Hans Tilkowski, der beste deutsche Torhüter der 1960er Jahre, ließ sich lange bitten lassen, bis er seine Autobiografie veröffentlichte. Erst die Hartnäckigkeit seiner Familie brachte ihn dazu, seine Erinnerungen niederzuschreiben. Dabei ist beim Lesen des Buches schnell zu merken, dass er viel mehr ist als „nur“ der Torhüter, der das Wembley-Tor kassierte.

Hans Tilkowski im Interview

„Ich würde nichts anders machen"

14. Februar 2007, 00:27 Uhr

Hans Tilkowski, der beste deutsche Torhüter der 1960er Jahre, ließ sich lange bitten lassen, bis er seine Autobiografie veröffentlichte. Erst die Hartnäckigkeit seiner Familie brachte ihn dazu, seine Erinnerungen niederzuschreiben. Dabei ist beim Lesen des Buches schnell zu merken, dass er viel mehr ist als „nur“ der Torhüter, der das Wembley-Tor kassierte.

Herr Tilkowski, wenn Sie heute auf sich selbst als Jugendlichen sechzig Jahre zurücksehen, können sie sich noch an die Träume erinnern, die sie damals bewegten?

Das war praktisch Kriegsende. Ich war gerade zehn Jahre alt und für mich stand Sport ganz oben. Der „Kohlenpott“ und gerade Dortmund lagen noch in Trümmern, der Wiederaufbau begann und wir waren mit vielen Jungens in einer Clique zusammen und haben in jeder freien Minute gepöhlt. Fußball war für uns alles.
Was gab es auch sonst? An eine Fußballer-Karriere habe ich natürlich noch nicht gedacht, aber ich war schon als Kind ehrgeizig und wollte möglichst weit kommen. In jungen Jahren habe ich mich auch als Boxer versucht. Samstags schnürte ich die Boxhandschuh, Sonntags die Fußballschuhe.

Hat das Boxen ihnen etwas beigebracht, was sie auch als Fußballer gebrauchen konnten?

Sehr viel. Selbstdisziplin und vor allem sich zu verteidigen, sich eine gute Taktik auszudenken und die konsequent umzusetzen. Ich habe mich oft mit den Gebrüdern Johannpeter unterhalten, die in den Fünfzigern eine Sensation waren. Sieben Brüder aus Hamm boxten – und das sehr erfolgreich. Sie kamen aus ganz ärmlichen Verhältnissen und ich glaube, nur wenn man aus diesen Verhältnissen kommt, muss man sich wehren. Das Boxen hat für mich viel gebracht.
Sie sind schon früh in ihrer Karriere als „Kind des Ruhrgebiets“ bezeichnet worden. Stammen sie aus einer klassischen Bergarbeiterfamilie?

Ja, mein Vater war Bergmann auf der Zeche Scharnhorst und mein Geburtsort Husen war natürlich ganz und gar vom Bergbau geprägt. Ich habe aber eine Schlosserlehre angefangen. Als ich dann merkte, dass meine Kameraden als Lehrlinge im Pütt schon 80 Mark verdienten, während ich gerade 25 Mark bekam, wollte ich in den Bergbau wechseln. Aber meine Mutter hat das verhindert. Mein Vater war 1938 mehrere Tage unter Erde verschüttet, und meine Mutter hatte große Ängste ausgestanden, so wollte sie nicht, dass ich Bergmann werde. Aber hier ist meine Heimat. Ich kenne das Ruhrgebiet, denn gerade in den Jahren Oberliga West sind wir überall herum gekommen. Ich mag die Menschen, sie sind offen, ehrlich, aber verlangen das gleiche auf von ihrem gegenüber. Letztlich bin ich ein Stück des Ruhrgebiets und mache auch keinen Hehl daraus.

Heute wird für die Oberliga West oft das Wort „legendär“ benutzt, aber damals war es nur normaler Fußball-Alltag, oder?

Na sicher, da findet heute eine Verklärung statt. Wir haben genauso gegurkt. Heute wird schlecht gespielt, früher wurde schlecht gespielt. Aber man muss sehen, unter welchen Umständen wir damals gekickt haben. Wenn heute geklagt wird, dass der Rasen nicht ganz glatt ist, haben wir früher bei Wind und Wetter auf einem Ackern gespielt. Der Boden war hart, die von meiner Mutter selbst gestrickten Torwarthandschuhe eingefroren und der Ball eine schwere Bleikugel. Fußball war noch nicht das Geschäft. Die Spieler kamen noch aus dem lokalen Umfeld und waren untereinander befreundet. Nach dem Spiel wurde gemeinsam gegessen und getrunken, obwohl wir uns vorher 90 Minuten behackt hatten. Die Nähe der Ortschaften schaffte natürlich auch Rivalitäten, aber das gehörte dazu.

Heute sind viele Profis Millionäre und Fußball ein kulturelles Massenphänomen. Beneiden sie ihre Nachfolger?

Nein. Ich habe Verständnis dafür, dass Spieler Geld verdienen wollen. Kein Spieler meiner Generation würde, wenn er heute spielen könnte, darauf verzichten. Warum auch. Aber ich bin zufrieden mit meiner Karriere: Vom kleinen Straßenfußballer, über den Amateurverein in die höchste Spielklasse und schließlich zur Nationalmannschaft und in ein WM-Finale. Da bin ich stolz drauf und dankbar dafür, dass ich das ohne große Verletzung überstanden habe. Aber natürlich ist das heute eine andere Welt. Wenn ich an meine Anfangszeit in der Oberliga denke. Ich habe in der ersten Zeit auch noch zu Hause gewohnt. Musste um zehn vor vier aufstehen, damit ich um fünf Uhr meinen Zug nach Herne bekam. In der Ausbildungszeit musste ich bei „Schrauben-Dorn“ um sechs Uhr anfangen, habe bis zwei Uhr gearbeitet und danach sofort Trainingsschichten mit meinem Trainer Fritz Langner eingelegt und danach noch einmal das ganze Mannschaftstraining mitgemacht. Fünf gegen Fünf über den Platz. Heute würden die Fußball-Diven bei einer Autorität wie Langner, genannt der „Eiserne Fritz“, eine Meuterei anzetteln.

Sie sind für Westfalia Herne bereits 1957 Nationalspieler geworden. Fünf Jahre später sollte die WM 1962 ein Karrierehöhepunkt ihrer werden, stattdessen kam es zu ihrem Rücktritt. Was war passiert?

Sie müssen das ganze Umfeld von damals sehen. Bereits 1958 hatte Herberger zu mir gesagt: „Til, Sie sind jung und ihre WM kommt in vier Jahren.“ Ich hatte alle Qualifikationsspiele mitgemacht und gute Kritiken bekommen. Es gab eigentlich im Vorfeld der WM in Chile keine Torwartdiskussion, obwohl Herberger angesichts des anstehenden Generationswechsels manchmal verunsichert wirkte. Er versuchte ja, noch einige „Helden von Bern“ zum Comeback zu überreden. Fritz Walter und Helmut Rahn winkten ab, der Kölner Hans Schäfer kam noch einmal zurück. Ich war mir meiner Position als Nr. 1 sicher, aber als Helmut Schön mich am Vorabend des ersten WM-Spiels gegen Italien zum „Chef“ holte, wusste ich schon, dass er nicht mit mir Kaffeetrinken oder Tango tanzen wollte. Herberger sagte mir, dass Wolfgang Fahrian, der im letzten Vorbereitungsspiel vor der WM erst in der Nationalmannschaft debütiert hatte, im Tor stehen würde. Und damit war ich dann ganz und gar nicht einverstanden. Ich wollte sofort abreisen, was ich aber nicht durfte. Als ich in mein Quartier zurückkam, trete ich eben vollkommen verärgert diesen legendären Stuhl quer durch den Raum. In der Presse hieß es dann, der randalierende Tilkowski hätte das Mobiliar zerlegt.

Ist in diesem Moment der westfälische Sturkopf in ihnen durchgegangen?

Ich habe Herberger mit seinen eigenen Sätzen konfrontiert, die er uns immer beigebracht hat. Später ist er dann auf mich zugekommen. Ich hatte immer das Gefühl, er wollte die Sache zwischen uns bereinigen, bevor er seinen Posten abgab. Wäre ich ein reiner Sturkopf, hätte ich an meinem Rücktritt festgehalten und kein einziges Länderspiel mehr gemacht. Aber so war es ja nicht.

Kommen wir zum unvermeidlichen Thema „Wembley 1966“. Hat sie das Tor eigentlich berühmter gemacht, als wenn sie Weltmeister geworden wären?

Also, ich wäre lieber Weltmeister geworden. Aber „Wembley-Tor“ und „Tilkowski“ sind sicher zwei Begriffe, die untrennbar zusammengehören und zur Fußball-Legende geworden sind. Aber darüber hinaus hat die ganze Elf damals gerade in der unglücklichen Niederlage großes geleistet, denn schließlich waren sowohl das dritte als auch das vierte Tor irregulär. Schiedsrichter Gottfried Dienst hatte sicher nicht seinen besten Tag an diesem 30. Juni 1966, das steht ohne Zweifel fest. Wir haben mit Anstand verloren und waren gute Botschafter unseres Landes. Wir sind mit den englischen Spielern gute Freunde geworden. Gerade letzte Wochen waren wir in London zusammen und vierzig Jahre danach können wir auch darüber schmunzeln, denn ich weiß ja: Er war nicht drin.
Das Gespräch führte Ralf Piorr.

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