ein Heim-Turnier gewonnen haben, vom Publikum und von fragwürdigen Schiedsrichterentscheidungen. 2002 in Schweden wurde im Finale Schweden – Deutschland den Deutschen sechs Sekunden vor Schluss eine schnelle Mitte abgepfiffen, was damals in der deutschen Öffentlichkeit als Skandal galt. Das Tor von Kehrmann hätte den Titel bedeutet, aber so kam es zur Verlängerung und zur anschließenden Niederlage. 2001 half den Franzosen bei der Heimweltmeisterschaft ein fragwürdiger Pfiff im Viertelfinale gegen Deutschland zum Weiterkommen. Diese Entscheidungen zugunsten der Heimmannschaften gab es also in der Geschichte der großen Turniere immer. Viele internationale Beobachter haben nach diesem Turnier festgestellt, dass es weniger Heimentscheidungen gab als bei den Turnieren zuvor. Natürlich bleibt so eine Szene Sekunden vor Schluss wie im Halbfinal-Drama gegen Frankreich, als den Franzosen ein Tor aberkannt wurde, im Gedächtnis.

Die WM hat eine ungeheure Resonanz erzeugt. Wird der Handball einen neuen Boom erleben?

Ich habe keine Ahnung. Man wird erst in einiger Zeit sehen können, ob sich zum Beispiel in der Medienberichterstattung etwas dauerhaft verändert hat. Vielleicht entwickeln sich Spieler wie Pascal Hens oder Mimi Kraus wirklich zu publikumswirksamen Stars, die nicht mehr ihr Dasein in einer Randsportart fristen müssen. Ich habe es auf dem Empfang in dem kleinen oberbergischen Städtchen Wiehl selbst erlebt, dass Dominik Klein, den vor der WM niemand kannte, vor einer Horde Teenagern flüchten musste. Das Ganze hatte eher den Charakter eines Popkonzerts als eines offiziellen Empfangs.

Sind Handballer volksnaher?

Absolut. Die Zuschauer merken, dass das einfache nette Typen von nebenan sind, Leute wie du und ich, während Fußballer eher in anderen Sphären zu schweben scheinen. In der Bundesliga sind die Profis nach dem Spiel auch „fassbar“. Die Zuschauer rennen nach dem Abpfiff aufs Spielfeld, feiern mit ihren Helden den Sieg oder betrauern die Niederlage. Sie holen sich Autogramme und können mit den Handballern reden. Beim Fußball wäre diese Nähe nicht denkbar.
Heiner Brand fordert, dass in der Bundesliga mehr Spieler mit einem deutschen Pass zum Einsatz kommen sollen. Die Vereine wehren sich gegen diese „Deutschen-Quote“. Sind die Forderungen des Bundestrainers berechtigt?

Das kann man so oder so sehen. Ein zentrales Argument der Ligaverantwortlichen lautet: Vor dem Bosman- Urteil gab es in der Bundesliga die Beschränkung, dass nur ein Ausländer pro Mannschaft spielen durfte. Zu dieser Zeit war die Nationalmannschaft zweit- oder sogar nur drittklassig. Nun öffnete sich 1995 der Markt für die ausländischen Stars, und es dauerte nur eine kurze Zeit, bis die Nationalmannschaft international wieder auf höchstem Niveau mitspielen konnte. Diese Erfahrung spricht gegen die Einschätzungen Brands. Auf der anderen Seite hat er Recht, wenn er mehr Spielpraxis für die jungen deutschen Nationalspieler fordert. Es ist ein Grundkonflikt, der noch nicht gelöst ist.

Das Team trug Trainingsshirts mit der Aufschrift „Projekt Gold“. Ist da der Klinsmannsche Gedanke des positiven Denkens übernommen worden?

Das ist eine Sache, die die Handballer schon lange vor Klinsmann verinnerlicht haben: Dass man sich extrem hohe Ziele setzen muss, um Grenzen jenseits der normalen persönlichen Leistungsfähigkeit zu erreichen. Ob das immer klappt, sei dahingestellt.

Die deutsche Bundesliga ist neben der spanischen Liga dominierend im europäischen Handball…

Von den Startformationen aller vier Halbfinalisten spielten 22 von 28 Spielern in der Bundesliga! Auch im Europapokal wird diese Dominanz deutlich: Im Viertelfinale der Handball Champions League stehen vier Mannschaften aus Spanien, drei aus Deutschland und eine aus Ungarn. Wer also internationale Klasse sehen will, der schaut sich Handball in der deutschen Provinz an: in Lemgo, Kiel oder Göppingen.

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