Klinsmann will Torhüter rotieren lassen

jso
12. August 2004, 12:53 Uhr

Vor seiner Premiere als Bundestrainer hat sich Jürgen Klinsmann gegenüber dem Sport-Informations-Dienst (sid) zum DFB-Aufgebot, seinen Zielen und zur Einbürgerung von Schalkes brasilianischen Torjäger Ailton geäußert.

Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat vor seiner Länderspiel-Premiere als Bundestrainer am kommenden Mittwoch gegen Österreich dem Sport-Informations-Dienst (sid) gegenüber Fragen zu seinem Kader und seinen Zielen mit der DFB-Elf beantwortet.

Frage: "Herr Klinsmann, am kommenden Mittwoch feiern sie bei der Partie in Wien gegen Österreich ihr Debüt als Bundestrainer. Sie haben nur 19 Spieler nominiert. Warum ist der Kader relativ klein?"

Jürgen Klinsmann: "Generell haben wir uns grundlegend Gedanken gemacht, wie viele Spieler wir in der Testphase bis 2006 zusammenziehen. Wir wollen lieber einen kleinen Kader und dafür intensiver mit den Spielern arbeiten."

Torhüter sollen rotieren

Frage: "Sie haben in Oliver Kahn, Jens Lehmann und Timo Hildebrand drei Torhüter dabei. Wer wird denn spielen, und sehen sie keine Probleme mit dem langjährigen Stammtorwart Kahn, wenn dieser nicht zum Einsatz kommen sollte?"

Klinsmann: "Wir haben 3 Torhüter dabei, um uns ein Bild zu machen, und zu spüren, wie die Chemie untereinander ist. Wohl wissend, dass wir einem sagen müssen: "Du kommst nicht zum Einsatz". Wir wollen ein kleines Rotationsprinzip einführen, um jedem die Möglichkeit zu geben, sein Können unter Beweis zu stellen. Wir werden die Torhüter von Spiel zu Spiel wechseln. Wenn wir das jetzt nicht probieren, wann dann? Ich denke, Olli wird damit kein Problem haben, weil er schon zu lange dabei ist."

Magath bremst Deisler und Görlitz

Frage: "Warum ist Sebastian Deisler von Rekordmeister Bayern München trotz seiner derzeit überragenden Form nicht dabei? Gab es da Probleme mit der Bayern-Führung?"

Klinsmann: "Ich habe lange Telefonate mit Uli Hoeneß und Felix Magath geführt. Es geht in erster Linie um die Entwicklung von Sebastian Deisler. Wir wollen ihn nicht in eine extreme Situation zwingen, die nicht nötig ist. Sein toller Auftritt in der Bundesliga freut uns alle, aber wichtig ist die Entwicklung in Richtung 2006. Es geht nicht um das Tagesgeschäft. Das hat nichts mit einem Machtkampf zu tun, das gibt es bei mir nicht. Es geht um die Kommunikation mit den Trainern und Managern. Dasselbe ist beim Thema Andreas Görlitz der Fall. Felix hat mir gesagt, er braucht noch ein bisschen Zeit. Von unserer Seite ist das kein Problem. Ich sehe keine Problematik, mit den Trainern zu reden und deren Meinung einzuholen. Nur sie können den Leistungsstand beurteilen und grünes Licht geben."

Bobic, Kehl und Hamann weiter im Kandidatenkreis

Frage: "Sie haben auf erfahrene Spieler wie Fredi Bobic, Sebastian Kehl oder Dietmar Hamann verzichtet. Was ist der Grund dafür?"

Klinsmann: "Wir haben uns ein Bild über 30, 40 Spieler gemacht. Die gehören nach wie vor dazu. Ich habe zum Beispiel mit Fredi Bobic und Dietmar Hamann telefoniert und ihnen gesagt, dass bei uns der Wunsch da ist, junge Spieler ins kalte Wasser zu werfen. Aber jeder, der in Portugal dabei war, wird weiter beobachtet. Wenn sie Superleistungen im Klub bringen, werden sie wieder dabei sein."

Frage: "Was sind ihre vorrangigen Ziele beim ersten Spiel und beim ersten Zusammentreffen mit den Profis?"

Klinsmann: "Ich habe nur die WM 2006 im Kopf. Wir wollen natürlich gewinnen und guten Fußball zeigen. Aber was zählt, ist die WM und sonst nichts. Dieses Spiel läutet die Phase ein, in der wir ein Gespür für die Mannschaft entwickeln wollen. Wir wollen die Jungs kennenlernen. Wir wünschen uns alle, dass nach der Enttäuschung Euro wieder eine Aufbruchstimmung eingeläutet wird. Die Jungs sollen merken: Das Projekt 2006 geht jetzt los. Wir möchten unsere Dynamik entwickeln und das ein oder andere Tor schießen."

Ailton kein Thema für "Klinsi"

Frage: "Der brasilianische Torjäger Ailton hat erneut betont, dass er gerne für Deutschland spielen würde. Wie stehen Sie dieser Absicht gegenüber?"

Klinsmann: "Bei aller Wertschätzung für ihn, aber er ist Brasilianer. Ich wünsche ihm, dass er sich einen Platz in der brasilianischen Mannschaft erkämpft."

Frage: "Sie reisen nicht direkt nach dem Spiel, sondern erst am Tag darauf mit der Mannschaft wieder nach Hause. Was sind die Gründe dafür?"

Klinsmann: "Ich habe die Philosophie, dass die Mannschaft nach dem Spiel noch einmal zusammen sein soll. Das ist wichtig vom Teamgedanken her. Letztendlich ist es auch im Sinne der Vereine, wenn die Spieler sich ausruhen, massiert oder medizinisch versorgt werden."

Frage: "Wie sind Ihre persönlichen Gefühle vor Ihrer Premiere?"

Klinsmann: "In erster Linie freue ich mich, dass es endlich losgeht - in sportlicher Hinsicht. In den letzten Wochen wurde deutlich, welchen Stellenwert die Nationalmannschaft hat, aber mit dem Druck konnte ich schon als Spieler umgehen."

Autor: jso

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