DFB-Trainer Skibbe scheut keine großen Sprüche

er
23. Juni 2004, 13:04 Uhr

"Wir haben ein Team, das international allen Ansprüchen genügen kann", äußerte sich Michael Skibbe vor der EM-Partie gegen Lettland (0:0). Wegen seiner forschen Sprüche erntet der DFB-Trainer nicht allein Zuspruch.

Wenn sich DFB-Teamchef Rudi Völler eine Medienpause verordnet, rückt Michael Skibbe in den Focus der Öffentlichkeit. Es schmeichelt dem gebürtigen Gelsenkirchener, wenn er als Bundestrainer angesprochen wird, auch wenn er es de facto gar nicht ist. Der frühere Dortmunder Bundesligacoch ist DFB-Trainer, zwar der mit den höchsten Befugnissen, aber eben nicht mehr. "Rudi ist als verantwortlicher Teamchef bei unseren Beschlüssen immer um eine Nasenlänge voraus. Und ich ziehe mit am gemeinsamen Strang", umreißt er denn auch realistisch seine Kompetenzen.

Im Licht der Öffentlichkeit scheut Skibbe aber im Gegensatz zu seinem Chef keine großen Sprüche, betätigt sich permanent als Lautsprecher der Nation und muss höllisch aufpassen, dass er nicht überdreht. "Wenn ich nicht das Gefühl hätte, daß wir etwas erreichen könnten, würde ich mich viel vorsichtiger äußern", rechtfertigt Völlers rechte Hand seine forschen Töne.

Gefühl ähnlich wie bei der WM 2002

So wartete Skibbe frühzeitig damit auf, dass er vor der EM ein ebenso gutes Gefühl wie vor der WM 2002 gehabt habe, als die DFB-Elf überraschend bis in Finale durchmarschierte. Der frühere Schalker und Wattenscheider Profi riet im Trainingslager im Schwarzwald sogar dazu, die PR-Aktion eines Elektronik-Riesen zu nutzen. Dieser würde beim EM-Titelgewinn der deutschen Mannschaft den vollen Kaufpreis für einen Fernseher zurückerstatten, den man an einem bestimmen Tag erworben haben musste.

Vor dem Match gegen die Niederlande hatte Skibbe vollmundig angekündigt, dass man dem Gegner den Schneid abkaufen werde, was phasenweise ja auch gelang. Vor der Nullnummer gegen die Letten meinte der DFB-Nachwuchskoordinator: "Wir haben ein Team, das international allen Ansprüchen genügen kann." Zu sehen war gegen den 53. der Weltrangliste davon wenig. Dennoch wich Skibbe auch vor dem Gruppen-Finale gegen Tschechien nicht von seiner optimistischen Grundhaltung ab. Im Gegensatz zu Völler verzichtet der rhetorisch gewandte Fußball-Lehrer bei seinen Prognosen zumeist auf den Konjunktiv. "Weil wir als Mannschaft gut funktionieren und jeder einzelne sich total einbringt, um seine Aufgabe zu erfüllen, die er für Deutschland zu leisten hat, bin ich auch gerne selbstbewusst. Wir können was - und das zeigen wir auch", sagte Skibbe bei seiner Ein-Mann-Show zwei Tage vor dem Match gegen die Tschechen.

Skibbe, der im Spätsommer 2000 von Völler mit ins Boot genommen wurde und der den Teamchef mittlerweile längst als seinen Freund betrachtet, läuft derzeit aber Gefahr, bei einem Versagen des Vize-Weltmeisters heftig Prügel zu beziehen. Nach dem Lettland-Spiel wetzte bereits der Boulevard die Messer gegen Rudis treuen Gefährten. Die Bild-Zeitung titulierte Michael Skibbe wegen der bislang gegen die Niederlande und Lettland unglücklichen Auswechslungen schon als "Fehler-Flüsterer". Darüber konnte Skibbe noch lachen: "Rudi hat mich bereits als Pferdeflüsterer bezeichnet."

"2006 muss nicht das Ende sein"

Das Lachen könnte Michael Skibbe aber schnell vergehen, wenn der Erfolg ausbleibt. "Es wird kommen, wie es kommt. Allein die sportlichen Ergebnisse werden entscheiden, wie lange wir in der Verantwortung stehen", äußert der DFB-Coach und weiß die Mechanismen des Geschäfts, richtig einzuschätzen. Bis zur WM in zwei Jahren will Skibbe, der keine eigenen Ambitionen auf den Job des Cheftrainers hat, aber noch gemeinsam mit Völler die Geschicke der Nationalmannschaft leiten - am liebsten sogar länger: "2006 muss nicht das Ende sein. Man muss sehen, wie dann die Situation nach einer WM im eigenen Land ist", sagt er.

Autor: er

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