Die Generalprobe für die EM-Endrunde in Portugal ging für die deutsche Nationalmannschaft gründlich daneben. In Kaiserslautern siegte Ungarn 50 Jahren nach dem legendären WM-Finale von Bern mit 2:0 (2:0).

Ungarn entzaubert ideenlose DFB-Elf

06. Juni 2004, 21:04 Uhr

Die Generalprobe für die EM-Endrunde in Portugal ging für die deutsche Nationalmannschaft gründlich daneben. In Kaiserslautern siegte Ungarn 50 Jahren nach dem legendären WM-Finale von Bern mit 2:0 (2:0).

Gut 50 Jahre nach dem "Wunder von Bern" hat die deutsche Nationalmannschaft bei der EM-Generalprobe gegen Ungarn ein "blaues Wunder" erlebt. Beim 0:2 (0:2) in der Gala aus Anlass des "goldenen Jubiläums" von Deutschlands erstem WM-Triumph 1954 in der Schweiz im Finale gegen die Magyaren bot der Vizeweltmeister in Kaiserslautern eine enttäuschende Vorstellung. Nach der Blamage gegen die vom deutschen Rekordnationalspieler Lothar Matthäus betreuten und von 22 Absagen gebeutelten Osteuropäer muss DFB-Teamchef Rudi Völler, der in seinem 50. Länderspiel als Trainer keinen Grund zur Freude hatte, dem EM-Auftaktspiel am 15. Juni in Porto gegen die Niederlande mit großen Sorgen entgegensehen.

Der international unbekannte Sandor Torghelle besiegelte die erste Heimniederlage gegen Ungarn seit über 19 Jahren (im Januar 1985 in Hamburg 0:1) fast im Alleingang. Der "Doppelpack" des 22-Jährigen von MTK Budapest bedeutete für das deutsche zudem die erste verlorene Generalprobe vor einem Großereignis seit dem 1:3 vor 26 Jahren in Schweden vor der WM in Argentinien.

Schwache erste Hälfte des DFB-Teams

Matthäus, der angesichts eines Angebotes von Besiktas Istanbul in der Pfalz schon letztmals für die Ungarn verantwortlich gewesen sein könnte, hatte vor dem Anpfiff der Absagen-Flut für den Erinnerungskick positive Aspekte abzugewinnen versucht: "In der Zusammensetzung wird das Team nie mehr zusammenspielen. Deswegen haben wir nichts zu verlieren, und das ist vielleicht unsere Chance."

Das Team von Matthäus, 1990 zusammen mit Völler unter Franz Beckenbauer Weltmeister, begann beherzt. Zumal der WM-Zweite vor 36.590 Zuschauern im ausverkauften Fritz-Walter-Stadion, darunter auch Bundespräsident Johannes Rau sowie Ungarns Staatspräsident Ferenc Madl, im ersten Durchgang eine erschreckend schwache Leistung bot.

Torghelle nicht zu stoppen

Neun Tage vor dem Duell mit den Niederlanden lief bei den Gastgebern nur wenig zusammen. Vor allem in der Abwehr und im Mittelfeld offenbarte die DFB-Auswahl eklatante Schwächen. Doch auch im Angriff konnten weder Miroslav Klose, der nach fünf Jahren im Trikot der 1. FC Kaiserslautern seine Abschiedsvorstellung vor seinem Wechsel zu Werder Bremen auf dem Betzenberg gab, noch Fredi Bobic die ungarische Abwehr in Gefahr bringen. Kombinationen waren im deutschen Spiel Mangelware. Dafür bot der dreimalige Welt- und Europameister eine nicht für möglich gehaltene Fehlpass-Orgie.

Nachdem Torghelle bereits in der zweiten Minute erst im letzten Moment von Jens Nowotny bei einer hervorragenden Chance gestört werden konnte, gelang dem Angreifer von MTK Budapest fünf Minuten später die überraschende Führung für die Gäste, als er einen anfängerhaften Fehler von Routinier Christian Wörns ausnutzte. Torwart und DFB-Kapitän Oliver Kahn war bei diesem Gegentreffer ebenso machtlos wie in der 31. Minute, als wiederum Torghelle ein Missverständnis in der deutschen Hintermannschaft ausnutzte. Nowotny wie auch Andreas Hinkel, der wie schon beim 7:0 gegen Malta einen Fehler nach dem anderen produziert hatte, sahen in dieser Situation nicht gut aus

Tätlichkeit von Hamann bleibt ungeahndet

Gegen die bessere B-Auswahl der Magyaren erspielte sich das deutsche Team in der ersten Hälfte keine Torchance. Michael Ballack mit einem Freistoß (16.) sowie Dietmar Hamann nach einer halben Stunde sorgten immerhin für etwas Unruhe bei Ungarns Torwart Gabor Kiraly von Hertha BSC Berlin, der als einziger Bundesliga-Legionär im Gäste-Team stand.

Die DFB-Mannschaft hatte noch Glück, dass sie nach einer halben Stunde nicht dezimiert weiterspielen musste. Denn nach einer klaren Tätlichkeit von Hamann gegen Leandro hätte der England-Legionär im Normalfall die Rote Karte sehen müssen.

Schweinsteiger und Podolski debütieren

Völler reagierte und brachte zur zweiten Hälfte unter anderem auch den 19-jährigen Bastian Schweinsteiger für Hinkel. Der unter der Woche von der U21-Mannschaft zum A-Team gestoßene Münchner feierte als Neuling Nummer 25 in der "Ära Völler" sein Debüt in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes und ging als Nationalspieler Nummer 828 in Deutschlands 96-jährige Länderspiel-Geschichte ein.

Nach dem Seitenwechsel gingen die DFB-Spieler engagierter zu Werke und erspielten sich auch gute Gelegenheiten. Bobic (47.), der für Klose eingewechselte Thomas Brdaric (48.) sowie der insgesamt schwache Spielmacher Ballack (53.) vergaben den Anschlusstreffer. In der 56. Minute hatten die Gäste allerdings eine große Gelegenheit zum 3:0, als Kapitän Zoltan Gera freistehend vergab. Mit einem geschickten Pass hatte zuvor Torghelle die komplette DFB-Abwehr düpiert. Im Anschluss hatten Schneider per Freistoß und erneut Brdaric weitere Möglichkeiten für die Gastgeber. Doch auch die Einwechselung des Kölners Lukas Podolski, der mit 19 Jahren und zwei Tagen als drittjüngster Debütant nach Uwe Seeler und Olfa Thon zu seinem ersten Länderspiel kam, brachte nicht die erhoffte Wende.

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