Als Handballtorhüter zog Fritz Herkenrath die erste Aufmerksamkeit auf sich, bevor er zum Start der Oberliga West das Fußballtor von Preußen Dellbrück, einem Vorortverein von Köln, hütete. 1952 wechselte er vom Rhein an die Ruhr zu Rot-Weiss Essen und erlebte dort innerhalb eines Jahrzehnts als feste Größe im Tor die Höhern und Tiefen des Vereins: Pokalsieg, Meisterschaft und Abstieg aus der Oberliga West.

RWE-Legende Fritz Herkenrath im Interview

Der fliegende Schulmeister

13. Februar 2007, 22:48 Uhr

Als Handballtorhüter zog Fritz Herkenrath die erste Aufmerksamkeit auf sich, bevor er zum Start der Oberliga West das Fußballtor von Preußen Dellbrück, einem Vorortverein von Köln, hütete. 1952 wechselte er vom Rhein an die Ruhr zu Rot-Weiss Essen und erlebte dort innerhalb eines Jahrzehnts als feste Größe im Tor die Höhern und Tiefen des Vereins: Pokalsieg, Meisterschaft und Abstieg aus der Oberliga West.

Herr Herkenrath, was hat einen gebürtigen Rheinländer 1952 nach Essen getrieben?

Im Prinzip habe ich damals ein sportliches Tief durchlebt. 1951 wechselte ich von Preußen Dellbrück zum 1. FC Köln und was für mich ganz entscheidend im Leben gewesen ist: Im Juni 1951 fand ein Länderspiel in Berlin gegen die Türkei statt, zu dem ich von Sepp Herberger eingeladen worden war. Mein Wechsel war kurz vorher bekannt geworden und Sonntagabends kriegte ich einen Anruf von einem DFB-Offiziellen: „Herr Herkenrath, Sie brauchen morgen nicht nach Berlin zu fahren. Der DFB legt keinen Wert auf Spieler, die den Verein wechseln!“ Da war ich ausgeladen. Und dann verlor ich beim 1. FC meinen Stammplatz an Franz de Munck, dem holländischen Nationaltorhüter, der auch - teuer eingekauft - in Kölner Diensten stand. Ein Debakel für mich: Da fällt also der Herkenrath radikal von ganz oben runter in den Keller, spielt in der Reserve und wird in der Presse kaum noch erwähnt.

Und wie ist RWE auf Sie gekommen?

Durch Zufall. Als die Essener zum Spiel nach Köln kamen, habe ich das Vorspiel in der Reserve gemacht, draußen auf den Vorwiesen. Die Zuschauer strömten zum Spiel der ersten Mannschaften und auch die Essener waren zeitig mit dem Bus da, schauten sich das Reservespiel an. Die haben also gesehen, der Herkenrath spielt nur in der Reserve. Dann kam eines Tages Georg Melches zu meinem Elternhaus nach Dellbrück und sagte, das hat mein Vater gar nicht verwinden können, (lacht) dass er mit mir alleine sprechen wollte. Ja, und da habe ich in ihm auch so eine väterliche Figur gesehen, ich vermutete keine Schlechtigkeit in dem Manne. Ich wollte allerdings auch beruflich weiter kommen. „Machen Sie sich keine Sorgen, es soll nicht Ihr Schaden sein“, sagte Melches. Schließlich sind Essener auch mit den Kölner übereingekommen. Was da hin und her geflossen ist, weiß ich nicht, aber ich spielte zu Beginn der Saison 1952/53 fortan bei Rot-Weiss und zog im November 1952 nach Essen-Frohnhausen.

Neben dem Fußball haben Sie weiterhin an Ihrer beruflichen Qualifikation gearbeitet.

Mein Lebensablauf in der ersten Zeit in Essen war so, dass ich morgens um viertel nach vier den Wecker rappeln hörte. Schnell ein kleines Frühstück und anschließend zum Frohnhausener Platz. Ich gurkte durch das ganze Industriegebiet Richtung Hauptbahnhof, wo ich in den Bus nach Kupferdreh umsteigen musste. Während ich auf den Bus wartete, kamen die Besoffenen aus den Bars auf ihrem Weg nach Hause über den Platz getorkelt. Anschließend ging es für mich in das Bummelbähnchen, das mich von Kupferdreh zur Zeche Heinrich nach Überruhr brachte. Um sechs Uhr begann die Frühschicht, und um sechs Uhr stand der Diplom-Sportlehrer Herkenrath auf der Zeche und machte Frühsport an der Berufsschule. Nach anderthalb Stunden auf demselben Weg wieder zurück zum Hauptbahnhof in den Zug nach Köln zum Werklehrer-Seminar. Dort ging es bis vier Uhr. Und dann fuhr ich zweimal in der Woche von da aus direkt mit meiner Sporttasche zum Training an die Hafenstraße. Erst nachdem ich mein Examen in Köln bestanden hatte und als Werklehrer bei der Heinrich Bergbau-AG angestellt wurde, ging es etwas ruhiger zu. In der Zeit bin ich auch mit dem Steiger in die Grube gefahren und haben den Untertagebergbau kennen gelernt.
Hat Sie als Rheinländer der Bergbau beeindruckt?

Es waren unvergessliche Erfahrungen. Es war mir zu blöd an einem Schreibtisch zu sitzen, wo ich minimale Arbeit hatte. Ich bin oft mit dem Wettersteiger runter gefahren, und wir sind in Gänge gekrabbelt, wo die Bergleute im Wasser standen und zum Teil nur in gehockter und gebückter Stellung arbeiten konnten. Die Flöze waren ja unten an der Ruhr sehr niedrig. Aber irgendwie hatte ich so ein Gefühl, dass es nicht mehr lange gut geht mit den Zechen. Es fing 1953/54 schon ein bisschen an zu knistern. Georg Melches sagte immer, meine Stelle bei der Bergbau AG wäre bombensicher. Für den war die Tatsache des Bergbaus unumstößlich.
Im April 1954 ging es mit RWE nach Südamerika. War Ihnen bewusst, was für ein Abenteuer die Reise werden würde?

Anfangs waren wir uns gar nicht so recht bewusst, was das auf sich hatte. Nach 36 Flugstunden kamen wir in Buenos Aires an und spielten gleich am nächsten Abend gegen Interpediente Buenos Aires. Das war schon ein Erlebnis, dieses Stadion durch die unterirdischen Gänge zu betreten, über die Treppe hoch auf den Rasen zu blicken, das ganze Rund durch das Flutlicht erhellt. Die Zuschauer waren durch einen Graben und durch hohe Zäune vom Spielfeld getrennt. Sicherheitsmaßnahmen! Das war uns alles in Deutschland unbekannt, es war reines Niemandsland für uns. Und dann kamen Penny Islacker und Helmut Rahn und hauten denen die Bälle in die Hütte: so links etwa mit dem Außenrist ins obere Eck oder rechts flach in die Ecke. Das war da eine Sensation. 4:2 gewannen wir in Buenos Aires, Penarol Montevideo in Uruguay schlugen wir mit 3:0.

Durch die Erfolge verlängerte sich die Tour von selbst?

Ja. Wir waren schon in Montevideo und sollten unbedingt noch einmal in Buenos Aires spielen. Juan Perón, der argentinische Staatschef, schickte ein Flugboot, das im Wasser landen kann, um uns zu holen. Wir mussten nur über den Río de la Plata, vom Nordufer zu Südufer, von Hafen zu Hafen. Beim ersten Aufenthalt in der argentinischen Hauptstadt hatte man uns noch in einer Kaschemme mit Puffcharakter im Hafenviertel untergebracht. Nach unseren Erfolgen residierten wir in einem noblen Strandhotel. Hätten wir anfangs verloren, wären wir wahrscheinlich in der Pampas gelandet und hätten irgendwo barfuss gegen Einheimische gespielt (lacht).

Jedenfalls kam danach die Erfolgssaison 1954/55 mit der Krönung: das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen den 1.FC Kaiserslautern.

Oh ja. Wir sind mit dem Zug nach Hannover gefahren. Es war ein sonniger Tag, das Niedersachsenstadion war voll besetzt und das Spiel ging los. Na ja, erzählen Sie mal, wie das erste Tor fiel. Sie brauchen mich nicht zu schonen (lacht)!

Nein, das müssen Sie selbst erzählen…

Ich weiß nicht so recht, wie es passiert ist. Das Spiel fing gerade erst an. Jedenfalls kam ein hoher Bogenball immer näher auf die Torlinie zu. Es war genug Zeit da. Ich sprang hoch und hörte dann irgendwie einen Laut, als wenn Willi Köchling, der mit seinem Gegenspieler aufs Tor zugelaufen kam, mir etwas zugerufen hätte. Ich guckte kurz weg und schon hatte ich den Ball in den Fingern, aber nicht richtig. Das Leder sprang mir kurz vor die Torlinie wieder aus den Händen, ich lag hilflos auf dem Boden und Wenzel von Kaiserslautern musste den Ball aus einem Meter nur noch über die Linie schubsen. So fing mein Endspiel an und es ging noch schlechter weiter. Wenige Minuten später stürmte Lauterns Linksaußen Scheffler mit dem Ball am Fuß in den Strafraum. Ich warf mich davor, wehrte den Ball ab, bekam aber einen Tritt auf den Knöchel. Ich merkte direkt einen stechenden Schmerz im Knöchel. Normalerweise hätte ich sagen müssen, es hat keinen Zweck mehr, aber Auswechselungen gab es noch nicht. Später hat sich herausgestellt, dass es eine Knorpelabsplitterung am Knöchel war. Die Verletzung hat mich komplett aus dem Rhythmus gebracht. Ich humpelte nur noch herum und fühlte mich unsicher beim Herauslaufen oder beim Abfangen eines Balls. Dieses Endspiel war für mich wirklich ein trauriges Endspiel.

Aber Sie sind trotzdem Deutscher Meister geworden.

Dennoch schlummert in mir der Vorwurf oder wenigstens das Gefühl, dass ich in vielen Spielen dazu beigetragen habe, dass Rot-Weiss an die Spitze gekommen ist. Das darf ich unverhohlen behaupten, aber im entscheidenden Moment… Gott sei Dank haben meine Kameraden das Spiel aus dem Feuer gerissen, das vergesse ich denen nie.

Warum ist es mit RWE nach der Meisterschaft bergab gegangen?

Eine Leitfigur wie August Gottschalk trat zurück, gute Leute wie Bernie Termath gingen weg und zweifelsohne sank das Niveau der Mannschaft. Vor allem kam auch das langsame Verblassen von Melches als großer Macher.

Und Helmut Rahn? Hatte er sich nach der WM 1954 verändert?

Im Grunde genommen hat er sich nicht verändert, nur die Menschen um ihn herum haben sich verändert und damit auch ihn. Wenn Sie mit dem Ruhm, zwei Tore im WM-Endspiel zu schießen, in das Ruhrgebiet zurückkommen, oder wohin auch immer, da hagelt es Einladung auf Einladung. Und die haben ihm sicherlich kein Sprudelwasser vorgesetzt. Aber der Helmut war in der Mannschaft immer ein Pfundskumpel. Auf einer Zugfahrt zu einem B-Länderspiel kam er gerade „auf Urlaub“ aus dem Knast, weil er alkoholisiert in eine Baugrube reingefahren war. Dann hat er uns während der Fahrt anderthalb Stunden über seine Knasterlebnis erzählt, buchreif, mit einer Komik! Er ging halt gern seine eigenen Wege und suchte nach den Spielen immer seine Kneipen auf, wo er sich mit seinen Kumpels, die auch treu zu ihm standen, traf.
Der erste Auftritt einer bundesdeutschen Nationalmannschaft in der Sowjetunion gehört sicher auch zu Ihren Karrierehöhepunkten.

Das Spiel 1955 in Moskau war außergewöhnlich. Adenauer hatte nicht so Recht Interesse daran, dass wir ein Freundschaftsspiel mit einem Land austrugen, in dem in Sibirien noch Tausende von deutschen Kriegsgefangenen lebten. Später traf ich einen dieser Kriegsgefangenen. Er erzählte mir, sie hätten im sibirischen Lager die russische Radio-Übertragung des Spiels gehört und nichts verstanden, nur Namen wie Fritz Walter und Helmut Rahn, aber das wäre ihnen schon wie die Heimat vorgekommen. Nach dem Spiel kamen die russischen Wächter zu den deutschen Gefangenen und haben ihren Wodka mit ihnen geteilt.

Was war im Rückblick das Besondere an der Oberliga West?

Ja (zögert), das war alles früher noch auf einer so harmlosen Ebene. Wenn man bedenkt, man fuhr mittags an der Hafenstraße los und war anderthalb Stunden später bei Preußen Münster im Stadion. Die Ränge waren zwar gut besucht, aber es gab keine Hektik, weder auf den Tribünen noch für uns Spieler. Sicher, man gab Autogramme für die Kinder, aber keinem von uns wurde sofort ein Mikrofon unter die Nase gehalten. Schließlich hat man sich umgezogen, eine Aufwärmphase draußen gab es selten oder gar nicht, weil einfach keinen zweiten Platz gab und auf den Hauptplatz durften wir noch nicht. Ohne großartige Vorbereitungen und nur mit ein paar Freiübungen, einigen Rumpfbeugen und ein paar Hopsersprüngen zum Aufwärmen in den verhältnismäßig kleinen Umkleideräumen ging es dann raus, und es wurde gespielt. So einfach war das. Natürlich war die Leistung bei weitem nicht so wie heute. Wir würden heute alle vielleicht mit dem damaligen spielerischen in einer guten Bezirksliga spielen. Mehr wäre da nicht drin. Sie sehen, das Fußballherz ist bei mir ziemlich erloschen.

Das Gespräch führte Ralf Piorr

Autor:

Kommentieren