Kapitän Kahn teilt vor Italien-Test kräftig aus

jt
20. August 2003, 22:41 Uhr

Vor dem heutigen Länderspiel in Stuttgart gegen Italien hat Deutschlands Nationalkeeper Oliver Kahn die Mentalität der deutschen Profis kritisiert: "Spieler bleiben schon zu Hause, weil ihnen der Zeh weh tut."

Nach den vielen Absagen für den heutigen Länderspiel-Klassiker (20.45 Uhr) der DFB-Auswahl gegen den dreifachen Weltmeister Italien in Stuttgart hängt der Haussegen im deutschen Lager ein wenig schief. Torhüter Oliver Kahn hat vor dem Saisondebüt der deutschen Nationalmannschaft Alarm geschlagen. Der Kapitän verurteilte unverblümt die Weichei-Mentalität einiger Berufskollegen und vor allem die Verantwortungslosigkeit vieler Bundesliga-Trainer und Vereins-Offizieller gegenüber der Nationalmannschaft.

"Brasilianer kommen mit dem Kopf unter dem Arm"

"Die Brasilianer kommen selbst zu Länderspielen, wenn sie den Kopf unter dem Arm tragen. Es kann bei uns nicht mehr sein, dass Spieler zu Hause bleiben, nur weil der Zeh im linken Fuß weh tut", verwies der Torwart von Bayern München auf die unabhängig vom Nationalstolz offenbar unterschiedliche Berufsauffassung. Zudem unterstellte der 34-Jährige, dass die Klubs oft aus Egoismus die Arbeit von DFB-Teamchef Rudi Völler behindern und somit dem deutschen Fußball einen Bärendienst erweisen: "Die Vereinsvertreter müssen sich vor Augen führen, dass die Nationalmannschaft das Zugpferd ist. Wenn wir schlecht spielen, wird das im Ausland ganz besonders verfolgt."

Kahn wies eindringlich darauf hin, dass sich die deutsche Mannschaft ab sofort auf einem Marathon befände, der mit der Zwischenstation EM-Endrunde 2004 in Portugal die WM 2006 in Deutschland als Ziel habe. "Ich habe noch die EM 2000 im Kopf und keine Lust, nochmals so ein Desaster zu erleben", erinnerte der Welttorhüter 2002 an die Katastrophen-Euro in Belgien und den Niederlanden. Damals war eine von allen Bundesliga-Klubs unterstützte so genannte Task Force zur Rettung des deutschen Fußballs gegründet worden, von der drei Jahre später niemand mehr spricht.

Mannschaft soll sich finden

Um eine Peinlichkeit wie 2000 zu vermeiden, sei es wichtig, dass sich so schnell wie möglich ein Mannschaft findet. "Jetzt werden die Weichen für die nächsten drei Jahre gestellt. Deshalb ist ab sofort jedes Länderspiel wichtig", sagte Kahn, der sich der Problematik von Teamchef Rudi Völler durchaus bewusst ist: "Für ihn ist es unheimlich schwer, wenn zu jedem Spiel 15 Neue kommen." Allein gegen die "Squadra Azzurra" fallen acht Spieler aus. Kahn räumte trotz seiner Pauschalkritik aber ein, dass die meisten der in Stuttgart fehlenden Akteure wie zum Beispiel Michael Ballack tatsächlich nicht einsatzfähig sind.

Baumann ud Kehl wieder fit

Völler freute sich zwar über die Unterstützung aus der Mannschaft, wollte über dieses leidige Thema aber nicht weiter lamentieren. Vielmehr registrierte er erfreut, dass die angeschlagenen Sebastian Kehl und Frank Baumann, der mit Christian Wörns die Innenverteidigung bilden wird, am Mittwoch wieder trainieren konnten. "Bei unserer personellen Situation wäre es fatal gewesen, wenn noch zwei Spieler ausgefallen wären", sagte der 43-Jährige, der dennoch gegen das Team von Giovanni Trapattoni vor 49.000 Zuschauern im ausverkauften Gottlieb-Daimler-Stadion ein "attraktives Spiel" erwartet.

Gegen die "Azzurri" wird die DFB-Auswahl erneut mit einer Viererkette agieren. "Unser System hängt immer von dem Spielermaterial ab, das mir zur Verfügung steht. Da müssen wir flexibel sein", erklärte der Teamchef und reagierte damit auch auf die Kritik von Jens Jeremies, der in einem Interview ein einheitliches Spielsystem gefordert hatte.

Autor: jt

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